Freizeit

Donald ohne Mac

Donald ohne Mac

D Punkt Foster kam letztes Jahr aus Good old England an die blaue Küste. Er wurde nicht nur mein Nachbar, ich fand in ihm auch einen guten Freund. Natürlich kam er nicht in den sonnigen Süden, um in meiner Nähe zu sein. Wir kannten uns ja vorher gar nicht. Er kam um hier ein Traiteur-Geschäft, einen Feinkostladen, zu eröffnen.

 

Nun kann natürlich auch ein Engländer nicht einfach auf das Amt für Delikatessen gehen und sagen „Guten Tag, schöne Grüsse von der Queen, ich mache hier morgen meinen Deli-Shop auf, any problems?“ So einfach geht das nicht. Das ist wie beim Course d'obstacle, beim Hürdenrennen, da gilt es viele Hindernisse zu überwinden.

Zuerst einmal zur Person des latenten Geschäftsinhabers: Donald Foster ist nicht der Typ „Austernbar auf der Promenade de la Croisette“, er ist eher der Gattung „Five o’clock tea in der City of Westminster“ zuzuordnen. Das allein ist schon ein Handicap, ein Feinkosthändler muss Genuss pur ausstrahlen, er ist ein Jünger Epikurs, er ist der König der Gourmets. Vielleicht war ja ein Fosterscher Vorfahre Vize-König von Indien. Das allein kann aber seinem Nachkommen auch nicht helfen. Nicht einmal die selten gerühmte englische Küche kann ihm von Nutzen sein. Er ist somit ganz allein auf sich selbst gestellt, er braucht also dringendst einen Partner. 

An der französischen Riviera wimmelt es selbstverständlich nur so von Feinschmeckern. Denauso selbstverständlich möchte jeder von ihnen gerne potenter Teilhaber eines britischen Feinkostladens werden, in dem es neben Chester sogar Bubble and Squeak, Fish ’n’ Chips und Yorkshire-Pudding zu kaufen gibt, an Weihnachten vielleicht auch noch Mince Pie. Das ist sogar gemäss Lucius Licinius Lucullus, dem Erfinder der Feinkost, keine sehr gute Ausgangslage. Die Suche nach einem Sozius mit Traiteur-Erfahrung musste umgehend in Angriff genommen werden.

Georgette, die Patin der heiligen Einfalt, hatte sofort einen Anwärter zur Hand: „Monsieur Kurt, ich wüsste einen seriösen Partner für Monsieur Fosté, zuverlässig, kinder- und tierfreundlich, auch sonst freundlich, ein Gentlemen der alten Schule, immer da wenn man ihn braucht. Sie wissen genau, wen ich meine!“

„Keine Ahnung, auf jeden Fall kann es niemand aus meinem Bekanntenkreis sein“. Meine Perle schaute mich an, wie Madame Solange ihr Hündchen, wenn es auf den guten Teppich gepinkelt hatte: „Was soll das heissen, kennen Sie ihre Freunde so schlecht. Natürlich meine ich Monsieur Lionel, der ist genau richtig, schliesslich war er vor Jahren einmal Chauffeur bei Barbentane Primeurs in Châteaurenard, also kennt er sich mit Früchten und Gemüse bestens aus. Sein Onkel hatte eine Hühnerfarm in Bourg-en-Bresse und eine entfernte Tante von ihm kochte die besten Confits, wenn das keine sprechenden Gründe sind!“

Allerdings vergass sie zu erwähnen, dass er bis zu seiner Pensionierung vor einem Jahr Fahrer bei der SAMU - Service d'Aide Médicale Urgente - war, also Krankenwagenfahrer. Zugegeben, das könnte bei gewissen Delikatessenhändlern von Vorteil sein.

Meine Antwort war kurz, aber nicht ganz bündig: „Erstens ist Lionel zu alt, zweitens ist er Abstinenzler, ein Traiteur verkauft aber auch Weine und hundertjährige Armagnacs, drittens hat er kein Geld und viertens trägt er einen Schnauz. Dann könnten wir genauso gut Jules nehmen, der verkauft wenigstens Stillleben mit Muscheln, Hummer und Fasanen“.

