Mit Aktaufnahmen wie diesen hat die Kosmetikfirma „Dove“ ihre Werbekampagne für Anti-Aging-Produkte lanciert und damit gleich gegen zwei scheinbar unverrückbare Thesen verstossen:
1.) Alter ist unästhetisch.
2.) Eine alte Frau zeigt sich nicht nackt.
Der Firma gehe es um eine Aufwertung des Alters, hiess es, als die Kampagne gestartet wurde. Das mag so sein. In erster Linie aber ging es natürlich ums Geschäft. Und dieses Geschäft macht man, indem man dem Alter seinen Schrecken nimmt und die Gesellschaft in ihrem Drang nach Jugendlichkeit bestärkt.
Gegen positive Altersbilder an sich ist nichts einzuwenden. Wir brauchen sie dringend, wenn wir die Chancen steigender Lebenserwartung gesellschaftspolitisch nutzen wollen. Problematisch hingegen scheint mir das Nebeneinander sich widersprechender Vorstellungen davon, wie dieses Alter denn nun eigentlich auszusehen habe: hinfällig und defizitär oder aber aktiv und lebenslustig. Das wirkt auf ältere Menschen verwirrend und erschwert die eigene Rollenfindung.
Wo ist das Bild vom Alter, mit dem ich mich identifizieren kann? So frage ich mich manchmal. Sind es die alten Frauen, die sich im Pflegeheim an Therapiehasen erfreuen?
Oder ist es das smarte grauhaarige Paar, das an der Reling eines Kreuzfahrtschiffes den wohlverdienten Ruhestand geniesst?
Ich muss gestehen, dass mir weder das eine noch das andere Bild behagt. Alter bedeutet für mich einstweilen noch nicht Gebrechlichkeit. Alter ist für mich aber auch nicht gleichbedeutend mit ewigen Ferien.
Der Lebensabschnitt, in dem ich mich als zwar pensionierte, aber beruflich noch immer aktive Endsechzigerin befinde, ist eine komplexe Angelegenheit, in der die Freude an neu gewonnener Ungebundenheit eine ebenso wichtige Rolle spielt wie das Bedürfnis, mich beruflich und gesellschaftlich weiterhin nützlich zu machen.
Genau dies aber kommt in der Galerie sich widersprechender Altersbilder nicht vor. Arbeit im Sinne einer Weiterführung beruflicher Aktivitäten scheint, wenn man den Bildern glauben will, bei der Gestaltung der späten Jahre keine Rolle mehr zu spielen. Ich musste deshalb lange suchen, bis ich Bilder älterer Menschen fand, die noch immer einer regelmässigen beruflichen Tätigkeit nachgehen.
Gefunden habe ich den als Senior Expert tätigen Manager, der seinem Unternehmen als Consulter weiterhin zu Diensten steht. Und gefunden habe ich den Automechaniker, der auch mit über 70 noch immer alte Autos wieder zum Laufen bringt:


Beide Bilder stammen aus einer von der ZKB in Auftrag gegebenen Studie zum Thema „Arbeit in der alternden Gesellschaft“ – einer Publikation also, die sich mit der heiklen und noch immer viel zu wenig beachteten Problematik des Arbeitsmarkts für ältere Menschen auseinandersetzt. Dass es sich im einen Fall um ein Kadermitglied und im andern Fall um einen Selbständigerwerbenden und in beiden Fällen um Männer handelt, kommt nicht von ungefähr. Denn unter denjenigen, die über das offizielle Rentenalter hinaus beruflich aktiv bleiben, sind gut ausgebildete und selbständige Männer überdurchschnittlich vertreten.
Frauen hingegen werden, obwohl ihr Anteil an der Erwerbsquote in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich zugenommen hat, im Alter kaum noch über ihre Berufstätigkeit und ihren Leistungsausweis definiert. Sie werden entweder als gut betuchte Konsumentinnen wahrgenommen.
Oder aber als gute Geister im Sozial- und Pflegebereich, wo sie noch älteren Geschlechtsgenossinnen den beschwerlichen Alltag erträglich machen.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Altersbilder ziemlich genau der Altersrealität entsprechen, in der wir uns gegenwärtig befinden. Noch ist unser Sozialsystem – und damit auch unser Denken – weitgehend darauf ausgerichtet, dass Menschen um die 60 aus dem Arbeitsprozess ausscheiden sollen bzw. ausscheiden wollen, weil sie entweder müde, ausgebrannt und abgearbeitet sind oder weil sie nicht mehr gebraucht werden. Die Tatsache, dass sich Menschen, die heute das gesetzlich vorgeschriebene Rentenalter erreichen, in der Regel um Jahre jünger fühlen und über eine signifikant höhere Lebenserwartung verfügen als frühere Generationen, wird in diesen Szenarien noch kaum berücksichtigt.
Auch ins Bewusstsein einer breiteren Öffentlichkeit scheint der Wandel noch nicht gedrungen. Frühpensionierungen sind nach wie vor an der Tagesordnung. Und wenn Sie sich umhören, werden Ihnen die meisten Menschen versichern, dass sie sich nichts sehnlicher wünschen, als möglichst früh in den Ruhestand zu treten und ihre Freiheit zu geniessen. Ist es bei Ihnen selbst so weit, werden Sie mit Glückwünschen überhäuft. Rentnerinnen und Rentner, so will es die öffentliche Meinung, sind glückliche Menschen, weil sie sich ihrer Arbeit entledigt haben und endlich tun können, was sie wollen. Dass auch Arbeit Freude machen und Befriedigung bringen kann, wird ganz offensichtlich nicht bedacht.
