Bildung

Alterskulturen in der Sommerakademie 2007

Alterskulturen in der Sommerakademie 2007

10. Sommerakademie Fachwissen Alter der Pro Senectute Schweiz unter dem Thema "Alterskulturen", vom 3. - 7. September an der Universität Bern. 

Bild: Bundesrat Pascal Couchepin

LogoDie Sommerakademie der Pro Senectute zum Fachwissen Alter hat sich zu einer festen Institution zur Weiterbildung von Verantwortlichen in der Altersarbeit etabliert. In- und ausländische Dozenten nahmen Stellung zu Alterskulturen in zentralen Lebensbereichen. Bundesrat Pascal Couchepin hielt das Eröffnungsreferat. Dieses Jahr konnten erstmals interessierte Senioren zu einem reduzierten Preis an der Tagung teilnehmen.

Von Anti-aging über Pro-aging zum Miteinander der Generationen
Bundesrat Pascal Couchepin gratulierte zur zehnten Durchführung der Sommerakademie und betonte die Wichtigkeit einer „vision positive“ vom Alter. Heute gelte „prendre sa retraite…mais rester actif“. Es sei ihm ein Anliegen, dass ältere Menschen sich mit ihrem Erfahrungswissen in der Gesellschaft und in der Wirtschaft einbringen können. Es gebe kein einheitliches Alter, sondern verschiedene Bedürfnisse, für die unterschiedliche, flexible Lösungen gefunden werden müssen. Für Couchepin stehe die Gesundheitsförderung an erster Stelle. Gesundheit hilft, die persönliche Autonomie möglichst lange zu erhalten. Bundesrat Pascal Couchepin will sich einsetzen für verschiedene Pilotprojekte, wie die Förderung der intergenerativen Beziehungen im Quartier, der Freiwilligenarbeit in der Pflege und von Tauschbörsen für Freiwilligenarbeit.

Eine oder viele Kulturen des Alters?
Prof. Franz KollandProf. Dr. Franz Kolland, Universität Wien

Nach Prof. Franz Kolland spielen Kulturpotential und Kreativiät im Alter eine wichtige Rolle zur Daseinsgestaltung. Teilnahme an kulturellen Angeboten bilde eine Chance für ältere Menschen, ihre Lebenssituation sozial und individuell zu verändern. Die Abschwächung der sozialen Bindungen älterer Menschen an Familie und an Solidargemeinschaften bringe neue Freiräume. Prognosen für die baby boomers verheissen, dass sich sowohl die Konsum- als auch Arbeitskultur verändern. Kommt es mit ihnen zu einer Neukonstruktion der Pensions- bzw. Altersphase? Werden sie das Arbeitsleben durch neue Formen der Selbständigkeit erweitern?

Kulturelle Unterschiede beeinflussen mehr als bio-medizinische Unterschiede
Eine interessante Studie zur höheren Sterblichkeit von Männern findet sich unter www.klosterstudie.de. Mönche haben offenbar eine längere Lebenserwartung als Männer der Allgemeinbevölkerung! Untersuchungen zeigen, dass der persönliche Lebensstil bedeutsamer ist für die Lebenszufriedenheit im Alter als die materiell-physische Lebenssituation (H.Thomae 1983). Die Entwicklung des Wohlfahrtstaates bedeute für die älteren Menschen „späte Freiheit“ und diese Freiheit schaffe neue Chancen. Darum stossen Verhandlungen um eine neue Altersgrenze auf Widerstand.

Beispiele für eine ausgeprägte Altenkultur sind die Sun Cities, die silver travellers in den USA, in Europa die Migration von älteren Menschen in die „sun-belt“-Regionen. Die Untersuchung der verschiedenen Lebensstile im Alter zeigt, dass es vielfältige und widersprüchliche Alterskulturen gibt.

Maskierung des Alters
Zur neuen Kultur des Alterns gehöre aber auch, sich nicht alt zu fühlen. Es komme zu einer Maskierung des Alters über Konsum, Gymnastik, Kosmetik etc. und zu einer zunehmenden Polarisierung des Alters. Auf der einen Seite zeige sich eine klare Aktivierung und Verjüngung älterer Menschen (3. Lebensalter) auf der anderen Seite erfahren Menschen im hohen Lebensalter die Grenzen körperlicher und kognitiver Lebensdimension. Das vierte Lebensalter bedeute, zunehmend fremdbestimmt zu leben und Dekulturation in der Pflegesituation.

Alter in der Literatur

Prof. Helmut BachmaierProf. Helmut Bachmaier
Universität Konstanz

Prof. Bachmeier zeigte wie sich Menschen schon seit der Antike für ein positives Altersbild einsetzten. In Texten von Schriftstellern werde viel berichtet über Freud und Leid des Alters. Viele unserer Ansichten hätten ihren Ursprung in der biblischen Tradition, ohne dass uns dies immer bewusst sei. Dem Alter werde Klugheit, Einsicht, Erfahrung und Weisheit bescheinigt, aber auch mögliche Schwächen.

Der Philosoph Cicero plädiert in seiner Schrift „De senectute“ für ein aktives Alter,  für geistiges Interesse, Neugier und empfiehlt, sich neuen Aufgaben stellen. Auch Michel de Montaigne setzt sich für eine möglichst lange Lebenstätigkeit ein, zum eigenen Wohl und zum Nutzen der Gesellschaft. Auch Goethe ist ein Verfechter des Tätigkeitsideals: „ Älter werden heisst: selbst ein neues Geschäft antreten, im Sinne von "Wer sich keine Aufgabe gibt, gibt sich selbst auf".

Im Roman „Der alte Mann und das Meer“ gilt für Ernest Hemingway der Satz "Man kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben". Interessant für Frauen ist die Erzählung von Bertold Brecht „Die unwürdige Greisin“: Eine alte Witwe bricht im Alter aus, rebelliert, gestaltet ihre restliche Lebenszeit nach ihren Wünschen und will “sich nicht mehr ausrichten auf den Blick der Anderen“. Die Schriftstellerin Marie Luise Kaschnitz sieht das Alter („Orte“ 1973) als Balkon, von dem man zugleich weiter und genauer sieht.