„So, das ist wieder typisch“ schnaubte meine Schürzenträgerin, „nur weil einer kein Geld hat missgönnen Sie ihm einen lukrativen Nebenverdienst. Sie sind auch nicht mehr der Jüngste. Nur weil Sie immer noch Unverschämtheiten über ihre Mitmenschen schreiben und sich damit ein hübsches Nebeneinkommen verdienen, haben Sie noch lange nicht das Recht dem armen Lionel vor seinem Glück zu stehen. Wozu braucht er überhaupt Geld, er kann ja auch stiller Teilhaber werden“.

Warum kann man sich eigentlich nur von Ehepartnern scheiden Lassen – ich muss mich unbedingt mit meinem Syndikus unterhalten, vielleicht besteht bei mir die Möglichkeit einer Trennung von Tisch und Putzschrank. Und woher wusste mein Feldweibel eigentlich was ich schreibe. Sie spricht französisch, ich verfasse meine Unverschämtheiten auf Deutsch.

Der sprechenden Gründe waren genug gewechselt. Ich scheuchte meine Perle in die Küche und verschanzte mich hinter dem Nice Matin. Vielleicht annoncierte ja jemand ein zurzeit leerstehendes Lokal in der Nähe vom Markt. Donald Foster sprach und verstand wohl sehr gut französisch, mit schreiben und lesen hatte er noch Mühe, aber er belegte einen Kurs in der Sprachschule CIC in Cannes, intensiv, 3 Wochen zu je 25 Unterrichtsstunden. Erste Erfolge zeichneten sich bereits ab. Bis er perfekt war, half ich ihm so gut ich konnte.

D Punkt hätte sein Geschäft am liebsten schon gestern eröffnet. Doch keine Eröffnung ohne Geschäft, kein Geschäft ohne Partner, kein Partner ohne - Circulus vitiosus – wie komme ich jetzt aus diesem Satz wieder raus, Georgette rumorte in der Küche. Sie wäre mir aber auch im Wohnzimmer in dieser Situation keine Hilfe gewesen. Und hätte ich sie doch um eine solche gebeten, wäre ich bestimmt mit einer von ihren Abänderungen abgespeist worden: „Es ist der Fluch der bösen Tat, dass man vom liebsten was man hat, vor Zeugen Böses muss gebären“.

Hilfe nahte in Form des ehemaligen Jura-Studenten aus Draguignan. „Du musst“ meinte Jean, „Du musst mit Donald verschiedene Traiteur an verschieden Orten aufsuchen, dann kann er hautnah erleben, auf was es bei diesem Geschäft ankommt. Und falls ihr zuviel einkaufen müsst, damit Eure Spionage nicht auffällt: Ich bin immer Abnehmer exquisiter Köstlichkeiten. Einen Partner mit dem richtigen Know-how habe ich für ihn auch schon in Aussicht.“

So machten sich zwei Jünglinge im fortgeschrittenen Alter im noch älteren Land Rover des Insulaners auf die Suche nach Verkäufern von Leckerbissen französischer Esskultur. Das erste Geschäft, das wir betraten, war eine Metzgerei mit angeschlossener Feinkostabteilung. Bedient wurden wir von einem dicklichen Jungmann mit einem Pickelgesicht. Eine Anwendung von Clerasil und Konsorten hätte er dringend nötig gehabt. Seine ehemals weisse Schürze glich eher einem Gemälde der Schlacht bei Waterloo. Sein Namensschild war identisch mit der Aufschrift an der Ladentüre, vielleicht der Sohn des Hauses. Er begrüsste uns, schmuddelig allein genügte wohl nicht, mit einer krächzenden Fistelstimme: „Ces messieurs, was darf es sein, wir hätten heute Boudins im Angebot. Sehr frisch und gut gewürzt“. Seine Schlachtschürze nickte bestätigend.

Ich sah mich schnell um, sah dass es nichts Anständiges zu kaufen gab und fragte heuchlerisch: „Haben Sie Trüffelpastete?“ Der Pustelkopf musste leider verneinen, wir mussten leider bedauern und verliessen schnell die unansehnliche Stätte seines Wirkens. Donald meinte dazu: „Bei mir dürfte es das nicht geben“. Ich wusste nicht, meinte er die Pickel oder die Schürze.

