Partnerschaft

Georgette in Love

Georgette in Love

Vor gut einem Jahr segnete meine Nachbarin das Zeitliche. Sie war achtzig Jahre und lebte schon lange mit ihrem zwanzig Jahre jüngeren Lebensabschnittgefährten zusammen. Und dieser Gefährte erbte nicht nur das Appartement, sondern auch noch ein ansehnliches Vermögen.  

Zwei Wochen nach der Bestattung verliess er umgehend Saint Raphael, um in Paris seine Trauer besser verarbeiten zu können. Paris ist eben eine Trostspendende Stadt, mit vielen jungen und hübschen Trösterinnen. Leider verfügte Madame in ihrem letzten Willen, dass die Wohnung erst nach einem Jahr veräussert werden durfte, allerdings verkaufte der trauernde Zurückgebliebene die ganze Einrichtung bereits nach einer Woche. Seither stand das Appartement leer, ab und zu kam eine schmächtige, kleine schwarze Frau vorbei um die Zimmer zu lüften und das Wasser laufen zu lassen, damit sich nicht zuviel Rost in den Leitungen breit machen konnte. Sie blieb immer einen ganzen Tag, schleppte dann einen anscheinend noch vorhandenen Stuhl auf die Terrasse, genoss dort den in einem Thermoskrug mitgebrachten Kaffee oder Tee und ass einen undefinierbaren Salat aus einem Einmachglas. Sie schien kein Französisch zu verstehen, auf jeden Fall antwortete sie auf unser fröhliches „Bonjour Madame“ nur mit einem verlegenen Lächeln. Vielleicht stammte sie aus Uganda und sprach nur Suaheli.

Den trauernden Lebemann haben wir nie mehr gesehen, wir haben ihn auch nicht vermisst. Er war, im Gegensatz zu Madame, ein unangenehmer Zeitgenosse, ein Schleimer, ein überfreundlicher Geselle, dem man seine Hinterhältigkeit von weitem ansah. Die Lücke, die er hinterliess, hat ihn voll ersetzt. Sogar unsere Perle Georgette konnte ihre angeborene Neugierde, wenn sie ihn sah, unterdrücken und ging ihm aus dem Weg. Wenn sie unbedingt etwas über den Nachbarhaushalt in Erfahrung bringen musste, hielt sie sich an Madame.

Jetzt schien es soweit, das verwaiste Appartement dürfte einen neuen Eigentümer gefunden haben. Vor einer Woche fuhr ein riesengrosser Möbeltransporter mit riesengrossem Anhänger vor unserem Haus vor. An den Kennzeichen und den Aufschriften konnten wir erfahren, dass das Gespann aus good old England zu uns an die blaue Küste kam. Muskelbepackte Männer luden gewaltige Möbelstücke aus, sie stammten wahrscheinlich noch aus der Zeit der alten Queen Victoria, wenn nicht von ihr selbst. Die Möbel sind wie gesagt sehr gross, unser Lift ist sehr klein. Gut, vier Personen gehen bequem rein, für die Queen ist jedoch kein Platz vorhanden. Also schleppen die starken Briten die royalen Monsterstücke unter leichtem Fluchen treppauf in den dritten Stock. Gott sei Dank fluchten die Männer auf Englisch und gaben so unserer Georgette keinen Schüttelgrund.

Trotzdem entschloss ich mich, meine Perle und mich zu evakuieren, das heisst, Georgette schickte ich nach hause und ich fuhr mit dem Zug nach Cannes, um meiner geliebten rue Menadier wieder einmal einen Besuch abzustatten. Besuch abstatten ist vielleicht  nicht der richtige Ausdruck, Schlemmereien einkaufen auf Teufel komm raus trifft es eher. Unter anderem auch frische, ungekochte Kutteln und Kalbsfüsse für mein Lieblingsgericht aus der Normandie, Tripes à la mode de Caen. In meinem Bekanntenkreis kocht niemand mehr dieses Gericht, müssen die Kutteln doch mindestens 12, besser noch 16 Stunden im Backofen bei 120° garen. Aber es lohnt sich, ganz bestimmt.

Am Tag nach dem Möbeleinzug zogen auch meine neuen Nachbarn ein. Gesehen habe ich zwar niemanden aber gehört, Bilder wurden anscheinend  an die Wand gehängt und die Möbel der Victoria hin- und hergeschoben. Und am nächsten Tag wusste meine Perle mit einer Neuigkeit aufzuwarten. Unser Nachbar heisst Fosté, schlicht und einfach Fosté. Das hat sie auf dem Klingelschild gelesen. Für mich war das ein komischer Name für einen Engländer. Bei meinem nächsten Gang zum Lift sah ich mir das Schild an, Foster hiess der Mann, schlicht und einfach Foster, ein guter englischer Name. Und er hiess auch noch D Punkt, D. Foster.

