Recht

Kriminell - Verbrechen in Zürich als Spiegel ihrer Zeit

Kriminell - Verbrechen in Zürich als Spiegel ihrer Zeit

Eine Ausstellung im Stadthaus Zürich dokumentiert aufsehenerregende Verbrechen der letzten 100 Jahre und ihr gesellschaftliches Umfeld. Einige Urteile verblüffen. Was ist gut? Was ist böse? Die Meinung darüber verändert sich mit den Jahren. Die Ausstellung regt an, über Zusammenhänge nachzudenken.

Bild oben: "Der Geldfälscher an der Arbeit"
Selbstportrait von Hansjörg Mühlematter, Oel (Ausschnitt)

Zwölf kleiderschrankgrosse Bundesordner, ein Modell der Strafanstalt Regensdorf von 1901 bis 1995 und einer Zelle aus der Pöschwies auf der Galerie im zweiten Stock des Stadthauses Zürich. Damit  informiert die Ausstellung "kriminell" über Verbrechen, die im letzten Jahrhundert in Zürich begangen wurden. Fotos, Berichte, Tonbandaufnahmen und Deliktgegenstände veranschaulichen ein Stück Sozialgeschichte.

kriminell - Ausstellung in ZürichEinzelne Namen von Opfern und Tätern wecken beim älteren Besucher heute noch die Gefühle, welche die Vergehen in der frühen Jugendzeit ausgelöst haben, und lassen ihn erschauern. Makaber, sich zu erinnern, nochmals einzutauchen in die Tat und in das Umfeld, in welchem sie begangen worden ist. Einige Gerichtsurteile mögen heute verblüffen. Die Meinung darüber, was gut und was verwerflich ist, wandelt sich mit der Zeit. „Unsere Gesellschaft ringt ständig darum, was sie akzeptieren will und was sie ausschliessen soll“ - so die Begleitpublikation.

Werden Menschen zu Verbrechern geboren oder sind es die Umstände, die sie zu Verbrechern machen? fragt Kurator Willi Wottreng. Ein Wohnhaus am Werdgässchen in Aussersihl um 1912 widerspiegelt die soziale Lage, in welcher eine Mutter ihr Kind ermordete. Die Frau wurde 1920 erstaunlicherweise freigesprochen, vermutlich dank dem Druck der Arbeiterinnenbewegung, die sich auch für den Schwangerschaftsabbbruch einsetzte.

Fotos von ausgebombten Städten im Elsass nach dem zweiten Weltkrieg veranschaulichen die Verrohung in Kriegszeiten und zeigen das Umfeld, in welchem Frauen als Prostituierte sich selbst Geld und den Männern ein bisschen Glück verschafft haben. Vor 100 Jahren verdrängten Verbote die freie Ausübung der Sexualität und homosexuelle Beziehungen in Hinterzimmer und führten zu Doppelleben. Dennoch konnten bis heute, trotz wesentlich grösserer Freizügigkeit, weder die sexuelle Aggression und noch Beziehungsdelikte ausgemerzt werden.

Das Homosexuellenmilleu ist heute nicht mehr lebensgefährlich. Ein düsteres Kapitel bleiben aber nach wie vor die Angriffe auf Minderheiten, wie unbeliebte Bevölkerungsgruppen, Ausländer und Randständige, die trotz verschärfter Gesetzgebung immer noch Beschimpfung und Gewalt erfahren.

Der Wunsch nach mehr Geld hat die Fantasie von Menschen seit eh und jeh beflügelt. 1923 leistete sich die Hochstaplerin Miss Tainter grossspurig ein florierendes Geschäft mit den leichtgläubigen Stadtzürchern. Und heute werden ältere Menschen von den Enkel-Trick-Betrügern hereingelegt. Recht nostalgisch mutet in Zeiten des online-Bankings der Falschgeldmünzer an. Vereinnahmt von einer italienischen Verbrecherbande druckte er vier Millionen Franken, wurde um seinen Lohn geprellt und sass 32 Monate im Gefängnis. 1996 geriet er erneut hinter Gitter, weil er sich mit selbst gedrucktem Falschgeld aus einer finanziellen Notlage zu befreien versuchte. „Die Kleinen hängt man, die Grossen lässt man laufen“, propagierten die Studenten 1968 in einer Solidaritätsdemo zu Gunsten von Ex-Detektiv Kurt Meier, genannt Meier 19, der den Zahltagsdiebstahl von 1963 in der Polizeihauptwache Zürich aufdecken wollte.

Die Ausstellung ist von Willi Wottreng anschaulich und abwechslungsreich gestaltet. Es lohnt sich, genügend Zeit einzuplanen, um die Dokumente in den Dossiers zu lesen, die in einzelnen Stationen eingefügt wurden.

Die Ausstellung dauert bis 9. Mai 2008.
Öffnungszeiten Montag bis Freitag 9 bis 18 Uhr.

Zusätzliche Veranstaltungen:

Mittwoch, 2. April 2008 18.30 – 19.30 Uhr:
Willi Wottreng liest aus „Deubelbeiss & Co.“

Willi Wottreng ist Journalist bei der „NZZ am Sonntag“, Autor und Kurator der Ausstellung.
Donnerstag,  17. April 2008 18 Uhr Öffentliche Führung.
Individuelle Führungen auf Anfrage (Telefon 044 412 21 23)

Die zwölf Themen (oder Verbrechen) der Ausstellung

Mehr Informationen über die Ausstellung