Umwelt

«Unendlich schön …»

«Unendlich schön …»

  Die Gartenarbeit ist mehr oder weniger getan; schön, sich aufs Sofa zukuscheln und Gartenträumen nachzuhängen. Die können Sie sich dann im nächsten Jahr erfüllen – zum Beispiel auf einer Kreuzfahrt zu den wunderschönen Gärten entlang der Elbe.

Gerade eben hing das knappe Dutzend begeisterter Gartenliebhaberinnen und Gartenliebhaber noch ziemlich schlaff in den Sitzen des Busses. Erschöpft von der grandiosen Pracht des Barockgartens Grosssedlitz, angelegt von dem bau- und prunkverrückten August dem Starken, Kurfürst von Sachsen. Eigentlich hatte er sich noch ein Schloss dazu vorgestellt, in entsprechend riesigen Dimensionen wie die Parkanlage, aber da ging sogar diesem wahrlich barocken Verschwender das Geld aus.

Unsere Gruppe hätte nach Schloss Moritzburg, Augusts berühmtem Jagdschloss in der Nähe Dresdens, und den dortigen ebenso ausufernden Gartenanlagen ohnehin kein Schloss mehr verkraften können.

Dafür sorgte der praktisch original erhaltene Grosssedlitzer Park mit seinen Orangerien, dem Lustschlösschen, mit all seinen Treppen, Wasserspielen und Skulpturen, mit den weitläufigen Rasenparterren, den akkurat geschnittenen Hecken, mit den authentisch in Kübeln aufgestellten Orangenbäumen und mit den in spätsommerlichem Glanz leuchtenden Blumenrabatten für allgemeines Entzücken.

Im Bus folgte dann eine ebenso allgemeine Ermüdungsattacke. Aber jetzt, gerade angekommen im Lehr- und Sichtungsgarten von Pillnitz bei Dresden mit den hochspannenden Pflanzen-Vergleichsfeldern? Alle sausen wieder los, bewaffnet mit Notizblock und Bleistift, jede und jeder zu einem anderen Beet der weiten Anlage, um die richtige Rose, die richtige Petunie, den richtigen Bodendecker für seinen Garten zu entdecken.

«So sind die Gärtner», grummelt Antonius Bösterling, der so kompetente wie engagierte Führer durch all die Ausflüge in diesen Tagen, «so sind sie – alles Individualisten, jeder hat was anderes im Kopf.» Weil Antonius Bösterling auch sehr energisch werden kann, hat er die verstreute Truppe schnell wieder um sich geschart, die nun lammfromm Hubertus Franke, einem Dozenten an der Fachschule für Landespflege in Pillnitz, durch den Lehrgarten folgt.

Das grösste Interesse erwecken die Rosenbeete (allein 88 Kletterrosen!). Dort werden über Jahre zum Beispiel neue Züchtungen von Rosen beobachtet, wie sie sich – gänzlich ohne jeden Pflanzenschutz – gegen all die unliebsamen Pilze und Schädlinge behaupten.

Die Unterschiede sind eklatant. Mir ist aufgefallen, dass vor allem Rosen von Noack und natürlich die mit dem deutschen ADR-Gütesiegel versehenen besonders straff und gesund ausschauen. Und ich erfahre, dass gelbe Rosen anfälliger sind als andere, weil das Gelb-Gen leider auch stärkere Empfindlichkeit gegen Krankheiten beinhaltet. 

Wunderschön und erst noch lehrreich

Bei der Heckenanlage lernen wir, dass es sinnlos ist, Hecken öfter als zweimal im Jahr zu schneiden: Ein schwacher Sommerschnitt (ja nicht alle Blätter wegschneiden!) Ende Juni und ein kräftiger Schnitt während der Winterruhe sind optimal, alles Weitere stresst die Pflanzen bloss. Der Lehrgarten ist fürs Publikum offen, höchst ergiebiges Anschauungsmaterial für jeden Hobbygärtner.

Die gegensätzlichen Ausflugsziele dieses Tages sind symptomatisch für die siebentägige Gartenkreuzfahrt auf der Elbe von Hamburg bis Tschechien unter Bösterlings Leitung. Er ist pensioniert, aber immer noch äusserst tätig als Landschafts- und Gartenplaner, für den Gartenkultur nicht bei Barockgärten aufhört. Träume und Alltag, Prunk und Blattläuse werden gleichwertig behandelt.