Der Mittwoch, meine Georgettefreie Zeit, sah mich den ganzen Tag beim schreiben auf meiner Terrasse. Und den ganzen Tag liess sich D Punkt nicht blicken. Ich war schon ein bisschen Neugierig auf meine neuen Nachbarn. Wobei man meine Neugierde selbstverständlich nicht mit der von Georgette vergleichen darf. Georgette ist von Natur aus neugierig, ich dagegen bin, also, man kann das wirklich nicht vergleichen. Ich glaube, bei mir nennt man das gesundes Interesse oder Nachbarschaftshilfe oder so.

Gegen neunzehn Uhr an diesem Mittwoch klingelte es an meiner Wohnungstüre. Ich sah mich einem freundlichen älteren Herrn gegenüber, na ja, einem Herrn in meinem Alter. Ungefähr so gross wie ich, mit einem kleinen sympathischen Bauchansatz, so wie ich, grau meliertes Haar und einem kleinen Schnauzer. Er sprach sehr gut französisch mit ganz leichtem englischem Akzent. „Foster“, stellte er sich vor, „ich bin ihr neuer Nachbar“.

Ich bat ihn auf die Terrasse und bot ihm ein Glas Rosé an. Er war wie ich ein Liebhaber dieses Gewächs, es blieb nicht bei einem Glas. Um neun Uhr assen wir Merguez vom Grill, um zehn Uhr tranken wir Bruderschaft. Er hiess Donald. Seine Frau hatte ihn verlassen und er wollte nun hier an der Küste ein neues Leben beginnen, vielleicht ein Traiteur-Geschäft mit einem französischen Partner eröffnen. Dem konnte ich nur beipflichten, Feinkosthändler kann es meines Erachtens nicht genug geben.

Punkt neun Uhr am nächsten Morgen stand eine strahlende Georgette vor mir, sie hatte im Lift die Bekanntschaft von Monsieur Fosté gemacht und war ganz hin und her gerissen von diesem äusserst liebenswürdigen Menschen. „Monsieur Kurt“, flötete sie, „Wir könnten den neuen Nachbarn doch zum Essen einladen. Ich werde etwas Gutes kochen und wir können uns alle näher kennen lernen“. Meine Perle und etwas Gutes kochen, sie kann doch nur Spaghettis. Und als ob sie meine Gedanken lesen könnte, säuselte sie: „Ich könnte auch Penne al arrabbiata machen, die mag er bestimmt“.

Also lud ich ein und kochte ein Zürcher Geschnetzeltes mit einer knusprigen Rösti, Donald hatte mir am Mittwoch anvertraut, dass er das einmal in Zürich genossen hatte, er war begeistert von der Schweizer Küche. Die Perle schmollte nur kurz und widmete sich dann nur noch meinem neuen Freund. Und wenn D Punkt etwas erzählte, hing sie mit schmachtenden Kalbsaugen an seinen Lippen. Nur mit Mühe konnte ich sie überreden, das Geschirr in die Küche zu transportieren und uns gnädigerweise mit Kaffee und Calvados zu bedienen. Rückwärts, um ja möglichst lange mit Monsieur Fosté in Augenkontakt bleiben zu können, entfernte sie sich mit den Tellern in Richtung Küche, meine Angst, dass sie über die Schwelle stolpern könnte, war unbegründet.

Es wurde ein gemütlicher Abend, Donald erzählte ausführlich von seinem Plan mit dem Traiteur, Georgette sah sich im Geiste sicher schon in einer weissen Schürze hinter der Feinkost-Auslage und die oberen Zweitausend von Saint Raphael bedienen. Ich hoffte schwer, dass sie sich nicht noch mehr vorstellte. Um Mitternacht bestellte ich für meine Perle ein Taxi, zum Dank erklärte sie mir, dass sie am nächsten morgen ziemlich später, so zwei bis vier Stunden, bei mir auftauchen würde. Donald versprach mir, mich am Vormittag auf den Markt zu begleiten.

