Elektronik

Die Krux mit dem Handy

Die Krux mit dem Handy

Teenager kommen praktisch mit jedem Handy zurecht. Ältere Menschen sollten sich aber nicht mit ihnen messen und ein eher einfaches Modell kaufen. Ein Kurs kann überdies helfen, das Mobiltelefon besser in den Griff zu bekommen.

Eine junge Frau an einer Kaffeebar im Hauptbahnhof Zürich kreischt begeistert auf: «Und das sagst du mir erst jetzt?» Ein Verehrer hat ihr eben gezeigt, wie sie im Telefonverzeichnis ihres Handys schnell einen Namen findet. (Nach dem Eintippen von W und I ist die Nummer von Winterhalters schon da.) Sie muss nur noch die Taste mit dem grünen Telefon drücken, und schon wird die Verbindung aufgebaut. Die Frau ist noch keine vierzig, und bis zu ihrem heutigen Aha-Erlebnis hat sie sich mühsam von A bis W durchgetastet.

Das Beispiel zeigt: Nicht nur ältere Menschen nutzen die Funktionen ihres Mobiltelefons schlecht. Teenies, die im Schnellzugtempo simsen (SMS schreiben) und sich auch von einem komplizierten Menü (Benutzerführung) nicht verunsichern lassen – sie dürfen uns keine Minderwertigkeitsgefühle einjagen. Die Jungen lernen schnell und sind zudem mit digitaler Technik aufgewachsen. Die schicken Mobiltelefone sind ihnen Sport- und Spielgerät in einem.

Zwei Drittel aller Handybesitzerinnen und -besitzer wollen aber nur telefonieren oder dann und wann ein SMS schreiben – das hat die Swisscom ermittelt.

Auch in Deutschland reichen neun von zehn Handynutzern die Basisfunktionen ihres Mobiltelefons vollständig: 88 Prozent der Deutschen wollen damit lediglich telefonieren, SMS-Nachrichten schreiben und gelegentlich ein Foto machen. Das ergab eine Umfrage im Auftrag der «Bild am Sonntag».

Mobilgeräte dürften also durchaus Ballast abwerfen, könnten viel einfacher ausgerüstet sein, als es die meisten heute sind. Denn der viele Schnickschnack lenkt von den Kernfunktionen ab. Der deutsche Kommunikationswissenschafter Marc Hassenzahl schlägt deshalb Geräte vor, bei denen nur jene Menüpunkte angezeigt werden, die der Käufer wirklich haben und benützen möchte. Das Auto sollte Vorbild werden. Wer den Fahrausweis hat, kann sich nämlich hinter jedes beliebige Lenkrad setzen und nach kurzer Orientierung losfahren. Tests in Deutschland haben gezeigt, dass nur wenige mit einem fremden Handy sofort ein SMS schreiben können.

 

Je mehr Geräte, desto schwieriger

Der Verkaufsberater bei MobileZone dürfte es natürlich nicht laut sagen, tut es aber dennoch. «Weil die Telefongesellschaften den Markt mit ihren Abos bestimmen und die Leute antreiben, ihre Handys wie Kleider zu wechseln, kommen ständig neue Modelle auf den Markt, mit immer neuen Finessen, die nicht unbedingt alle Sinn ergeben», erklärt er. «Hauptsache, es ist jedes Mal ein neues Element drin.» Die Auswahl an leicht verständlichen Geräten für ältere Menschen müsste deutlich grösser sein, betont der pfiffige junge Mann mit der kecken Gelfrisur. «Doch diese Altersgruppe telefoniert wohl zu wenig und wirft für die Netzbetreiber wahrscheinlich – noch – zu wenig Profit ab.»

«Eine Frechheit», so mischt sich ein Kunde spontan ins Gespräch ein, «sind vor allem auch die Bedienungsanleitungen. Früher seien sie dicker und ausführlicher gewesen, hat mir meine Tochter gesagt.» Dass die Anleitungen heute weniger Informationen enthalten, rühre aber nicht daher, dass die Handys heute einfacher seien, ärgert sich der Mann, sondern dass vieles gar nicht mehr richtig erklärt, sondern vorausgesetzt werde. «Wer schon sein zehntes Handy hat, kapiert natürlich alles schneller als ich mit meinem ersten Gerät und mit meinen 73 Jahren.» Er sei denn auch schon zum dritten Mal hier, um sich etwas erklären zu lassen. «Zudem habe ich schon mehrmals die Helpline, also die Hilfsnummer, angerufen.»

Erklärungsbedarf gibt es auch im Schulungszimmer von Pro Senectute in Bülach. Der Kurs ist überbucht, statt zehn Leuten sind zwölf da, neun Frauen und drei Männer. Alle wollen sie lernen, wie ihr Handy funktioniert. Claudia Perissinotto gibt schon lange solche Kurse und hat seit drei Jahren ihre eigene Kleinfirma (www.mobilkomm.ch).

Unterstützt wird sie von einer Kollegin, denn die drei Stunden sind anstrengend. Menschen mit sehr verschiedenen Lernfähigkeiten und sieben verschiedenen Handymodellen müssen die beiden heute unterrichten.