Das nächste Etablissement war eine Augenweide. Hier konnte man wirklich alles kaufen, was das Herz begehrte: Köstliche Gourmandise , lustvoll präsentiert, Seelachsfilet, Soupe au Pistou, Truite Saumoné en Bellevue, herrlich. Zwei ganz kleine Kleinigkeiten gab es doch zu beanstanden, es gab zu viele Kunden und zu wenig Personal, die Majonaise vom Salade russe schien ein bisschen angetrocknet, wie gesagt, Kleinigkeiten. Donald meinte dazu: „Bei mir dürfte es das nicht geben“. Ich wusste nicht, meinte er den Personalmangel oder die Sauce.

Beim dritten Anlauf landeten wir beim Algerier. Chorba, Couscous, Dorade mit Tahin, Algerisches Lammragout, Hähnchenpastete mit Bulgur sowie Taboulé waren heute, nebst vielen anderen Genüssen, im Angebot. Natürlich auch das für die algerische Küche wichtige Karouia, eine Mischung aus fünf Gewürzen. Zusätzlich verkaufte der sympathische Pied Noir leider noch Konservenbüchsen, wie man sie auch im Monoprix findet, Ravioli, Weisse Bohnen, Erbsen und Karotten, Industrieerzeugnisse halt. Donald meinte dazu: „Bei mir dürfte es das nicht geben“. Ich wusste nicht, meinte er die Erbsen oder die Karotten.

Wir gönnten uns eine Pause, assen eine Kleinigkeit. Donald trank auch ein kleines Gläschen Wein, er musste ja noch chauffieren. Ich konnte sehen, wie ich mit dem Rest der Flasche zurecht kam. Nachdem ich das Problem zu meiner Zufriedenheit gemeistert hatte, konnten wir unsere Bei-mir-dürfte-es-das-nicht-geben-Tour fortsetzen. Die nächsten Stationen brachten keine nennenswerten neuen Erkenntnisse, D Punkt war trotzdem mit unserer Spionagefahrt zufrieden. Um fünf Uhr trafen wir Jean auf der Terrasse vom Excelsior. Er hörte uns wohlwollend lächelnd zu. Ich hasse diese leicht überhebliche, schon fast arrogante Art zu lächeln. Also er hörte sich unsere Erfahrungen an und meinte dann zu Donald gewandt: „Jetzt weißt Du, wie man es machen sollte, wenn Du alle diese von Dir bemerkten Unstimmigkeiten vermeiden kannst, hast Du eine reelle Chance“.

Das war Mister Foster schon lange klar, er war sich seiner Berufung absolut sicher. Neben Au Duc de Montmorency in Paris, Chorliet in Lyon und Ernest in Cannes müsste in seinen Augen ab sofort auch Foster in Saint Raphael in einem Atemzug erwähnt werden.

Nicht weit vom Excelsior befindet sich das zweitbeste Fast-Food-Etablissement der Stadt, das Mac Donald’s. Das Beste liegt in den Händen eines Marokkaners, in seiner kleinen Bretterbude macht er weitaus bessere Frikadellen. D Punkt könnte doch sein Kulinarium Donald’s nennen, ohne Mac. Oder Foster’s Donald, oder Don Traiteur.

Zuerst muss aber ein Geschäftslokal und ein Kompagnon gefunden werden, dann kommt das mit dem Namen von ganz allein. Ob Don Traiteur oder Don Camillo, zur Eröffnung gehe ich auf jeden Fall mit meiner Peppona, der Donna Giorgietta.

 

Kommentare

Donald ohne Mac

meine Güte, ein Engländer mit Delikatessengeschäft an der Côte d'azur. Diejenigen Engländer, die es soweit schaffen, wollen gute französische Küche, die gibt es zwischen Marseille und Menton genügend. Deine Perle erinnert mich an irgendeine....später davon.Bon Week-end olivone
Bild des Benutzers immergruen

Beim exzellenten Kenntnisstand von Monsieur Kurt, kulinarische Spezialitäten betreffend,wäre doch wohl er der beste Kompagnon, aber wenn der Wirt sein bester Kunde ist, soll es wiederum nicht so günstig sein im Sinne des materiellen Gewinns , sagt man. D Punkt Kurt wär doch auch ein netter Name für das Geschäft, wenn es denn zustande käme. Ansonsten reichen schon die amüsanten Zutaten der Geschichte für einen Lesegenuss.

http://www.mönchsklause.de

Ein sehr gute beschriebenes Histörchen, lieber Kurt. Dass ich jetzt einen fürchterlichen Gluscht nach Delikatessen habe ist wohl auch dieser Lektüre zuzuschreiben! Danke, und weiter so!