Am nächsten Nachmittag, nach dem Marktbesuch und einem Mittagessen mit D Punkt in der Grillade, sass ich auf meiner Terrasse und versuchte wie immer zu schreiben. Wie immer fiel mir nicht viel Brauchbares ein, dabei musste ich bis Montag noch eine Glosse und eine Buchbesprechung für meine Lieblingszeitung meinem Laptop anvertrauen. Urplötzlich stand eine fremde Dame vor mir. Hatte ich vergessen die Wohnungstür abzuschliessen, oder hatte ich ganz einfach Halunzinationen. Weder noch, Madame sprach mich an und sie klang wie Georgette, nur etwas gewählter, etwas affektierter. Grundgütiger Himmel, es war meine Perle, aber sie sah aus wie eine Figur aus Tati’s „mon oncle“, das Haar neu gefärbt, aufdoupiert und mit einem kleinen grasgrünen Hütchen voll zur Geltung gebracht. Am Gesicht scheint eine Kosmetikerin den halben Vormittag sämtliche Salben und Cremen ausprobiert zu haben, zum ersten Mal trug sie Lidschatten spazieren, das kräftige Rot der Lippen hatte sie irgendwie mit Goldstaub behandelt, ein bestimmt nicht billiges Parfum rundete die Rundumerneuerung ab. Dazu gehörte natürlich auch ein neues Kleid, diesmal nicht mit Blumen, ein Hauch von Seide in einem dezenten Grün, passend zum Hütchen, schmiegte sich an ihre Rundungen, dazu eine goldfarbene Stola. Auch die Schuhe mit den hohen Absätzen waren goldig. Goldig wie die strahlende Person die vor mir stand. Wurde ich jetzt meiner Haushälterin beraubt und dafür mit einer Hausdame beglückt?

Das Rätsel um meine neue Perle wurde schnell gelöst. Mister Foster trat auf die Nachbarterrasse und die neue Hausdame in Aktion. Neckisch drehte sie sich um ihre eigene Achse und warf Kusshändchen über die Brüstung auf den verblüfften D Punkt. Dann kramte sie in einer mitgebrachten Plastiktasche und zog eine Krawatte heraus. Es war das wohl unmöglichste Dessin, das ich je gesehen hatte. Muscheln in allen Formen und Farben zierten den Selbstbinder, der bereits mit Knoten und einem Gummizug versehen war. Auf ihren neuen Goldschuhen stöckelte sie auf Monsieur Fosté zu und überreichte ihm die herrliche Geschmacklosigkeit. Dieser bedankte sich etwas verlegen, nickte mir zu und verschwand im Innern seines neuen Imperiums. Ich ging leer aus, was ich aber mit Freude verkraftete.

Bei meinem Abendspaziergang hielt ich vergebens nach dem hinterhältigen Bogenschützen Ausschau. Vielleicht konnte ich ihn noch zur Vernunft bringen, vielleicht war er ja noch irgendwo in der Umgebung. Aber Amor blieb verschwunden und Georgette in Love.

 

 

 

Kommentare

Bild des Benutzers bienesumsum

Herrlich, deine Geschichte mit Gerogette, musste schmunzeln.:)
Bild des Benutzers Kurt Myltz

Aber mit Sicherheit. Kommt vielleicht noch.

?????

Myltzli, deine Geschichten faszinierten mich schon immer! Aber wieso bekomme ich ein beklemendes Gefühl bei deiner Beschreibung der verliebten Georgete? Würdest du einen verliebten, alten Gockel auch so beschreiben? :?
Bild des Benutzers LoLa

georgette "en love", eine französische madame die (durch ihren zustand) der coquetterie verfallen ist :-) espérant que ça dure, und dass sich der auserwählte geschmeichelt fühlt... j'attends la suite may_ve

Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont. (Konrad Adenauer)

Bild des Benutzers sansibar

Georgette

:zzz deine Beschreibung von der neuen Gesellschaftsdame "Georgette" ist großartig... Im übrigen wurden meine Lachmuskeln strapaziert! Gruss mercedes
Bild des Benutzers immergruen

Arme Georgette

Ich weiss ja nicht, wie alt die "Perle" ist, aber verliebte Alte muss man einfach mit Nachsicht behandeln, denn manchmal merken sie nicht, dass sie über das Ziel hinausschießen. (und sich gelegentlich lächerlich machen, aber das sage ich hinter vorgehaltener Hand, sonst kriege ich Schelte von Betroffenen.) Ich habe schon oft gesagt, dass ich Deine Geschichten mag, auch heute kann ich dem nichts weiter hinzufügen.

http://www.mönchsklause.de

Bild des Benutzers Floriatosca

Myltzly, einfach wieder mal eine herrliche Geschichte. Ich kam aus dem Schmunzeln nicht mehr raus. Bitte weiter so.

Danke für die Georgette Geschichte,sie ist einfach wieder einmal(wie immer!) ganz spannend und humorvoll geschrieben! :)