Ich sitze an meinem schattigen Stammplatz auf der Terrasse vom Excelsior, vor mir mein Ricard grand verre, mit viel Eis. Viel hat sich in letzter Zeit verändert, meine Liebe zum Ricard wird sich nie ändern. Die Excelsior-Terrasse hat sich verändert, sie ist moderner und nobler geworden, neue Tische, neue Kellner. Der Besitzer, Monsieur Maurice, hat die Leitung des Hotels seinen Söhnen übergeben.
Eigenartig, mein Strandwirt heisst auch Maurice, der Hotelier vom Continental heisst Maurice, der vom Hotel de France heisst Maurice, auch der vom Touring heisst Maurice, und der Besitzer vom Nautic, der ancien maire von Saint Raphael, heisst auch, richtig, Maurice. Eigentlich heissen hier alle Hoteliers Maurice, nur Frédéric heisst Lucien.
Wenn ich mir diese Veränderungen so anschaue, denke ich mit Wehmut an Antoine. Antoine war ein echtes Unikum, ein Kellner wie man sich einen Kellner vorstellt. Mit einer bis zum Boden reichenden schwarzen Bistro-Schürze, mit einem Gang, wie ihn die Kellner in der Belle Epoque im alten Odeon in Zürich hatten, Plattfüsse eben. Schon etwas älter, weit über sechzig, aber voller Charme und Witz, immer fröhlich, immer aufmerksam. Antoine absolvierte altersbedingt nur noch die Frühschicht, er servierte noch die Mittagessen auf der Terrasse, um zwei Uhr machte er den jüngeren Kollegen Platz, um zwei Uhr begann der Run auf die Excelsior-Terrasse, dann war kein Stuhl mehr frei.
Aber am Vormittag war es ruhig, und allzu viele Essen musste er auch nicht servieren. Oft kam Madame Wilt, trank ein Eau Minerale non gazeuse, ohne Kohlensäure, sie litt vermutlich unter Flatulenz, bestellte sich eine Omelette aux fines herbes, manchmal auch mit Champignons oder Käse, dazu einen Salat, ohne Zwiebeln, wahrscheinlich auch wegen der Flatulenz.
Die Wilt hatte immer einen Parasol, einen bunten Sonnenschirm, bei sich, der war beim essen zwar leicht hinderlich, aber sie schaffte es, in einer Hand den Schirm und in der anderen Hand die Gabel zu halten. Waren die Salatblätter etwas zu gross geraten und sie brauchte noch das Messer, legte sie den Schirm auf den Boden, aufgespannt natürlich und anderen Gästen den Weg versperrend, schnitt den Salat in mundgerechte Stücke, nahm den Schirm wieder auf und ass genüsslich weiter.
Sie hatte auch immer ein rosarotes Tuch dabei, das lag auf dem Stuhl neben ihr. Genau konnte ich es nie sehen, aber ich glaube es war aus Frotté, jedenfalls tupfte sie damit von Zeit zu Zeit ihren Hals und ihr ausladendes Dekolletee ab. Dann besprühte sie besagte Partien mit einem, sicherlich teuren, Eau de Toilette, setzte sich in Positur und liess sich von den vorbeiflanierenden Touristen bestaunen. Und la Wilt musste man bestaunen, ihre mächtig aufdoupierte, aufgetürmte Frisur, ihr mächtiges schwarzes Sackkleid mit dem mächtigen Ausschnitt, kurz, ihre mächtige Erscheinung. Am Sonntag durfte auch Monsieur mitkommen, dann ass sie sogar, Flatulenz hin, Flatulenz her, eine Daurade mit Fenchel und Knoblauch. Und der Wilt bekam die Omelette. Am Sonntag gönnte sich Madame sogar ein halbes Fläschchen Rosé, Monsieur begnügte sich mit Eau minerale. Auch ein Weingutbesitzer gönnt seiner Leber einen freien Tag.
