Herr Kolle, Sie gelten als der «Sexpapst», der Ende der Sechzigerjahre mit seinen Aufklärungsschriften und -filmen die Gesellschaft veränderte.
Ich lehne diesen Spitznamen total ab. Ich arbeite nämlich nicht mit Geboten und Verboten, nicht einmal mit Ratschlägen. Ich informiere, kläre auf und rege an. Wie Menschen schliesslich ihre Sexualität leben, müssen sie selber entscheiden.
Trotzdem wollten damals viele Ihrem Beispiel folgen und ebenfalls eine offene Ehe führen. Und scheiterten ...
... an Eifersucht und Verlustangst. Meine Frau und ich lebten trotz anderweitiger sexueller Kontakte immer in der Sicherheit, dass wir zusammengehörten. Sie prägte den sehr schönen Satz: «Wenn du nie weggehst, wie weiss ich dann, ob du auch wieder zurückkommst?»
Haben Sie diese Abmachung auch mit Ihrer jetzigen Partnerin?
Nein. Diese Beziehung ist anders - und wie jede Beziehung muss auch sie wieder neu und für sich gestaltet werden. Als meine Frau nach fünfzig Jahren Ehe starb, war ich am Boden zerstört. Ich empfinde es als Wunder, dass ich vor zwei Jahren eine neue Liebe gefunden habe. Meine Freundin Josée ist 64 Jahre alt, und wir ergänzen uns auch sexuell sehr gut. Die Liebe ist ein wunderbares Dach, das sich über unsere sexuelle Partnerschaft spannt.
Das heisst, Liebe und Sexualität gehören zusammen?
Es ist keine Frage, dass Sexualität verbunden mit Liebe lustvoller ist. Diese Verbindung wird nicht immer gefunden. Aber auch das Flirren, das Bauchgefühl, kann sehr schön sein ...
... und wird dann mit der grossen Liebe verwechselt.
Das passiert mehr Frauen. Ihnen haben Grossmütter und Mütter während Jahrhunderten eingeredet, sie könnten Sexualität nur geniessen, wenn sie liebten. Viele Frauen erschrecken, wenn sie nach dem Tod ihres Mannes mit einem mehr oder weniger fremden Mann im Bett landen und vielleicht sogar zum ersten Mal wirklich Lust empfinden. Dann glauben sie, es müsse die grosse Liebe sein - dabei ist es oft nichts anderes als eine Mallorcageschichte nach ein bisschen Rotwein.
Männer fürchten um ihre Potenz und haben Versagensängste.
Die Erektion ist nicht alles, aber ohne Erektion ist alles nichts», pflege ich zu sagen. Hat ein Mann gar nie mehr eine Erektion, verliert er die Lust auf sexuelle Kontakte - und wendet sich von seiner Partnerin ab. Frauen leiden häufig noch mehr darunter als ihre Männer.
Warum?
Lange Zeit hiess es: «Es gibt keine impotenten Männer, sondern nur ungeschickte Frauen» - und umgekehrt. Dieser Stress im Hinterkopf «O Gott, jetzt klappt es wieder nicht» belastet beide - Mann und Frau. Und Frauen fragen sich: «Liebt er mich nicht mehr? Bin ich nicht mehr begehrenswert?»
Was tun?
Offen sein, miteinander reden, die Ängste aussprechen. Der grösste Teil der sexuellen Probleme im Alter hat körperliche Gründe und kann behandelt werden (siehe Interviews auf Seite 11). Ängste vor Medikamenten wie Viagra sind unbegründet. Ein Mann wird dadurch nicht ein anderer, ein besserer Liebhaber. Aber er bekommt wieder eine Erektion. Ich vergleiche es mit einem Brillenträger: Ihm wird schliesslich auch nicht gesagt, er brauche keine Brille mehr, er habe schon genug gesehen.
Und was können Frauen tun, um ihr Sexualleben möglichst lustvoll zu gestalten?
Das trockene Gewebe der Geschlechtsorgane kann mit Gleitcremes, Salben und Hormonpräparaten behandelt werden. Vor allem aber müssen sich Frauen vom Gedanken lösen, sie seien mit einem alten Körper nicht mehr begehrenswert.
Das heisst, sie dürfen nicht einem jungen Körper nachtrauern?
Sie dürfen sich nicht an der Jugend messen lassen! Wichtig ist die Beziehung, ob die gut ist - und da spielen Aussehen und Jugend keine Rolle. Vom Jugendwahn muss unsere ganze Gesellschaft wegkommen. Dafür müssen auch die Medien werben, dafür muss geschrieben und fotografiert werden!
Sexualität soll im Alter aber auch nicht plötzlich zur Pflicht werden.
Es gibt keine Pflicht dazu -, aber es gibt ein Recht darauf. Und dieses Recht haben nicht nur junge Leute.
Bücher und Beratung
Erotik ist alterslos. Das will der Fotoband «Sechzig plus» zeigen. Männer und Frauen weit in der zweiten Lebenshälfte zeigen sich nackt und verspielt in verschiedenen Posen und an unterschiedlichen Orten - und stehen damit zu ihren Runzeln und Falten.
Anja Müller: Sechzig plus. Erotische Fotografien. Konkursbuchverlag, Berlin 2002, 160 S., 140 Fotos, ca. CHF 42.30
28 Männer und Frauen über fünfzig erzählen von Erotik, Sex und Lust. Diese «Liebesläufe» wurden vom Autorenpaar Inge und Rainer Koch protokolliert. Entstanden ist ein Buch voller authentischer Lebensberichte.
Inge Lona Koch & Rainer Koch: Sag nie, ich bin zu alt dafür. Erotik und Sex ab fünfzig. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin 2003, 554 S., ca. CHF 25.90 (Taschenbuch).
Eine Sexualtherapie kann helfen, wenn nicht körperliche Probleme, sondern Probleme wie dauernde Unlust, Orgasmusunfähigkeit, Ängste oder unterschiedliche sexuelle Bedürfnisse eine Partnerschaft belasten.
Weitere Auskünfte erteilt das Institut für Sexualpädagogik und Sexualtherapie ISP, Brauereistrasse 11, 8610 Uster, Telefon 044 940 22 20, Fax 044 940 22 25, Mail
isp.uster@bluewin.ch,
Internet
www.sexualpaedagogik.ch