Gesellschaft

Zwei St. Galler Banker

Zwei St. Galler Banker

Einer steigt auf, einer ab

Das Haus steht am Ende des Platzes am Bohl, nicht protzig, eher zurückhaltend, aber gediegen, im Zentrum von St. Gallen. Wegelin und Co. hiess es bis am letzten Freitag über dem Eingang, in goldenen Lettern. Es stand für das Besondere, für eine gediegene Privatbank, verschwiegen, nicht aufdringlich. Was drauf stand, war auch drinnen. Eine vornehme Atmosphäre, nicht übertrieben pompös, aber elegant. Darin konnte nichts Böses geschehen. Und doch: Darin herrschte ein lauter, ein selbstbewusster, ein mächtiger, leutseliger Herr, der alles besser und immer schon wusste. Konrad Hummler, ein geachteter, gar verehrter Banker, der überall und immer wieder zu Referaten eingeladen worden war, der immer wieder in seinem von 100’000 Menschen abonnierten Newsletter verkündete, was Sache war, auf den Finanzmärkten, im Bundeshaus, in den Medien.

Die USA waren für ihn ein Hort des Bösen, die „aggressivste Nation der Welt“, Deutschland ein Steuermoloch, dem mit allen Mitteln zu entfliehen war. Es war für ihn schlicht „Notwehr“, wenn deutsche Kunden an die Pforten in St. Gallen klopften und um Beratung baten. Sie waren willkommen. Das Bankgeheimnis war im heilig, er hatte es zu schützen, auch wenn es Steuerbetrug war. Und nicht nur dies. Die Bank übernahm nach dem tiefen Fall der UBS, als diese 2008 vor dem Kollaps stand, amerikanische Kundengelder aus der angeschlagenen Bank in der Höhe von 1.5 Mia CHF, unbesehen davon, dass die Kundengelder unversteuert waren.

Die US-Justiz- und Steuerbehörden, aufmerksam und gnadenlos, liessen und lassen nicht locker. Schon die UBS brach das Bankgeheimnis, im Einklang mit den Bundesbehörden, und lieferte aus, was die USA forderte: die Namen von über 5000 Steuersündern. Dass die Jagd weitergeht, dass die US-Behörden auch Wegelin St. Gallen im Visier hatten und haben, war und ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Es muss in den gediegenen Räumen in St. Gallen wie eine Bombe eingeschlagen haben, als Anfang Jahr bekannt wurde, dass drei Teilhaber der Wegelin-Bank in den USA für die Mithilfe beim Steuerbetrug eingeklagt wurden. Plötzlich stand alles auf dem Spiel: Geld, Reputation, Ansehen und vor allem das Vertrauen der Kunden. Bereits zogen Grossanleger von Pensionskassen, Finanzgesellschaften, Beteiligungsfirmen Gelder in grossen Mengen ab. Die Wegelin-Banker standen einer veritablen, einer schier ausweglosen Krise gegenüber. Lautlos begannen sie zu handeln, nahmen Abschied von ihrem Lebenswerk, verkauften, was zu verkaufen war. Und fanden in St. Gallen einen Käufer, der schon lange darauf gewartet hatte, endlich ins Privatkundengeschäft einsteigen zu können.

Vor zwei Wochen wollten sie die Privatbank Sarasin kaufen, die wurde den Raiffeisen-Managern vor der Nase von einer sage und schreibe brasilianischen Bank weggeschnappt. Die Banker der Genossenschaftsbank werden in St. Gallen gejubelt haben, als sie so plötzlich und unvermittelt hatten, was sie wollten: eine bereinigte Privatbank ohne die Schandgelder in den Büchern. Damit hatten sie wohl Anfang Jahr nicht gerechnet.

So ist erst ein Monat des neuen Jahres ins Land gegangen und die Schweizer Bankenlandschaft sieht schon ganz anders aus. Die Nationalbank hat ihren brillanten Chef verloren. Der grosse, laute Mann der Wegelinbank in St. Gallen, Konrad Hummler, ist ganz still geworden. Jetzt schweigt er. Jetzt, wo es interessant wäre zu wissen, wie er denkt, was er vorhat, wie er persönlich mit der Krise umzugehen gedenkt. Von den anderen hatte er immer Transparenz gefordert, von den Journalisten, selbst von denen der NZZ, Mut zur hartnäckigen Recherche, zum Hintergrund. Den ist uns die NZZ zum Fall bisher schuldig geblieben. Lediglich dem „Sonntag“ gab er bislang eine Erklärung ab.

Noch ist er Teilhaber der verbliebenen Teile, einer jetzt wohl sogenannten Badbank. Noch kämpft er um das Präsidium im Verwaltungsrat der Neuen Zürcher Zeitung. Doch die Zeitung, will sie ihre Reputation nicht verlieren, wird wohl nicht lange zögern, wenn sie merkt, dass sie mit Hummler ihre Unabhängigkeit verlieren könnte; sie wird sich früher oder später von ihm trennen, zumindest auf seine belehrenden Kommentare verzichten.

Der umtriebige Chef der Raiffeisenbank, Pierin Vinzenz, hat endlich, was er schon immer wollte: eine Privatbank im erfolgreichen Konzern. Er vergisst wohl aber, dass die Raiffeisen andersrum erfolgreich wurde, durch die Nähe zum Kunden, durch das Hypothekargeschäft. Sie wird eines verlieren: ihr Image als wendige, innovative Bank auch und gerade des kleinen Mannes. Sie wird mit dem Zukauf zu einer stinknormalen Bank, wie alle andern, wie die Kantonalbanken, wie die ganz grossen UBS und CS. Eigentlich schade. Zwei St.Galler Banker haben uns vorgeführt, was es heisst, unter allen Umständen gross sein zu wollen. Der eine steigt ab, der andere auf. Zumindest jetzt.