Noch hat sich die Aufregung nicht gelegt, noch werden Messer gewetzt, noch wollen Medien und die Politik die Ernte einfahren. Die Ernte aus einer unappetitlichen Affäre, aus der Affäre Hildebrand. Die Medien hoffen auf Auflagen und Zuschauerquoten, die Politiker ereifern sich, erkennen plötzlich, dass sie ja als Kontrolleure aktiv sein sollten und nun auch sein wollen. Eine Aufgabe, die sie schon immer hatten, an die sie sich plötzlich erinnern. Noch werden weitere Institutionen und damit auch Personen an den Pranger gestellt: der Bankrat und insbesondere der Präsident der Aufsichtsbehörde, Hansueli Raggenbass, ein Thurgauer Rechtsanwalt, der bis jetzt niemandem aufgefallen ist, dessen Namen kaum jemand kannte. Noch füllen Leserbriefe die Spalten der Tageszeitungen.
Im Tagesanzeiger vom Mittwoch beispielsweise gibt es nur eine Meinung: Die Schweiz verliert mit Philipp Hildebrand einen brillanten Kopf, einen Mann mit internationaler Ausstrahlung, einen Mann, der auch in seiner wohl schwersten Stunde unaufgeregt, brillant zu kommunizieren weiss, der selbst den deutschen Bundespräsidenten Christian Wulff, ein Mann in ähnlicher Lage, rhetorisch weit in den Schatten stellt. Am Pranger steht nicht er, sondern die SVP mit Christoph Blocher an der Spitze.
Selbst in neusten Umfragen ist noch immer die Mehrheit der Meinung, Philipp Hildebrand hätte eine zweite Chance verdient gehabt.
Warum wird er von weiten Teilen der Bevölkerung geschont, gar geachtet, respektiert trotz seiner Devisengeschäfte? Warum wird vielen erst jetzt klar, dass Hildebrand ein strahlendes Aushängeschild der Schweiz war, dass er eine hervorragende Arbeit geleistet hatte, als es galt, die UBS vor dem Untergang zu retten, als es galt den Franken zu schwächen und der Schweizer Wirtschaft zu helfen, weiterhin auch mit der starken Schweizer Währung im internationalen Wettbewerb bestehen zu können und wo es letztlich galt, Arbeitsplätze in der Schweiz zu sichern?
Die Antwort ist wohl vielschichtig. Erstens: In der breiten medialen Aufbereitung sind die Leistungen Hildebrands nicht untergegangen. Im Gegenteil: Sie werden immer wieder zitiert und sind so von vielen im sensationsträchtigen Umfeld erstmals ganz bewusst wahrgenommen worden.
Zweitens: Seine beiden medialen Auftritte machten vielen bewusst, dass auch ein Schweizer eine brillante, kommunikative Wirkung zu erzeugen weiss. Keiner der medial präsenten Schweizer Spitzenpolitiker kann ihm das Wasser reichen, ob er nun deutsch, französisch, englisch oder luzernerdütsch frei in die Kamera spricht. Seine Eloquenz lässt erahnen, warum er international eine solche Reputation geniesst. Schlicht deshalb, weil er sich mit den wichtigsten Menschen in der globalen Wirtschafts- und Finanzwelt in ihrer geläufigen Sprache unterhalten kann. Nicht nur das, er kann sie auch in ihrer kulturellen Verschiedenheit verstehen.
Drittens: Wir Schweizer haben solche auf den Mann gespielten medialen Angriffe nicht gern. Sie lassen uns erschaudern, machen uns aufmerksam auf Täter und Opfer.
Und viertens: In dieser ganzen Affäre gibt es ein Opfer, das sich missbraucht fühlt. Das schwächste Glied in der Kette dieser Enthüllungsgeschichte ist der IT-Mann der Bank Sarasin, der die Daten geklaut hat, sie an seinen Freund und Rechtsanwalt Hermann Lei (SVP-Kantonsrat) weitergeleitet hat, der sie seinerseits an Christoph Blocher zur politisch motivierten Aktion übergab.
