Nadeln klappern emsig, durch den Raum schallen Stimmengewirr und Gelächter. Elf ältere Frauen sitzen gut gelaunt um den Holztisch in der «Baragge» in Ormalingen BL – vor ihnen ein Haufen von Wollknäueln, gemusterte, braune, grüne, weisse, schwarze. Gertrud Niederhauser, 83, schlägt die Maschen für ein neues Paar Socken an, das im Internet bestellt wurde. Die Seniorin ist eine der gesamthaft 15 «Net Grannies», der Internetgrossmütter, die auf Bestellung für den Internetshop www.netgranny.ch Wollsocken stricken.
Die Idee stammt von Manuel Rieder und Caesar von Däniken. Vor fünf Jahren gründeten die 32-Jährigen in Basel das Kleiderlabel Tarzan und wollten ihr Sortiment mit klassischen Wollsocken ergänzen – mit solchen, wie die beiden sie früher von ihren Grossmüttern zum Geburtstag oder auf Weihnachten erhalten hatten. Sie machten sich auf die Suche nach Seniorinnen, die auf Bestellung die bequemen Fusswärmer stricken würden. «Diese Frauen zu finden, war schwieriger, als wir gedacht hatten», erinnert sich Caesar von Däniken. «Denn die meisten Damen in den Altersheimen waren bereits für ihre eigenen Basare engagiert.»
Die Idee wurde zum Grosserfolg
Fündig wurden die Jungunternehmer bei der Handarbeitsgruppe Ormalingen. Fünf der vierzehn Frauen sagten sofort zu, inzwischen ist der Kreis der «Lismerinnen» so gross geworden, dass keine neuen mehr aufgenommen werden können.
So können heute alle Interessierten auf www.netgranny.ch ein «Grosi» ihrer Wahl anklicken und Grösse sowie Farbe der Socken bestimmen. Die Verantwortlichen von Tarzan nehmen den Internetauftrag entgegen und schicken der gewünschten Strickerin zwei Knäuel Wolle zu – rund vierzehn Tage später findet der Kunde oder die Kundin für 39 Franken neue Socken im Briefkasten. Pro Paar erhält die Strickerin 15 Franken; bislang wurden bereits 300 Stück verkauft. Ist eine der Net Grannies ausgebucht, kann sich die Lieferzeit etwas verlängern.
Gertrud Niederhauser strickt meistens am Abend vor dem TV-Gerät. «Nur vor dem Fernseher zu sitzen, ist mir zu langweilig», sagt sie. Am liebsten lismet sie zur Quizsendung von «Wer wird Millionär?». Sie kann alles miteinander: TV schauen, nachdenken, Fragen beantworten – und stricken. Auch Gertrud Wyler, 64, ist ein «Netz-Grosi». Sie besucht die Website regelmässig selbst, um Einträge im Gästebuch zu lesen. «Ich freue mich besonders über Komplimente», sagt sie strahlend. «Letzthin habe ich sogar einen Dankesbrief aus Köln erhalten.» Bisher musste sie vor allem schwarze, blau-grau melierte und braun geringelte Socken fabrizieren. «Und damit die unifarbigen nicht zu langweilig erscheinen, arbeite ich ein Muster ein», erzählt sie.
Aber nicht alle Frauen aus der Handarbeitsgruppe Ormalingen können für die Net Grannies stricken. Denn sie müssen auch noch für den Basar Strickwaren liefern. Marlies Mazzucchelli, 62, und Ruth Kunz, 62, die Leiterinnen der Gruppe, haben ein strenges Auge darauf, dass zu diesem Zweck ein Grundsortiment hergestellt wird. Dazu zählen Kinderkleider und -söckchen oder Socken sowie Handschuhe für die Grossen. Dies alles ist am Basar sehr gefragt und muss deshalb in ausreichender Menge vorhanden sein. Letztes Jahr produzierten die Lismerinnen so viel, dass sie an zwei Basaren teilnehmen konnten. Für insgesamt 3000 Franken konnten sie ihre mit grosser Sorgfalt gefertigten Artikel verkaufen. Die Freude über diesen Erfolg steht allen noch immer ins Gesicht geschrieben.
Eine ganz besondere Genugtuung ist es für alle, wenn das eigene Produkt als Erstes über den Tresen geht. «Das macht mich jeweils schon ein bisschen stolz», gesteht Eva Gysin, 73. Sie ist auf Pullis für Kinder und Erwachsene spezialisiert. In den letzten Pullover strickte sie die Figur eines Pinguins ein. «Der war wirklich schön», sagt sie. Die Idee dafür fand sie in einem Strickmagazin, die Anleitung ebenfalls. Mühe hatte sie mit dem komplizierten Muster keine. «Im Strickmuster steht alles, was ich wissen muss. Ich muss es nur lesen, dann gehts ganz einfach», sagt sie und lacht. Und wird es einmal nicht so perfekt, wie sie sich das vorgestellt hat, öffnet sie kurzerhand ihre «Lismete» wieder und beginnt von vorne.
Strickerinnen überraschen sich selbst
Einmal im Monat trifft sich die Gruppe in der «Baragge» der Gemeinde. Die Leiterinnen verteilen neue Wolle, die Frauen bringen die fertig gestrickten Stücke: Kinderpullis, Socken, Handschuhe, Ponchos und farbige Quadrate, die noch zu einer Decke verarbeitet werden müssen. Die Seniorinnen bestaunen gegenseitig ihre Werke, plaudern, geben Tipps und machen Witze. Und klappern dazu natürlich wie immer virtuos mit ihren Nadeln.
Die Wolle für das Basarsortiment stammt entweder von den Strickerinnen selbst, von Wolllieferanten oder auch von der Bevölkerung in der Umgebung. Oft laden Einwohner ihre Restwolle sogar kistenweise ab. Das sehen die Seniorinnen jedoch nicht immer gerne. Denn sie möchten Trendiges kreieren und keine «altmödigen» Teile, wie eine Strickerin klarstellt. Oft wissen die Frauen aber nicht, ob die Restwolle für ein ganzes Stück reicht. «Dann improvisieren wir und fügen einfach noch eine passende Farbe hinzu», erzählt Hanna Zimmerli, 80. Und ihre Schwester, Gertrud Niederhauser, 83, ergänzt: «Manchmal bin ich selbst so gespannt, wie das Stück aussehen wird, wenn es fertig ist, dass ich bis nachts um eins weiterstricke.»
Weitere Informationen: www.tarzan.ch, www.netgranny.ch
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