Leben

Gute Besserung

Gute Besserung

Gedanken von Pfarrer Ernst Sigrist zum Tag der Kranken.     Inverno 1910 (Ausschnitt) Giovanni Giacometti Ausstellung Kunstmuseum Chur  


Gute Besserung den Kranken

Wie oft haben wir diesen Wunsch ausgesprochen, am Telefon, in einem Brief, bei einer persönlichen Begegnung. Gute Besserung! Und wir meinten es ernst bei all unserer Verlegenheit und Hilflosigkeit angesichts eines Leidenden. Unser Wünschen ist keine Leerformel. Sie hat zu tun mit Nähe. sie zeigt Anteilnahme. Und allein dies kann schon wohltuend wirken.

Um das geht es ebenfalls, wenn wir an Geschenke denken. Ein Blumenstrauss, auch nur eine einzige Blume, etwas Köstliches zum Geniessen, etwas Schriftliches, (Selbstgebasteltes oder Gekauftes, mit einem guten Wort oder einem sinnvollen Bild),  möchte unserem wohlgemeinten Wünschen Nachhaltigkeit verleihen. Die Preislage ist nicht von Bedeutung, aber die Echtheit und das Persönliche zählen.

Und wie steht es mit dem Gebet? Die Fürbitte für die Schwachen, Kranken und Betagten gehört zur christlichen Tradition! Dazu braucht es keine amtliche Person. Die stille Fürbitte, hat auch für uns persönlich heilsame  Auswirkungen. Mein grosser Lehrer Karl Barth hat es so formuliert. „Das Gebet ist die grösste Macht in dieser  Welt“.

 

Gute Besserung den Hypochondern

Den eingebildeten Kranken die immer wieder ein neues Leiden zu beklagen haben, den Wehleidigen, den Jammergreten. Wer hat sich nicht schon selbst bemitleidet? Es  soll mit dieser Überlegung niemand verletzt oder zu Unrecht verdächtigt werden. Es geht aber wirklich um ein subjektives Leiden, das viel Not bereiten kann.

maloja, silsersee, 1928, giovanni giacomettiVielleicht hilft da der gute Zuspruch und die Aufmunterung. Das Rezept kann echt wirksam sein. Es heisst schlicht Dankbarkeit! Schau um dich. Wie viel Leid und Not kommt dir da entgegen, wenn du auf deine Umgebung schaust. Und erst recht, wenn du vermagst, den Horizont zu weiten. Da herrscht unsägliche Armut. Hilflosigkeit und Verlorenheit von Millionen von Menschen, die hungern, die leiden, die obdachlos und heimatlos sind, ohne Hilfe, ohne Betreuung. Sei dir bewusst, was dir alles geschenkt ist, was du noch kannst, wie es dir in Wirklichkeit nicht so miserabel geht. Beginne mit der Auflistung all deiner Fähigkeiten, Möglichkeiten und Chancen. Deine Genesung wird fortschreiten.


Maloja, Silsersee, 1928, Giovanni Giacometti

 

Gute Besserung den Verzweifelten

Das klingt wie Hohn, wo doch keine Hoffnung auf Genesung besteht. Nur Dunkelheit und Ausweglosigkeit ist in diesem Fall die Realität. Alles Zureden, Aufmuntern, Trösten geht daneben. Die Worte fehlen uns und wir machen uns gar lächerlich.

„Schön, dass du da bist“ sagte eine Schwerkranke, als sie endlich wieder mal die Augen öffnete. Vielleicht ist es das, nur das, das stille und einfache  Dasein. Vielleicht ist eine Berührung möglich und hilfreich. Diese will ja nichts anderes, als eben das Nahesein oder die  Anteilnahme kund tun. Es ist dies wohl das Schlimmste, schlimmer als irgendein Kranksein, wenn jemand sagen muss

„ich habe keinen Menschen.“ Ein Gruss, ein Stehenbleiben, eine Nachfrage, ein liebes Wort, das alles kann sogar lebensrettend  sein. Ich kenne dies aus meinem Erfahrungsbereich.

 

Gute Besserung den Gesunden

Das soll kein Witz sein. Auch im allgemeinen Wohlbefinden, im beschwerdefreien Dasein kann einem sehr wohl etwas fehlen. Was steckt doch in diesem kleinen und doch so tiefsinnigen Wort „fehlen“!  Es fehlt mir etwas. Das meint doch, irgendwie komme ich zu kurz in meinem Leben. Ich benötige mehr als die Abwesenheit von Krankheit.

maloja, 1928, Bild Giovanni SegantiniSo sitze ich am Bett meiner schwerkranken Schwester. Sie atmet schwer, die Augen sind geschlossen. Kein Wort kommt mehr über ihre  Lippen. Geht es dem Ende zu? Ich fühle mich unglaublich hilflos.  Aber ich nehme mir viel Zeit,  sitze einfach da, versuche los zu lassen und mich zu  öffnen. Ich denke nach, gehe in mich, stelle mich aufsteigenden Fragen. Im Schatten des Todes wird dieses Stillehalten zum dramatischen Ereignis. Es ist dies wie ein Sicherheitshalt, ich halte an um mich zu orientieren. Woher, wohin? Ist das alles? Und wo finde ich Antwort auf die Sinnfrage?

 

Maloja im Winter, 1928, Giovanni Giacometti

 

 

Am Schluss komme ich auf den Punkt, auf den ich lebenslang zusteure.
Und bin nicht gescheiter, aber ruhiger geworden.
Gottvertrauen! Geborgenheit! Die Gewissheit, „er wird’s wohl machen“!

Gute Besserung uns allen,

Ernst


 

Ansprache von Bundespräsidentin Micheline Calmy-Rey

Der Kranke und sein Partner

Giovanni Giacometti
Ausstellung "Arbeiten auf Papier"
vom 17. Februar bis 9. April 2007
im Bündner Kunstmuseum Chur