Diese Stereotypen halten sich hartnäckig, an diese Stereotypen glauben wir, obwohl demografische Entwicklung und wissenschaftliche Erkenntnis längst in eine andere Richtung weisen. Nirgendwo lässt sich dies besser ablesen als an den Inseratenkampagnen grosser Versicherungsgesellschaften. Die „Zürich“ etwa wirbt mit folgendem Bild für ein sorgloses Alter:
Paar beim Radfahren
Und setzt den Slogan darunter: „Was wäre, wenn das wahre Leben wirklich mit 66 beginnen würde?“ Nicht etwa das Alter beginnt hier mit 66, sondern das wahre Leben, und dieses wahre Leben wird mit Freiheit und Müssiggang gleichgesetzt.
Etwas kreativer, aber nicht minder lässig sieht es „SwissLife“, die ihren potentiellen Kunden mit dem Spruch „Damit Sie länger jung bleiben können: Vorsorgen mit Swiss Life vor und nach der Pensionierung“ einen von keiner Pflichterfüllung mehr beschwerten Ruhestand verspricht:
Demografisch wie biologisch betrachtet, spricht jedoch alles dafür, dass das, was wir bis jetzt in Ermangelung eines treffenderen Ausdrucks das „Dritte Alter“ nennen, weder aus ewigen Ferien besteht noch mit mentalem Abbau und körperlicher Gebrechlichkeit gleichzusetzen ist. Ökonomen weisen schon jetzt darauf hin, dass wir inskünftig wohl länger arbeiten und unsere Lebensarbeitszeit anders einteilen werden als bisher. Und aus Sicht von Medizin und Neurowissenschaft spricht, wie bereits erwähnt, nichts dagegen, dass wir dazu auch bestens in der Lage sind.
Mann am Schlagzeug
Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts in Berlin haben herausgefunden, dass ältere Menschen, die geistig interessiert sind und ein sozial reiches Leben führen, „einen geringeren Verlust an kognitiver Leistungsfähigkeit“ aufweisen als Personen, bei denen diese Aktivitäten fehlen. Zu diesen stimulierenden Aktivitäten zählen sie ausdrücklich auch die Arbeit, zumal dann, wenn sie Spass macht und als sinnvoll empfunden wird.
Die Personalverantwortlichen grosser Firmen fangen an, diese Erkenntnisse aufzugreifen. Sie realisieren, dass wir langsam, aber sicher auf einen Arbeitskräftemangel zusteuern, und machen sich deshalb auf die Suche nach ungenutzten Human-Ressourcen. Und wo hoffen sie diese zu finden? Ausser bei den Zuwanderern und den Frauen ausgerechnet bei jenen älteren Arbeitnehmern, die sie eben noch leichtfertig in den Vorruhestand geschickt hatten. In manchen Unternehmen macht man sich schon heute Gedanken darüber, wie ältere Mitarbeitende besser motiviert und länger im Arbeitsprozess gehalten werden könnten. Dem gegenüber stellen all jene Firmen, die gut ausgebildete 55jährige Mitarbeiter in Rente schicken, längerfristig gesehen ein Auslaufmodell dar.
Ein Auslaufmodell ist allerdings auch jene Vorstellung von der Konstanz beruflicher Karrieren, die mit einer Lehre oder einem Studium beginnen und am Tag X des 60. oder 65. Geburtstages in den Ruhestand übergehen. Von diesem fixen Denken in Stichtagen werden wir Abschied nehmen und statt dessen lernen müssen, Patchwork-Karrieren zu akzeptieren. Wir werden Neuanfänge fördern, Stellen- und Berufswechsel als Chance begreifen und lebenslanges Lernen – das heisst Weiterbildung auch nach 50 – fest in unserem Curriculum verankern. Wir werden dazu übergehen, den Ausstieg aus dem Erwerbsleben schrittweise und die Übergänge fliessend zu gestalten. Und werden uns an die Vorstellung gewöhnen, dass es Karrieren gibt, die jenseits der Pensionierung erst ihren Anfang nehmen.
Im Augenblick klingt das alles noch ziemlich utopisch. Der Topmanager, der Mitte 50 die Chefetage mit dem philosophischen Seminar vertauscht, die Verlegerin, die mit 65 ihr Sinologiestudium in Angriff nimmt, und die Gynäkologin, die sich mit 80 ihren Doktortitel in Theologie, holt, sind einstweilen noch ausgesprochen bildungs- und statusabhängige Ausnahmeerscheinungen. Aber es gibt sie, und sie zeigen, welches Potential für Männer wie für Frauen in diesem „Dritten Alter“ läge, wenn man es zu nutzen wüsste.
Noch ist die Gesellschaft unentschlossen, wie sie die neue Lebensphase definieren und wie sie sie gestalten soll. Noch gehen die Signale in unterschiedliche Richtungen. Aber es ist doch schon klar, dass arbeitsfähige und arbeitswillige ältere Menschen – und nur von ihnen sei hier die Rede – mehr und mehr als das wahrgenommen werden, was sie sind: nicht nur potentielle Kunden eines Handy-Kurses für Senioren oder willkommene Gäste auf einem Gesundheitsschiff, sondern Träger von Know-how, von Kompetenzen und Erfahrungen, auf die zu verzichten sich eine Gesellschaft auf Dauer nicht leisten kann.
Alter zwischen Illusion und Wirklichkeit (1. Teil)
Frau Dr. Klara Obermüller ist Botschafterin für Seniorweb.
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