Gesellschaft

Auf dem Weg zum grau(haarig)en Arbeitsmarkt?

Auf dem Weg zum grau(haarig)en Arbeitsmarkt?

Dr. oec. Serge Gaillard schildert Szenarien und Prognosen zur Alterung der Erwerbsbevölkerung -  in der Vorlesungsreihe "Alter und Gesellschaft" des Zentrums für Gerontologie (ZfG) Zürich.

Die demographische Alterung und der Arbeitsmarkt
Die Erwerbsbevölkerung wird immer älter, sie ist besser ausgebildet, und die Zahl der Erwerbstätigen wird in den nächsten Jahren abnehmen, erklärt Gaillard. Für eine wettbewerbsfähige Wirtschaft ist die Schweiz auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen. Jährlich kommen rund 40'000 Erwerbstätige aus dem Ausland, 2007 werden es voraussichtlich 60'000 sein. Die Schweiz ist gefragt als Werkplatz und als Wohnsitz. Die Personenfreizügigkeitsabkommen mit der EU wirken sich positiv aus.

Gute Rahmenbedingungen für die Politik
D
ie Schweiz verfügt im Vergleich mit den übrigen EU-Ländern über eine der höchsten Arbeitsquoten. Gründe dazu sind eine gute Integration der Jugendlichen, eine hohe Arbeitsquote der Älteren und die Tatsache, dass die Schweiz keine länger andauernde Arbeitslosigkeit verkraften muss.

Finanzierung der Sozialwerke
Die Zunahme der über 65-Jährigen lässt befürchten, unsere Sozialwerke seien nicht mehr finanzierbar. Diese Angst ist unbegründet. Mit der aktuellen wirtschaftlichen Entwicklung kann die AHV finanziert werden durch 1 % zusätzliche Mehrwertsteuer im Zeitraum von 5 bis 10 Jahren. Damit steigen die Sozialausgaben im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt von heute 22,2 % auf voraussichtlich 29,4 % im Jahr 2030. Diese Erhöhung ist verkraftbar. Die Probleme der Invalidenversicherung und der Krankenversicherung, die übermässige Kosten verursachen, müssen strukturell bereinigt werden.

Die Ressourcen der Älteren besser nutzen
Da sich die demographischen Veränderungen langsam entwickeln, kann angemessen reagiert werden. Ziel ist es, möglichst alle Erwerbstätigen bis zum Pensionsalter in den Arbeitsprozess zu integrieren, lange Perioden mit hoher Arbeitslosigkeit zu vermeiden und parallel zum wirtschaftlichen Aufschwung die Bezugsdauer der Arbeitslosenleistungen zu kürzen.

Die Altersstrategie des Bundes
Der Bundesrat hat im August 2007 einen Bericht zur „Strategie für eine schweizerische Alterspolitik“ verabschiedet. Der Bericht beleuchtet die heutige Situation älterer Menschen, bezogen auf die Themenbereiche Gesundheit und medizinische Versorgung, Wohnsituation und Mobilität, Arbeit und Übergang in den Ruhestand, wirtschaftliche Situation, Engagement und gesellschaftliche Partizipation. Die Situation der älteren Menschen ist in allen fünf Bereichen gut: Es sind beachtliche Ressourcen und grosse Potenziale vorhanden. Ein defizitäres Bild des Alters ist nicht mehr zeitgemäss.

Flexibilisierung des Rentenalters
Das heutige Modell „100 % Arbeit bis 65, dann Reduktion auf 0 %“ ist zu starr. Das SECO unterstützt eine gezielte Flexibilisierung des Altersrückritts mit Anpassung der Versicherungen. Arbeiten soll sich lohnen.

In den letzten Jahren liessen sich ca. 50 % der Rentner vorzeitigen pensionieren. Gründe dazu waren bei 21 % betriebliche Restrukturierung und bei 20 % Gesundheitsprobleme. In Zukunft sollen den Betrieben die Arbeitsleistungen der älteren Arbeitnehmer erhalten werden durch Förderung der Weiterbildung auch für ältere Mitarbeiter, Karriereplanung ab 50, Schwerpunktkampagnen bei den Unternehmern zur Gesundheitsförderung für Erwerbstätige mit hoher körperlicher Beanspruchung und Schichtarbeit.

Immer noch: Alt und arbeitslos!
Viele Pensionierte zweifeln am Erfolg dieser Massnahmen, haben sie doch eine unfreiwillige Frühpensionierung oder die Folgen einer Arbeitslosigkeit erlebt. Die Arbeitslosenquote liegt zwar bei älteren Arbeitnehmern tiefer als bei jüngeren, doch die Rückkehr in den Arbeitsprozess ist für Ältere schwieriger. Wer länger als 300 Tage arbeitslos ist, findet kaum mehr einen neuen Arbeitsplatz. Was tun? Um eine hohe Beschäftigungsquote zu erreichen, müssen die RAV-Stellenvermittlungen gute Beziehungen zu Unternehmern pflegen. Neu sollen für konkrete Stellen Ausbildungsprogramme ausgearbeitet werden. Die Arbeitslosenversicherung kann neu Einarbeitungszuschüsse für Arbeitslose leisten.

Die Gesundheit erhalten
Gemäss einer europäischen Erhebung über Arbeitsbedingungen steigt die Arbeitszufriedenheit der Schweizer mit zunehmendem Alter. Negative Aspekte und Ursachen für gesundheitliche Risiken sind Arbeitstempo und Termindruck, fehlende Selbstbestimmungsmöglichkeiten, schmerzhafte oder ermüdende Arbeitshaltungen, Raumtemperaturen, Tragen oder Bewegen schwerer Lasten, Nachtarbeit.

Beim SECO werden seit den Sommerferien Massnahmen diskutiert, wie diese Aspekte verbessert werden können. Die Unterlagen werden über Internet allen Betrieben zur Verfügung gestellt.

Schlussfolgerung
Die Erwerbsbevölkerung wird älter, die Kosten für die Vorsorge steigen, und die Schweiz braucht eine mässig wachsende Wirtschaft, erklärt Gaillard.

Ziel ist eine möglichst hohe Beschäftigungsquote der Personen im Erwerbsalter bis zur Pensionierung. Dieses Ziel wird mit flankierenden Massnahmen unterstützt:

Das Statut Zwangspensionierung ist abzuschaffen. Ältere Arbeitnehmer sollen ihr Sachwissen und ihre Erfahrung einbringen und ihre Führungsverantwortung abgeben können. Die Sozialversicherungen sind anzupassen: Arbeiten soll sich lohnen.

Ohne Migration laufe nichts, bestätigt  Gaillard. Die Wohnsituation für die Arbeitnehmer muss geplant, die Integration ermöglicht und die Erwartung der Arbeitnehmer aus andern Staaten erfüllt werden.

Dr. oec. Serge Gaillard, Direktor für Arbeit im Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO), Bern

Zentrum für Gerontologie, Universität Zürich

Folien zum Vortrag

Nächste Veranstaltung der Vorlesungsreihe
"Alter und Gesellschaft: Zukunftsperspektiven und Szenarien"
Mittwoch 21. November 2007, 18.15 - 19.45 Uhr, Universität Zürich
"Die Soziale Sicherheit im Kontext der Alterung der Bevölkerung"
Ludwig Gärtner, Vizedirektor im Bundesamt für Sozialversicherungen
Leiter des Geschäftsfeldes "Familie, Generationen und Gesellschaft", Bern