im Bild: Hans Gebhard und Alice Liber
“Ältere Menschen sollen ihr Leben nach ihren Kräften selbstbestimmt gestalten und an der Gesellschaft teilnehmen können“ steht in Art. 19c der Sozialziele im Leitbild des Kantons Zürich. Und in Paragraph 112 der Zürcher Kantonsverfassung ist die Förderung der Lebensqualität der Menschen im Alter gesetzlich verankert.
Partizipation im Alter kann eingefordert werden. Doch soll, wer an der Gesellschaft teilhaben will, auch seine Fähigkeiten einsetzen, um sein Umfeld mitzugestalten und Verantwortung zu tragen, erklärten die Seniorinnen und Senioren im Podiumsgespräch, das sie unter Leitung von Hans Rudolf Schelling über die heutige Situation und über Ziele und Strategien einer zukünftigen Mitbestimmung im Alter geführt haben.
Junge Pensionierte müssen ihr Umfeld mitgestalten
im Bild: Moderator Hans Rudolf Schelling mit Anja Bremi und Hans Gebhard (v.l.)
Die Aufforderung, einen Beitrag zu leisten für das Zusammenleben in unserer Gesellschaft, richtet sich vor allem an junge Pensionierte. Ruedi Winkler betonte, zum ersten Mal in unserer Gesellschaft werde eine grosse Anzahl gesunder und aktiver Menschen in den Ruhestand geschickt, ohne dass Vorbilder für diese Lebensphase zur Verfügung stehen. Der Gewaltakt Pensionierung sei ein absoluter Unsinn. Die demographischen Veränderungen müssen nicht nur finanziell durch den Wohlfahrtsstaat sondern zivilgesellschaftlich durch die Betroffenen mitgetragen werden.
Die 60-jährigen müssen den Mut aufbringen, hinzustehen und für ihre Anliegen zu kämpfen. Partizipation sei nicht nur ein Recht sondern eine Pflicht für die neue Generation der über 60-Jährigen, die noch gesund und aktiv sind und zu 30 % Zugang zum Internet haben, erklärt Hans Zürrer.
Die Bedürfnisse sind vielfältig
Ruedi Winkler wehrt sich gegen eine Katalogisierung alter Menschen: Senioren sind genau so wenig eine kompakte Zielgruppe wie Grosse oder Arme – es sind Menschen aus allen Gesellschaftsschichten mit sehr unterschiedlichen Bedürfnissen. Hans Gebhard vermutet, auch das soziale Engagement sei letztlich keine Frage des Alters – wer sich im Alter engagiere, habe sich meist schon während der Berufstätigkeit gemeinnützig betätigt. Zum Grundrecht der Senioren gehöre, sich an der Gesellschaft zu beteiligen, und die Pflicht, das eigene Umfeld und den Lebensraum mitzugestalten.
Verpflichtung gegenüber älteren, schwächeren Senioren
Anja Bremi bestätigt, dass Anfragen für gemeinnützige Arbeiten auf fruchtbaren Boden fallen. Bei den Rentern liegen heute grosse Ressourcen. Sie sind leicht zu motivieren, Verpflichtungen für ältere, hilfsbedürftige Senioren einzugehen. Als Helfer verhalten sie sich einfühlend, weil sie deren Bedürfnisse kennen. Wichtig sei, so Bremi, den aktiven Senioren bei neuen Verpflichtungen Freiräume und Auszeiten für Reisen und persönliche Bedürfnisse einzuräumen.
im Bild: Alice Liber, Marianne de Mestral und Ruedi Winkler als aufmerksame Zuhörer v.l.)
Winkler setzt sich ein für eine gegenseitige Nachbarschaftshilfe, unbürokratisch und losgelöst von Organisationen und Finanzstrom. Wer hilft, soll später ein Anrecht auf eigene Hilfeleistungen bekommen.