 

Anweisungen auf Kisuaheli

Die älteste Frau ist achtzig, und ihr Nokia war auf Kisuaheli eingestellt, bevor man es ihr in einem Swisscom-Shop auf Englisch umgestellt hat. «Deutsch fehlt in dem Kästchen. Ich habe es halt in Malawi zum Abschied geschenkt bekommen, ich selber hätte ja keins gekauft.» In Afrika war sie 40 Jahre lang Missionsschwester. Bevor sie nun in Irland in ihrem Ordenshaus in Pension geht, will sie das Gerät bedienen lernen. «Zweimal», sagt sie und lacht, «ist nämlich mitten in der Nacht der Weckalarm losgegangen, und ich wusste nicht, wie das Gerät ausschalten.»

Einer der drei Männer hat sein Handy zwar schon lange, benützte es jedoch nur zum Telefonieren. «Jetzt kann ich auch SMS schreiben – und vor allem diese wieder löschen. Vorher war der Speicher oft verstopft.» Es freut ihn, dass er nun Gratulationen oder aus den Ferien Grüsse losschicken kann.

Die beiden Kursleiterinnen helfen allen Teilnehmenden beim Erstellen einer einfachen Anleitung für ihr Gerät. In ihrem Ordner haben sich bereits mehrere Hundert solcher Anleitungshilfen angesammelt. Denn die Auswahl an Handys wird praktisch von Monat zu Monat grösser. «Üben, üben», fordert Frau Perissinotto die etwas geschwätzige Klasse auf, «ohne geht es nicht. Wenden Sie es zu Hause an! Schon morgen.» Dass die an sich selber geschickte Mitteilung mit musikalischem Gedudel ankommt und auf dem Display ein Briefchen erscheint, löst bei fast allen eine jugendlich anmutende Begeisterung aus, auch wenn sie das Wort geil nicht benutzen: «Läck, es goht», frohlockt eine Kursteilnehmerin.

Grundfunktionen, Tastenfunktionen, Menüstruktur, Mailbox, Notruf, im Telefonbuch speichern/löschen, SMS schreiben/lesen und direktes Telefonieren – das soll jede und jeder in diesem Kurs verstehen und anwenden lernen. Für jene, die auf den Geschmack gekommen sind und mehr über die Eingeweide ihres Mobiltelefons erfahren möchten, gibt es auch einen Nachfolgekurs zum Üben, bei dem ein paar weitere Funktionen hinzugelernt werden.

Der Support (die Unterstützung) geht sogar noch weiter. Wer einen Kurs besucht hat und später ein neues Handy kauft, schickt Claudia Perissinotto einfach ein Zehnernötli, schreibt die genaue Modellbezeichnung auf einen Zettel und bekommt schon bald – wenigstens für die Grundfunktionen – eine schematische Kurzanleitung. «Die Anleitungen, die man zu den Geräten bekommt, sind viel zu kompliziert – nicht nur für ältere Menschen», weiss die Handykennerin aus Erfahrung. Nach einem einfachen Gerät befragt, empfiehlt sie aus der Comfort-Reihe von Sagem die Modelle VS 1 oder VS 3.

 

Die Informationen sind zu klein

Mit dem VS 1 in der Hand erklärt sie: «Die Tasten sind gross, das versteht sich von selbst. Und hier sehen Sie die Symbole wie etwa das Mannsgöggeli oder das Briefli gleich zuvorderst im Sichtfeld. Sie müssen sich nicht zuerst in ein Menü hineinwählen.» Wichtig sei auch, dass bei diesem Modell gross in Worten stehe, dass der Akkustand und das Empfangssignal gut seien. «Bei den meisten Geräten sind diese Angaben nur sehr klein und irgendwo am Rand als Symbole vorhanden.»

Ohnehin sei eigentlich alles auf dem Bildschirm der Handys viel zu klein, moniert auch ein älterer Herr in einem Forum im Internet. Und eine Teilnehmerin des Bülacher Kurses teilt am Ende diese Meinung: «Ich habe Augenprobleme und kann die Angaben auf meinem Handy kaum lesen. Darum habe ich, wie meine Schwester auch, in der Tasche neben dem Handy immer eine Lupe.» Nun heisst es, das im Kurs Gelernte anzuwenden. «Es gibt nichts anderes, als zu Hause zu repetieren», stellt sie fest.

In ihren Augen zuckt Ingrimm auf, als möchte sie sagen: «Ihr werdet ja noch staunen.»

Denn Alter schützt vor Ehrgeiz nicht. Die «Silver Surfer», wie ältere Benutzer heute auch genannt werden, haben mehr Power, als man vermutet. Eins von den speziellen Seniorenhandys möchte die Dame jedenfalls nicht. «Die sind viel zu teuer und nur für die Hochbetagten.»

 

Handys für Spezialprobleme

Eine eigene Kategorie sind Mobiltelefone für Menschen mit starken gesundheitlichen Problemen oder deutlicher Seh- und/oder Hörbehinderung. Verglichen mit normalen Geräten sind sie oft sehr gross – und meist auch teurer. Einige haben raffinierte Funktionen wie Ortungssystem, Sturzsensor, automatischer Notruf, Standortüberwachung. In den Läden sind die Geräte schwierig zu finden, weil die meisten von kleineren Firmen produziert und übers Internet vertrieben werden.

Eine echte Auswahl findet man nur dort. Begriffe zum Surfen sind: Seniorenhandy, Fitage BigEasy, Secu-B, Senior, IT-Plusplus Easy 5, Emporia Life, Secufone, Vitaphone, VitaTel, Katharina das Grosse. 

Wem der Computer fremd ist, der findet sicher jemanden, der sich damit auskennt und weiterhelfen kann. Auch die Zeitlupe wird laufend über Neuerungen und Angebote in diesem Bereich berichten.