Später rannte man durch die Stadt und fand entweder demolierte und verdreckte Kabinen, bei denen man sich nicht traute, die Klinke zu berühren oder man stand auf der Straße und jeder konnte hören, was man zu sagen hat. Was der, den man anrief erwiderte, ging im Lärm des Alltags unter.
Dann brauchte man eine Telefonkarte, denn Münzfernsprecher waren noch seltener, und wenn man dann, welch glücklicher Zufall, einen gefunden hatte, fielen die Münzen eine nach der anderen durch , der Vorrat war aufgebraucht und telefoniert hatte man immer noch nicht.
So passierte es Gerda auch heute. Mit ihrem Koffer stand sie am Bahnhof und suchte ein Taxi, das sie nach Hause fuhr, aber alle waren bereits unterwegs. Ein Taxi anrufen? Ja, womit denn? Keine Telefonzelle weit und breit. Bis zum nächsten Taxistand war es ein ganzes Stück. So stand sie unentschlossen auf dem Bahnhofsplatz und überlegte, ob es wohl eine Busverbindung in ihre Richtung gäbe, wo sie Fahrkarten lösen, wo man den Fahrplan finden, und wo sie den Koffer abstellen könnte.
Neben ihr hielt ein Auto und ein Herr sprach sie an. „Kann ich sie mitnehmen?"
Eigentlich setzte sie sich nicht zu fremden Männern ins Auto, aber den schickte ihr der Himmel. „Ja, wenn sie in der Goethestraße vorbeikommen. wäre ich sehr froh. Sie sehen ja, kein Taxi weit und breit, keine Telefonzelle und mein Mann erwartet mich erst einen Zug später." „Kein Problem", sagte der Herr, „ein kleiner Umweg macht mir nichts aus. Steigen sie ein."
Er buxierte den Koffer in den Kofferraum und setzte sich hinter das Lenkrad. „Sind sie angeschnallt?" fragte er, bevor er startete. „Ja, natürlich !" Gerda war entrüstet. Dachte der etwa, sie sei eine weltfremde alte Tante?
Immerhin war er höflich und das war in der Jetztzeit auch nicht so ganz
selbstverständlich.
„Sind sie hier zuhause?" fragte Gerda, um ein Gespräch in Gang zu bringen.
„Ich bin Kantor an der hiesigen Kirche und wohne schon lange in der Stadt."
„Dann weiß ich, woher ich sie kenne!" Gerdas Stimme begab sich in begeisterte Höhen. „Von den großen Oratorienaufführungen und von den Sommerkonzerten. Sie haben einen wunderbaren Chor. Immer, wenn es mir möglich ist, bin ich eine ihre Zuhörerinnen."
„Das freut mich. Wir stecken schon wieder intensiv in den Proben für die nächste Saison."
„Wenn sie die nächste links einbiegen, bin ich zuhause", unterbrach ihn Gerda.
„Rechts an den Garagen können sie anhalten." Er setzte den Blinker, fuhr rechts ran und hielt. Gerda hatte in ihrer Handtasche gekramt und einen 10Euroschein herausgeholt, den sie ihm in die Hand drückte.
„Aber ich bin doch kein Taxi", wehrte er sich und schob das Geld zurück.
„Nehmen sie es meinetwegen als Spende für Ihren Chor. Ich bin so dankbar, dass sie mich mitgenommen haben. Ohne ihre Hilfe stände ich immer noch am Bahnhof." „Dann aber nur gegen Spendenquittung. Wenn sie mir ihren Namen verraten, schicke ich ihnen eine zu."
Gerda nannte ihm Namen und Adresse, er behielt den Schein, half ihr aus dem Wagen und gab ihr den Koffer. „Vielen Dank noch einmal und bis zum nächsten Konzert!" Das Auto fuhr davon.
Gerda klingelte und ihr erstaunter Mann öffnete die Tür. Natürlich musste sie ganz genau erzählen, was ihr an diesem Tag alles passiert war. Den Ärger mit dem Telefon , den nicht vorhandenen Taxis und die Freundlichkeit des Herrn, der sie nach Hause gefahren hatte.
„Weißt du, Gerda, " sagte ihr Mann, "morgen kaufen wir dir ein Handy und dann bist du immer auf der sicheren Seite." „Ich bin zu alt für so ein Teil, das krieg ich bestimmt nicht hin. „Die kleinen Tasten und dieses winzige Display." zweifelte Gerda. „Ach was, telefonieren kann jeder, und schließlich hast du auch noch eine Brille", beendete ihr Mann die Diskussion.
Am nächsten Morgen kauften sie ein Handy. Gerda übte ein bisschen und es war gar nicht so schwer, fand sie. Der Nachmittag lockte zum Bummeln.
„Hast du das Handy dabei?" fragte ihr Mann. „Ich habe es in der Tasche, sogar eingeschaltet!" „Sonst ginge es vielleicht auch nicht", meinte er." Falls ich Dich erreichen will..... Er lächelt ein bisschen spöttisch, stellte sie fest.
In der Einkaufspassage schaute sie sich die Auslagen an. Schöne Musik hier, dachte Gerda. Die Melodie war ihr bekannt, aber sie fand nicht heraus, woher sie kam.
Als Gerda nach Hause kam, sagte ihr Mann: „Ich habe dich angerufen auf dem Handy, aber du hast nicht gehört." Die Erleuchtung kam wie der Blitz aus heiterem Himmel. „Jetzt weiß ich, woher ich die Musik kenne! Das war die Melodie von meinem Handy", freute sich Gerda.
„Wo hast du denn dein Handy, wenn du unterwegs bist?" fragte er. „Ja, in meiner Tasche natürlich!" „Dann brauche ich mich nicht wundern, wenn du nicht hörst, Gerda. Dieses Teil heißt nämlich Handy und nicht Taschy !
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