Dem fristlos entlassenen IT-Mann ist die Sache über den Kopf gewachsen, er hat alles verloren, möglicherweise sogar die Achtung vor sich selbst. Wer steht ihm jetzt bei? Ist es Urs Paul Engeler, der „Weltwoche-Enthüllungsjournalist“, der ihn ungefragt als Quelle missbrauchte? Ist es Roger Köppel, der Weltwoche-Chef, der sich mit der Enthüllung brüstet, gar meint, die Ehre der Nationalbank gerettet zu haben? Ist es Christoph Blocher, der sich jetzt als Überbringer oder missverstandener, schlichter „Briefträger“ der schlechten Nachricht sieht und nun aus seiner Sicht unberechtigte Prügel bezieht?
Der IT-Mann hat das Bankgeheimnis gebrochen. Er wird wohl oder übel zur Rechenschaft gezogen werden. Und die andern? Sie sind zumindest aufgefordert, ihrem Informanten in dieser schweren Zeit zur Seite zu stehen.
Philipp Hildebrand jedenfalls hat dem Mann schon bei seiner ersten Medienkonferenz eine „gewisse Sympathie“ entgegengebracht. Er hat wohl sehr schnell gemerkt, dass seine von ihm offengelegten Devisengeschäfte zum Stolperstein werden könnten, dass seine Verteidigungslinie über seine Frau bis ins letzte Detail hinterfragt werden würde. Er hat schnell zur Kenntnis nehmen müssen, dass auch die Bankräte ihre eigene Haut zu retten versuchen und immer stärker von ihm abrücken werden. Und er hat wohl vorausgesehen, dass seine Gegner nicht Ruhe geben werden und ohne Rücksicht auf Verluste nur eines im Sinne hatten: seinen Rücktritt. Genauso wie sie mit ihrem Informanten verfuhren: Der Mohr hat seine Pflicht getan, der Mohr kann gehen.
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Es wird wohl relativ einfach sein, festzustellen, wer da was unrechtmässig getan hat!
Sehr, sehr viel schwieriger wird die Beantwortung der Frage, welches Unrecht welches Unrecht rechtfertigte? Wie wir alle wissen hängen solche Beurteilungen weltweit von den Zusammensetzungen der Gerichte ab! In der Schweiz werden diese Fragen meist in etwa im Stimmenverhältnis 75 : 25 entschieden.
"..........der werfe den ersten Stein!"
Warten wir doch die Untersuchungen der Gerichte ab.Wer hat was und wo und warum?
In ein paar Monaten werden wir es hoffentlich wissen!
Ich habe einmal gelernt, dass eine Führungspersönlichkeit drei V’s beachten sollte: Vorbild, Vertrauen, Verantwortung ... an erste Stelle aber Vorbild!
Es mag jemand noch so „eine brillante, kommunikative Wirkung erzeugen …“ – so sollte er auch Vorbild sein!
Hans-Rudolf Winkelmann
Der Informationswettkampf der Medien ist offensichtlich und grotesk. Zum Glück hat die SNB selbst erkannt, dass für all jene die das notwendige Gespür nicht haben, die Vorgaben dringend angepasst werden müssen. Gewinnerin wird also die SNB sein!
Die Leserkommentare (toll: viele von ihnen anonym unter einem Pseudonym) strotzen genau so wie viele Leserbriefe in den Zeitungen vor böswilliger Unterstellung. Abgesehen davon, dass es eine lächerliche Vermutung ist, dass jemand mit einem Millioneneinkommen und entsprechendem Vermögen seinen Job für weniger als einen Monatslohn aufs Spiel setzt, trifft die Behauptung des Insiderverhaltens schlicht nicht zu. Zum Glück dokumentiert nun die NZZ (links von der Weltwoche und für viele deshalb eine linke Zeitung) minutiös, was alles zwischen 3. und 15. August 2011 über die bevorstehende Frankenabwertung gesagt und geschrieben worden ist (http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/die_luege_vom_insider-g...), z.B. am 14.8.2011 Medien am 14. August: «Nationalbank plant Untergrenze für Euro-Franken-Kurs.»
