Graf Bobby soll sich einmal gewundert haben: „Warum passiert auf der Welt immer genau so viel, wie in der Kronenzeitung steht?“ – Nun, natürlich passiert tagtäglich viel mehr, es wird aber von Zeitungsmachern in Wien, in Zürich, in Ankara, in Washington, in Peking und in Melbourne unterschiedlich wahrgenommen und entsprechend höher oder tiefer eingestuft. Eine Meldung im Blick kann eine ganze Zeitungsseite füllen, für die NZZ hat sie keine Priorität. Und in der Aargauer Zeitung ist sie bestenfalls auf Seite 24 unter „Verschiedenem“ zu finden. Was Damaskus ereifert, bewegt zwar die UNO, die amerikanische Regierung, die andern arabischen Länder, aber für Moskau ist der Aufstand gegen Assad – wenn überhaupt - nur eine Kurzmeldung wert.
Den Umfang einer Zeitung schaffen finanzielle Sachzwänge. Eine Morgenausgabe der „Basler Nachrichten“ aus der Zeit der russischen Panzer in Budapest 1956 hatte vielleicht 8 bis 12 Seiten, auf denen der Ungarnaufstand, aber auch die Ereignisse am Suezkanal und der Sinaifeldzug der Israeli (neben allen Inlandsereignissen, Lokalem sowie Sport) Platz finden mussten. Das Anzeigenvolumen umfasste allenfalls drei Seiten, was eine ausführlichere Berichterstattung ausschloss. – Vergleicht man den Umfang der damaligen Journalen mit den heutigen Sonntagszeitungen, die gut und gern bis zu einem Kilo schwer sein können, so sieht man allerdings, dass die wirklich wichtigen Dinge auch heute nur einen marginalen Platz einnehmen, während Klatsch und Sex, Glamour und Verbrechen den Löwenanteil einer sonntäglichen Publikation ausmachen.
Mit den relativ neuen Medien wie Fernsehen und Radio ist es nicht anders. Da wird das ganze Weltgeschehen in eine dreissigminütige Tagesschau gepackt. Und wenn man später in „10 vor 10“ Neues zu erfahren wünscht, begegnet man in der Regel den gleichen Bildern wie zwei Stunden zuvor. Auch Journalisten kochen nur mit Wasser und müssen oft eine Null-Meldung strecken und dehnen, damit sie letztlich wenigstens den Eindruck verschafft, etwas Gewichtiges auszusagen. Besonders prekär wird es für Journalisten, wenn Politiker und Parlamente Ferien machen, Dann muss wohl auch manchmal auf Material zurückgegriffen werden, das niemanden interessiert: Hungersnöte etwa oder vergessene Kriege, ein im Fernsehen senil gewordener ehemaliger Star-Moderator oder die unbedeutende und von niemandem erwartete Meinung eines verlassenen „prominenten“ Ehemannes über das Liebesleben seiner Ex.
Schon Grimmelshausen, der die Gräueltaten der einzelnen Armeen im Dreissigjährigen Krieg in seinem „Simplizissimus“ mit spitzer Feder aufzeichnete, wusste, dass niemand sein Publikum nur mit „Schröcklichem“ faszinieren konnte, Er gab seinen Schilderungen oft einen humorvollen Anstrich, zeichnete Originale, nicht nur Kriegsgurgeln. Selbst die Geschichte der Juden in der Bibel wird durch manch Anekdotisches „aufgepeppt“, und in „Das Hohe Lied“ findet sich je nach Lesart der Studierten ein Liebesdrama, eine fortlaufende erotische Geschichte oder eine Gedichtsammlung der schönsten Liebeslieder zur Zeit Salomos.
Der Mensch erträgt eine bestimmte Anzahl von Katastrophen, von cassandrischen Prophezeiungen, von Menetekeln wie Schreckensaussichten und diabolischen Ängsten. Mehr aber nicht. Würde uns tagtäglich das ganze Elend der Hungergebiete, der Tsunamis, der abgeholzten Regenwälder um Augen und Ohren geschlagen, wir ertrügen es nicht. Vor Angst würden wir wie die Lemminge ins Verderben rennen. So trifft das Leben selber eine Auslese all der Schlechtigkeit, der mörderischen Kriege und der verbrecherischen Machenschaften von Politikern, Wirtschaftsbossen und gefeierten Meinungsmachern. Die Journalisten bringen das, was angeblich ihre Leser interessiert.
Gerade so viel, wie in die Kronenzeitung, die NZZ oder den Tagi passt. Und so viel wie der Fernsehkasten hergibt.
Allerdings könnte sich das in unserer Zeit ändern. Die neuesten Medien wie Internet verbunden mit Digitalkameras in allen Mobiltelefonen schaffen plötzlich eine neue Transparenz, von der wir aber noch nicht wissen, wie weit diese neue Offenbarung wirklich der gelebten und erlittenen Wahrheit in Syrien, Libyen oder Nordkorea entspricht. Wo keine Journalisten frei und ungehindert das Geschehen betrachten und analysieren können, muss jede Videobotschaft von Betroffenen mit Fragezeichen versehen werden, wie auch die offiziellen Lesarten der Regierungen nur mit grosser Vorsicht aufzunehmen sind.
Immerhin haben die Mächtigen dieser Welt durch die unkontrollierte Verbreitung von angeblich echtem Beweismaterial einen Riesenschrecken bekommen. Ich könnte mir vorstellen, dass die gesetzlichen und behördlichen Massnahmen gegen die neue Medienfreiheit in Zukunft drastisch verschärft werden.
Natürlich darf ich solche Zensurmassnahmen als Journalist keineswegs schönreden oder gar billigen. Insgeheim aber frage ich mich, ob die Spezies homo sapiens überhaupt fähig ist, allen brutalen Wahrheiten ins Auge zu sehen oder ob wir letztlich den Widerstandgeist aufgeben und es wieder mit den drei Äffchen halten. Nix sehen, nix hören und nix sagen.
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Ergänzung auf Journal 21
Unter dem Link
http://www.journal21.ch/der-journalismus-ist-schlechter-geworden
findet sich eine gute Ergänzung zu meinem Artikel, ein Gespräch von Heiner Hug mit Mario Cortesi im Internet-Portal www.journal21.ch