Wenn Antoine aus der Bar auf die Terrasse kam, rief er oft vergnügt: „il neige à Cannes“, es schneit in Cannes, und die Stammgäste antworteten genau so fröhlich: „il pleut à St.Tropez“, es regnet in Saint Tropez. Das war lange Jahre unser Gruss.
Es war auch an einem heissen, sonnigen Julitag, als ein deutsches Viergespann, alles junge Leute, an unserem Nebentisch Platz nahm. Sie bestellten zwei Cola mit vier Gläsern. Bei Antoine herrschte zwar die Devise, pro Platz ein Getränk, heute hatte er seinen gutmütigen Tag und brachte das Gewünschte. Und schmetterte sein „il neige à Cannes“ in die Platanen.
Oh Wunder, die Deutschen verstanden ihn. „Habt ihr das gehört“, meinte eine Blonde, „es schneit in Cannes.“ Und etwas irritiert meinte eine Brunette: „Unglaublich. Hier haben wir das schönste Wetter, wie weit ist Cannes von hier?“ Ein junger Hüne mit Pickelgesicht zeigte, dass er in Geographie aufgepasst hat: „Nicht sehr weit, höchstens fünf-, sechshundert Kilometer.“ – Was hatten die doch für ein Glück, dass sie in Saint Raphael Ferien machen durften. Das nächste Jahr fahren sie womöglich nach Pisa, die Stadt, in der der Pisa-Test erfunden wurde. - Wenn’s hilft, man soll nichts unversucht lassen.
Einmal waren Robi und Erna bei mir zu Besuch. Erna hatte morgens immer Mühe, mein bequemes Gästebett zu verlassen. Es war kurz vor Ostern, die Sonne hatte schon recht Kraft und die ersten sonnenhungrigen Touristen lagen bereits in Hamolstellung im Sand. Die Strandwirte trugen Stühle und Tische nach draussen, die Saison konnte beginnen.
Erna also verpasste das Schönste vom Tag. Den frühen Vormittag, die Zeit, wo die Stadt langsam zu leben begann, wo die Fischer mit ihren Booten vom Nachtfang zurückkehrten, wo die ersten Gäste die Boulevards-Cafés und die Terrassen in Besitz nahmen und wo die Luft noch herrlich frisch und rein war. Die Zeit, die ich so liebe.
Robi und ich mussten folglich alleine ins Excelsior, Madame verbrachte nach dem Aufstehen noch längere Zeit mit ihrer Morgentoilette, respektive ihrem Verschönerungsprozess. Uns konnte es recht sein. Wir genossen diese Vormittage bei Antoine. Wir lasen den Nice Matin, Ausgabe Var. Var, das Département in dem Saint Raphael liegt. Und, zu meiner Schande sei es gesagt, tranken um diese Zeit schon unseren Ricard.
So auch an jenem Donnerstag vor Ostern. Aus den Augenwinkeln sah ich einen jungen Mann mit einem sichtbar teuren Fotoapparat, der sich angeregt mit Antoine unterhielt. Und dann kam dieser, also Antoine, mit dem jungen Mann und dem Fotoapparat an unseren Tisch. Verschmitz lächelnd fragte er uns, ob er, also der Mann mit dem Apparat, eine Aufnahme von uns Dreien machen dürfe. Aber sicher. Und so wurden wir drapiert. Im Hintergrund sassen die anderen, unwichtigeren Gäste, vorne Antoine, stehend, links und rechts seine ausgesprochenen Lieblingsgäste, sitzend, auf dem Tisch die Ricards, bitte lächeln, danke. Der Apparatemann gab uns die Hand, sagte zu Antoine etwas wie „also bis am Samstag“ und, Salu, weg war er.