Mitgestaltung der Umgebung soll nach Marianne Mestral über Heim und Pflegebereich hinaus reichen: Senioren müssen an ihren Wohnorten miteinbezogen werden bei Altersleitbildern, bei der Verkehrsplanung, in der Vernehmlassung von Gesetzen.
Partizipation und Selbstverantwortung auch für Pflegebedürftige
Bei zunehmender Abhängigkeit schwänden wohl die Möglichkeiten zur Partizipation, befürchtet Winkler. Gebhard betont, das Recht auf Mitbestimmung gelte auch in eingeschränkten Situationen. Das Bewusstsein dafür müsse gestärkt werden. Alice Liber erinnert, eine angemessene Selbständigkeit im Heim sei überlebenswichtig - Heimbewohner, die nur noch verwaltet werden, fliehen in die Demenz. Anja Bremi erklärt, zu den obersten Zielen einer Ausbilderin gehöre heute, das Pflegepersonal zu sensibilisieren, die Ressourcen des Patienten mit einzubeziehen und die Eigenständigkeit der pflegebedürftigen Menschen differenziert zu wahren. Für diese Rechte sollen sich Angehörige und Patienten einsetzen.
Was kann getan werden?
Zürrer als Vizepräsident des ZRV erklärt, sein Verband nehme bei der Gesetzgebung Einfluss für die Rechte anonymer kollektiver Altersgruppen. Der ZRV bestehe auf Teilnahme an allen Vernehmlassungen, leiste dazu den intellektuellen Aufwand und kümmere sich um die Mittelbeschaffung - für einen Verein eine überlebenswichtige Strategie.
Winkler setzt sich ein für die Vernetzung von Einzelpersonen zur gegenseitigen Hilfeleistung, mit Projekten, die im Ausland vorläufig noch bekannter sind als in der Schweiz.
Marianne de Mestral bittet, bei alten Menschen die Stärken und Fähigkeiten zu beachten, nicht nur die Defizite. Auch sie verweist auf den Wert des Einbeziehens von Senioren bei politischen Entscheiden (wie Finanzierung der Langzeitpflege, Komplementärmedizin) und sie wehrt sich für eine angemessenere Berichterstattung in den Medien.
Alice Liber pocht auf das Selbstbestimmungsrecht der Menschen und ermutigt zu gegenseitiger Rücksichtnahme.
Auf gegenseitigen Respekt setzt auch Gebhard: Partizipation als Grundhaltung kann man auch bei sozialen Institutionen wie bei der Pro Senectute fordern: es soll keine Programme für, sondern nur noch Programme mit älteren Menschen geben.
Bremi verweist auf die Verpflichtung, sich für alte gebrechliche Menschen einzusetzen. Sie hat mit der UBA (Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter) erfahren, dass eine initiative Gruppe Aufgaben erfolgreich lösen kann.
Die Podiumsteilnehmer
Anja Bremi, Präsidentin Unabhängige Beschwerdestelle für das Alter Zürich/Schaffhausen UBA, Mitglied Schweizerischer Seniorenrat SSR
Hans Gebhard, Leiter Fachstelle Projektarbeit Pro Senectute Kanton Zürich
Alice Liber, Mitbegründerin Graue Panther Zürich, Präsidentin Neuer Grauer Panther Club
Marianne de Mestral, Co-Präsidentin AG Alter der SP Kanton Zürich
Ruedi Winkler, Personal- und Organisationsentwickler, Buchauto
Hans Zürrer, Vizepräsisdent Zürcher Senioren- und Rentner-Verband ZRV
Hans Rudolf Schelling, Moderator und Geschäftsführer Zentrum für Gerontologie
Alter und Gesellschaft: Zukunftsperspektiven und Szenarien
erster Vortrag: Mittwoch 26. September 2007 um 18.15 Uhr
Zukunftsphilosoph Dr. Andres Giger
Infos ab August 2007 unter Zentrum für Gerontologie
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