Matthias Wiesmann
Ja sicher, die Schweiz verliert einen brillanten Kopf der leider dringend auf einen kleinen Nebenverdienst angewiesen war. Zum Glück konnte sich das von finanziellen Nöten arg geschüttelte Ehepaar dank ihren Fähigkeiten, dem Insider Wissen und der hervorragenden Zusammenarbeit schlecht und recht über die Runden bringen (er war zuständig für das Timing, sie für die Ausführung).
Ich hege ebenfalls eine 'gewisse Sympathie' für den IT-Mann. Ohne ihn wäre dieser ganz legale Missbrauch nie an die Oberfläche gekommen und man hätte es verpasst, die Spielregeln an den Standard einer vertrauenswürdigen Zentralbank anzupassen!
Verloren hat vor allem die Schweiz. Das Bankgeheimnis gilt nur noch für die Schweizer Steuerbehörde, amerikanische Behörden und SVP-Mitglieder können scheinbar alle Daten einsehen. Eigentlich wäre eine Erklärung der Bank Sarasin fällig. Man(n) kann natürlich den IT-Mann bewundern, vielleicht sollte man ihn eher bedauern. Er hat seine Stelle, einen Freund und das Vertrauen in Gesellschaft und Medien verloren. In diesem Land ist die Umgangs- und Informationskultur auf einem bedenklich tiefen Niveau angelangt.
Mir scheint, dass auch ein Bärenwärter nicht verpflichtet wäre im Seniorweb etwas zu lesen oder darüber zu befinden, wenn es ihm nicht passt. Es gibt jedoch auch Seniorweb-Leser/-innen, die etwas mehr im Köpfchen haben und etwas mehr erwarten von Seniorweb, als nur ihren schon fast nach SVP schreienden Kommentar Herr Bärenwärter.
Das der kleine Mann(oder Frau)immer lange ruhig bleibt ist für bestimmte Abläufe von Vorteil und verhindert notwendige Änderungen.Doch die letzten Jahre haben gezeigt das nicht mehr alles möglich sein wird.Auch in unserem Land wird es notwendige Veränderungen geben, wenn nicht heute oder morgen aber später schon.Nur werden wir dann keine Beiträge mehr im SW lesen oder schreiben.
Gruss erizo
Fall Hildebrand / Spitze des Eisbergs? Aus meiner Sicht (72) als „kleiner Mann“ muss ich feststellen, dass es auf meine schmale Rente keinen Einfluss hat, wenn wieder mal solch ein Fall aufgedeckt wird. Deshalb verstehe ich nicht, wieso nun viele Leute über diesen Fall reden, trotzdem sie weder den Namen Hildebrand oder Raggenbass vorher mal gehört haben. Es wird doch an den meisten Orten weiter gewurstelt und wir können nur warten, bis ähnliche Fälle sich wiederholen, dann ist auch dieser Fall vergessen und vorbei.
Warum muss unser "wichtigste" Mann - von Seniorweb - immer seine Meinung uns aufdrängen?
Ich wäre so dankbar, wenn er endlich seine einseitigen Meinungen hier nicht mehr äussern würde - wir brauchen seine Hilfe nicht (und immer noch sooo ausführlich)! Wer kann ihn stoppen?
Vielleicht liesse sich auch Jemand finden, der jeweils anschliessend die gegenteillige Meinung publizieren dürfte?
René, der "Bärewärter"
Habe im September 2005 den "Bäre-Höck" gegründet
«Blocher lügt, Hildebrand sagt die Wahrheit» "Ist eben doch umgekehrt" Der unfreiwillige Abgang von der Spitze der Schweizerischen Nationalbank (SNB) ist für Philipp Hildebrand bitter. «Ich habe dieses Amt geliebt», sagte der 48-Jährige am Montag. Wie lange geht wohl die Sackgeld Aufbesserung schon ?