Am Samstag konnte sich Erna überwinden und leistete uns grosszügerweise Gesellschaft im Excelsior. Robi und ich unterhielten uns, Erna las den Nice Matin. Plötzlich ein Schrei: „Nein“, schrie Erna, „nein, das gibt es nicht, ihr steht in der Zeitung“ und hielt uns die Seite von Saint Raph unter die Nase. Es stimmte gar nicht, wir standen nicht, wir sassen darin. Riesengross prangte uns ein Bild entgegen: Der strahlende Antoine mit zwei etwas künstlich lächelnden Gästen. Darunter stand: Ouverture de la Saison sur la Côte d’Azur. Saisoneröffnung. Wir hatten eröffnet, einfach so, ohne jede Anstrengung. Ohne uns hätte die Saison vielleicht gar nicht stattgefunden.
Leicht schadenfreudig erklärten wir der etwas zerknirschten Erna, dass auch sie hätte auf dem Bild sein können, wenn, ja wenn sie am morgen aus den Federn gekommen wäre. Morgenstund hat Gold im Mund, oder eben ein Bild in der Zeitung.
Die nächsten Tage sass Erna immer um neun Uhr, geschminkt, frisiert und im schicken Kleid auf der Excelsior-Terrasse, wer weiss, vielleicht kam der Abfotograph doch noch einmal vorbei.
Auch meine Mutter liess sich gerne von Antoine verwöhnen, wenn sie ein paar Wochen bei mir verbrachte. Antoine nannte sie Mamie, und Mamie gefiel es. Bei ihr liess er seinen ganzen Charme sprühen. Und Charme hatte er, manchmal sogar einen ausgesprochen spitzbübischen Charme.
Das Restaurant im Excelsior war etwas vornehmer als die Terrasse, die Tische waren weiss gedeckt und auf jedem Tisch stand eine kleine Vase mit frischen Blumen. Eines schönen Tages, wir hatten eben Platz genommen, rannte Antoine nochmals hinein und kam mit einer Blumenvase, natürlich mit Blumen, zurück. Mit einem „Voila, Mamie“ stellte er die Vase auf unseren Tisch. Mamie war gerührt. Und dieses nette, kleine Spiel wiederholte sich nun täglich.
Am Donnerstag hatte Antoine seinen freien Tag und Mamie keine Blumen auf dem Tisch. Joël, der uns bediente, wusste natürlich nichts von diesem geheimen Techtelmechtel. Und meine Mutter beklagte sich am nächsten Tag umgehend bei Antoine: „Hier, il me manquait les fleurs“. Gestern fehlten mir die Blumen. Antoine trollte sich wie ein begossener Pudel ins Innere, um kurz darauf mit einem riesigen Blumen-Arrangement strahlend wieder aufzutauchen. Mit einer etwas linkischen Verbeugung stellte er dieses Monstrum auf unseren Tisch. Das Blumengebilde war so gross, dass wir unsere Gläser nur mit Mühe unter den Rosen und all dem Grünzeug wieder fanden. Mamie war glücklich, die Reception etwas kahler.
Wir waren auch die einzigen Gäste, die den Rosé in einem Eiskühler serviert bekamen, was höchstwahrscheinlich nicht an meinen braunen Augen, sondern eher an meinem Trinkgeld lag. Antoine imitierte dann einen Kellner der gehobenen Etablissements, füllte ganz wenig Rosé in ein Glas, hielt es unter seinen Riechkolben, steckte diesen schliesslich ganz ins Glas, schnüffelte noch ein bisschen, schwenkte das Glas hin und her, machte ein vornehmes Gesicht und sagte: „Ist das ein Service, mieux qu’au Carlton“, dann fasste er die Flasche am Hals und schenkte die Gläser platschvoll. Was daneben ging, wischte er mit seinem, schon etwas ramponierten Servicetuch auf.
Er war halt doch nur ein ganz gewöhnlicher, aber liebenswürdiger Kellner. Und wir waren auch nur ganz gewöhnliche, vielleicht sogar auch liebenswürdige Gäste.
Jetzt ist Antoine pensioniert und spiel Golf in Valescure. - Salu, Antoine, il neige à Cannes.
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