So ist ein Nachmittag den persönlichen Gartenfragen der Teilnehmenden gewidmet, man kann Fotos mitbringen und erhält einen professionellen Plan mit Lösungsideen für sein Problem. Und wenn man im Schlosspark Pillnitz vor der grössten Kamelie der Welt steht, die im Winter von einem fahrbaren Glashaus geschützt wird und deren Blüten über Quadratmeterabschnitte hochgerechnet werden, kann man ungeniert Rat fürs eigene häusliche Kümmergewächs suchen. 

Keine Frage, eine Flusskreuzfahrt ist schierer Luxus

– auch finanziell. Aber für Gartenfreunde gibt es wohl wenig Gleichwertiges zu einem besonderen Anlass – einer silbernen Hochzeit, einem runden Geburtstag – oder als luxuriöses «Das gönn ich mir jetzt!». Es ist ja nicht nur diese eine Woche, es bleibt eine Fülle wunderbarer Eindrücke und kultureller Erkenntnisse, beglückender Bilder, die man immer in Erinnerung behalten wird.

Aber auch ganz ohne Schiff, beispielsweise mit dem Auto oder Zug, ist eine Reise die Elbe hinauf ein nachhaltiges Gartenkunsterlebnis. Ich werde ganz sicher nächstes Jahr nochmals auf eigene Faust die Städte aufsuchen, die in den wunderbaren, weiten, natürlichen Parklandschaften links und rechts dieses vorbildlich renaturierten Stroms liegen. Magdeburg etwa, mit dem ersten Volksgarten Deutschlands, auf historischem Klostergelände angelegt. Meissen und Dresden natürlich, auf Prunk-Augusts Spuren. In die Sächsische Schweiz mit ihrem überwältigenden Elbsandsteingebirge zum Schloss Zuschendorf in Pirna mit seiner einmaligen Efeu- und Hortensienkollektion, Bonsai-Kultur und seinem Kamelien-Gen-Depot.

Und vor allem werde ich noch einmal mit viel Zeit in meine Traumgartenlandschaft eintauchen, über die ich vorher schon so vieles gelesen hatte (vor allem: «Herrscher im Paradies» von Kaevan Gazdar): das Gartenreich Dessau-Wörlitz des Fürsten Franz von Anhalt-Dessau – der erste «englische» Park auf dem Kontinent, angelegt im späten 18. Jahrhundert, bis heute von überragender kultureller Bedeutung.

Der Fürst, einer der fortschrittlichsten Herrscher seiner Zeit, der Aufklärung und (auch religiösen) Toleranz verpflichtet, während in den mächtigeren Ländern rundherum noch starrer Absolutismus herrschte, schuf mit seinem Gartenreich etwas prinzipiell Neues: die Verbindung von Schönheit und Nutzen (Bodenverbesserungen, Obstbaumpflanzungen). Landschaft und Park fliessen ineinander, das Herzstück ist der Wörlitzer See, ein ehemaliger Altarm der Elbe.

 

Der sanft gelenkte Blick

Das wichtigste Gestaltungsprinzip ausser den Verbindungen der Wasserflächen ist die Wegführung. Der Spaziergänger wird, ohne es zu merken, stetig manipuliert. Jede Wegbiegung, jeder (zu diesem Zweck künstlich aufgeschüttete) Hügel öffnet den Blick auf ein eigenes Landschaftsbild, oft sogar durch fächerförmig angelegte Baum- und Buschgruppen auf vier oder fünf nebeneinander (Fächerblick).

Besonders berühmt ist neben der «Rousseau-Insel» der «Toleranzblick». Da lenken die Sichtachsen den Blick über die goldene Urne (worin die Asche eines Töchterchens bestattet wurde) zur Synagoge und neogotischen Kirche St. Petri. Das Wörlitzer Gartenreich war stets ein Pilgerziel aller Dichter und Gelehrten, und Goethe brachte es in einem Brief an Charlotte von Stein auf den Punkt: «Hier ists jetzt unendlich schön …» Ich glaube, hier ist es immer unendlich schön.

 

Experten für Gartenreisen

Die praktisch einzige auf Gartenkreuzfahrten spezialisierte Reederei ist die Peter-Deilmann-Reederei in Holstein (www.deilmann.de); sie bietet 2008 fünf Flusskreuzfahrten und sechs Meerkreuzfahrten an.

«Kultur und Gartenkunst» ist auch ein Schwerpunkt von Arcatour in Zug (www.arcatour.ch), die im nächsten Jahr so Verlockendes wie «Glanzvolles St. Petersburg, Paläste und Parkanlagen der russischen Zaren» oder  «Gartenkunstwerke entlang der frühlingshaften Côte d’Azur» anbietet.