Sorry Andreas, mit deinem Kommentar liegst Du völlig falsch. Lies mal das:
„Es hat etwas Skurriles, wie seit unseren Enthüllungen vor einer Woche der krampfhafte Versuch unternommen wird, eine ganz schlichte Tatsache von der Bildfläche zu wischen: Ein Notenbank-Präsident darf keine privaten Aktien- und Devisengeschäfte tätigen, prinzipiell nicht, und erst recht nicht, wie in diesem Fall, jeweils wenige Tage vor geldpolitischen Massnahmen der Schweizerischen Nationalbank. Ein Notenbank-Präsident, der selber oder über vorgeschobene Drittpersonen private Aktien- und Währungsgeschäfte ab- wickelt, untergräbt die Glaubwürdigkeit der mächtigsten und unabhängigsten Institution des Landes. Das ist nicht eine Frage der Reglemente, sondern eine Frage der Integrität. Ein spekulierender Notenbank-Chef ist fehl am Platz.“
Zitat: Editorial Roger Köppel in der Weltwoche vom 11.01.2011.
Zum gleichen Schluss kommen u.a. Kurt Schildknecht (SP, ehemaliger Chefökonom der SNB), Georg Rich (ehemaliger Chefökonom der SNB) und auch Daniel Jositsch (SP-Nationalrat und Strafrechtsprofessor der Uni Zürich).
Fazit: Da anzunehmen ist, dass Philipp Hildebrand regelmässig mit Devisen (hat er auch ein Euro-Konto?) und Aktien gehandelt hat*, handelt es sich keinesfalls um ein Bagatelldelikt oder um einen einmaligen Ausrutscher, sondern schlicht um fehlende Integrität.
Denn: Private Devisen- sowie Aktienspekulationen sind mit einer führenden Stellung bei einer Notenbank völlig unvereinbar. Ausser in Bananenrepubliken.
* Er hatte regelmässigen Kontakt mit seinem privaten Kundenberater, am fraglichen Tag des Dollarkaufes hat er sogar mehrmals mit ihm telefoniert. Es ist nicht anzunehmen, dass sich Kundenberater und Kunde über das Wetter unterhalten haben
Ein Mann, der seine Stellung und sein (Voraus-) Wissen krass missbrauchte, ist das tatsächlich ein brillanter Kopf, wie das Sie und scheinbar auch die Mehrheit des Volkes wahrhaben will? (Sack-) Schwach Herr Schwaller – sorry!
Immer mehr wird die Schweiz zum Normalfall inmitten der europäischen Chaos-Staaten.
Die Angelegenheit Hildebrand wurde und wird von den Medien bei uns als Machtdemonstration der Mediakratie, wie anderswo, bewirtschaftet.
Einzigartig ist nur noch, dass es bei uns einen, verglichen mit den Grossen Europas, Bagatellfall eines im Grunde genommen absolut integren Mannes betrifft.
Sehr bedauerlich.
Was ist zu tun. Lesenswert dazu die Schrift Vision Reife Schweiz unserer Seniorweb-Persönlichkeiten René Künzli und Andreas Gyger.
Ohren können das Gute hören, Augen das Schöne sehen, wenn das Hirn dies zulässt
Die Schweiz verliert . . . . . .
Ich kann die Aufregung wegen der Aufdeckung des Devisenhandels von Hrn. Hildebrand nicht verstehen. Er hätte mir doch auch einen Tipp geben können, damit mir ebenfalls ein sicherer Gewinn angefallen wäre (welche eine Performance-Verbesserung). Schliesslich musste ich auch an dem über 30 Milliarden-Verlust 2010 der Schweizerischen Nationalbank partizipieren. Hoffen wir, dass diese Angelegenheit damit erledigt ist, und nicht nur die Spitze des berühmten Eisberges.