Gesellschaft

Treffen mit Christoph

Treffen mit Christoph

Unerwartete Begegnungen im Zug und in der Wandelhalle

Mittwochmorgen im 8-Uhr-Zug nach Bern. Ungestüm tritt ein elegant gekleideter Herr mit einem grossen Koffer in den Waggon. Entledigt sich seines Mantels, setzt sich blitzschnell hin, packt seinen Laptop aus, setzt ihn in Betrieb, packt einen grossen Wälzer aus, blättert darin, sucht nach Textstellen und schreibt sie im Zweifingersystem in eleganten Bewegungen ins System. Ich sitze nebenan im Viererabteil, bin in einen Zeitungsartikel vertieft, beachte das hektische Treiben nur im Ansatz, bin etwas erstaunt, meine Sitznachbarn auch, sie tuscheln. Ich widme mich wieder voll meiner Zeitungslektüre. 

Gleichzeitig blicken wir auf, erkennen uns, er steht auf, begrüsst mich. Wir kennen uns aus der gemeinsamen Zeit im Zürcher Kantonsrat. Wir kommen ins Gespräch. Christoph Mörgeli fragt nach meinem Befinden. Ich ihn nach seiner Arbeit. Er zeigt mir das Buch: eine Biografie über Gottfried Keller. „Schon grossartig, was diese Männer alles geleistet haben“, meint er. Wir reden von Kaspar Escher, ich erwähne Ulrich Ochsenbein, der unsere Institutionen erfunden, entwickelt, der unser Zweikammersystem in die Tat umgesetzt, der als General und später als Bundesrat die moderne Schweiz „erfunden“ hat, der aber auch der Erste war, der als Bundesrat abgewählt worden war. Alle hören uns zu. Ich bin versucht, ihn nach der SVP, nach ihrem abgewählten Bundesrat und ihrer Befindlichkeit zu erkundigen, heute, eine Woche nach den Bundesratswahlen. 

Ich lasse das, es hat zu viele Zuhörer. Wir bleiben bei den alten, den historisch so bedeutsamen Schweizern. Hätten wir doch heute wieder solch herausragende Politiker, ist unser Fazit. Wie beginnen zu frotzeln. Ich meine, er solle aufpassen, dass er mit den Keller-Zitaten nicht ein Plagiat verfasse. Er lacht, setzt zu einer Replik an ..., da läutet lautstark sein Handy. Er redet und redet, manchmal laut, dann wieder ganz leise. Es geht um die SVP, um ihre Befindlichkeit. Die Aufmerksamkeit der Mitreisenden schwindet. Ich widme mich den Zeitungen, meine Nachbarn ihrer kommenden Sitzung, die schwierig zu werden scheint. 

Wir erreichen Bern. Christoph Mörgeli steht schon am Ausgang; er hat es eilig. Die heutige Sitzung läuft seit 08:00 Uhr. Ich habe Zeit, schlendere durch die Berner Altstadt, erfreue mich am Lichterglanz, erreiche das Bundeshaus. Obwohl mit einem Zutritts-Badge ausgestattet, habe ich mich wie jeder Besucher einem Sicherheitscheck zu unterziehen, einer Sicherheitskontrolle wie am Flughafen. 

In der Wandelhalle ist es erstaunlich ruhig, wohl anders als am vergangenen Mittwoch, der Nationalratssaal dagegen ist ungewöhnlich stark besetzt. Auf wenn treffe ich in der stillen Wandelhalle zuerst? Fürwahr auf Christoph Blocher, und bei ihm sitzt Christoph Mörgeli. Christoph Blocher begrüsst mich freundlich mit einem fast schelmischen Lächeln. Er meint zu Christoph Mörgeli: „Der hat mich damals bei der EWR-Abstimmung ganz stark herausgefordert.“ Ich denke nach, was könnte er meinen? „War das bei der legendären Sendung in Schwyz im Bundesbriefarchiv?“, frage ich. „Nein, da war ich nicht dabei, da hast Du mich nicht eingeladen. Es war im Studio in der Abschluss-Sendung. Da hast Du mir Carlo Schmid, den streitbaren CVP-Ständeherr aus dem Appenzellerland und eigentlichen EWR-Gegner, gegenübergestellt. Das war nicht fair.“ Ich erinnere mich und entgegne: „Carlo Schmid war als CVP-Mann genauso wie die Partei für den Beitritt zum EWR.“ Blocher: „Ja, der hat seine Meinung auf Druck hin gewechselt, im Herzen war der ein Gegner.“ Wir tauschen Erinnerungen aus, er scheint nichts vergessen zu haben. Mit ihm lässt sich immer erfrischend streiten, auch über Vergangenes. 

„Und jetzt“, frage ich, „wie war es bei Schawinski am letzten Montag?“ "Ja, wir haben uns das lange überlegt, ob ich überhaupt hingehen soll. Wir haben uns dazu entschieden, weil wir ja so selten drankommen. In der Arena können wir, wenn überhaupt, immer nur einen nach vorne schicken, da müssen wir alle Möglichkeiten wahrnehmen.“ Ich lache laut auf: „Ihr seid immer und ja gerade jetzt in den Medien mehr als präsent, wohl nicht so, wie ihr es euch wünscht.“ Blocher: „Aber immerhin habe ich Schawinski ganz schön herausgefordert, konnte ihm einiges entgegenhalten. Und diese Zitate, die er immer bringt, was soll das ... aus dem Zusammenhang gerissen.“ Wir verabschieden uns freundlich. Er ruft mir nach: „Früher - zu Deiner Zeit - war es beim Fernsehen besser als heute ...“. Wie soll ich darauf reagieren? Ich lasse die Bemerkung in der Wandelhalle verhallen. 

Auf der Heimfahrt stosse ich im Tagesanzeiger auf ein Inserat: „Neujahrsveranstaltung mit Christoph Blocher in Niederglatt“. Das Thema: Würdigung grosser Zürcher Persönlichkeiten. Darunter Gottfried Keller.

 

Kommentare

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Amüsant zu lesen. Warum nur

Amüsant zu lesen. Warum nur habe ich nach der Lektüre nur den Eindruck, die Christoph's leben in der Vergangenheit? Ja ja früher, ......... !

Ein Treffen mit Christoph...

Vielen Dank für Ihre treffende Kolumne Herr Schaller über die beiden Christophs....  

Vielleicht lernen die beiden Christophs an der Neujahrsversammlung doch noch etwas, falls sie echt gewillt sind, sich mit dem Thema "Grosse Zürcher Persönlichkeiten" auseinanderzusetzen oder sie betrachten sich selber jetzt schon vorweg als die Grössten? Was zu befürchten ist!