Wer Familie Reutlinger auf dem „Ober Styggrat“ im Emmental besuchen will, steht besser früh auf. „Von Bärau einfach immer dem Gohl-Graben nachfahren, in die Naturstrasse einbiegen, den Berg hinauf – dann ist es der zweite Hof links.“ Steil windet sich die Strasse den Hügel hinauf, das Handy hat hier keinen Empfang mehr. Dafür ist die Landschaft prächtig, die Rundsicht herrlich, auch an heissen Tagen geht immer ein leichtes Lüftchen. Ein Idyll wie aus einem Schweizer Heimatkalender.
Ein Idyll, wo hart gearbeitet wird. Auf dreissig Hektaren leben Vreni und Angelo Reutlinger mit ihren vier Kindern, zwölf Kühen, zwölf Geissen, dreissig Kaninchen und drei Katzen. Das Gelände ist stotzig, die Bewirtschaftung anstrengend und zeitraubend, die meisten Arbeiten werden von Hand erledigt. Die Tage sind lang, die Erträge nicht gross.
„Arbeit gibt es hier in Hülle und Fülle, hingegen fehlt es am Geld“, sagt Angelo Reutlinger. Deshalb ist die Familie froh um jedes Paar Hände, das mit anpackt. Seit einigen Jahren helfen hier Freiwillige, die Caritas in den Bergeinsatz vermittelt.
Mit dem Inserat „Im Frühtau zu Berta – Freiwilligeneinsätze bei Bergbauern für Frühaufsteher und solche, die es für eine Woche oder länger werden wollen“ hat das Hilfswerk vor vier Jahren auch Walter Hug neugierig gemacht. Damals suchte der 65-Jährige aus Zuchwil SO eine sinnvolle Beschäftigung. „Die ersten Monate nach der Pensionierung habe ich es genossen, keine Verpflichtungen und Verantwortung, dafür mehr Zeit für meine Hobbys zu haben – aber mit der Zeit genügte mir das nicht mehr.“
100'000 freiwillige Arbeitsstunden
Seither packt Walter Hug mehrmals im Jahr für eine oder zwei Wochen seinen kleinen Rucksack mit dem Nötigsten. Er hilft bei Neubauten, beim Heuen und Holzen, auf dem Feld, im Garten und im Stall. Wie Walter Hug leisten jedes Jahr etwas 1200 Freiwillige mit Caritas rund 1'000'000 Arbeitsstunden bei Bergbauernfamilien. Jeder Fünfte von ihnen ist über 55 Jahre alt. Dank Unterstützung konnten die Reutlingers etwa eine eigene Käserei aufbauen, wo Angelo Reutlinger über dem offenen Feuer Alp- und Raclettekäse macht und das Fleisch räuchert, das Vreni Reutlinger auf Märkten verkauft.
Vom Helfervirus gepackt
Gleich beim ersten Einsatz habe ihn das Helfervirus gepackt, sagt Walter Hug. „Dass ich hier meine Kraft und Hilfe sinnvoll einsetze, gibt mir ein gutes Gefühl.“ Er schätzt die Arbeit an der frischen Luft, das einfache Leben. Ruhe und Abgeschiedenheit tun ihm gut. Dank seinen Einsätzen fühle er sich ausgeglichener – das merke auch seine Frau, die ihn nicht immer so gern ziehen lasse.
Walter Hug war am Vierwaldstättersee im Schächental oder im Wallis an der Arbeit. „Überall wurde ich mit offenen Armen empfangen“, erzählt er. Durch den Tapetenwechsel lerne er auch immer wieder neue Seiten an sich selber kennen. Schätzt er daheim einen gewissen Luxus, ein gediegenes Essen, so schmeckt ihm hier nichts so gut wie das selbst gebackene Brot, die Wurst und der Käse aus der hauseigenen Produktion. Dreissig Jahre lang ging er als Chauffeur bei den Busbetrieben Solothurn jeden Tag mit Hemd und Krawatte zur Arbeit, mit perfekten Bügelfalten und tipptopp glänzenden Schuhen – „hier oben“, schmunzelt er, „reicht mir etwas Wasser zum Zähneputzen und zum Kämmen.“
Wer Walter Hug braun gebrannt im karierten Hemd, alten Jeans und hohen Militärschuhen auf dem „Styggrat“ am Mittagstisch sitzen sieht, könnte ihn für ein Familienmitglied halten. Denn Familienanschluss ist im Einsatz inbegriffen. Mindestens eine Woche teilen Familie und Freiwillige ihren Alltag. Bauern und Städter begegnen sich. Das braucht Offenheit und Toleranz – von beiden Seiten.
Familie Reutlinger und Walter Hug diskutieren oft zusammen über Gott und die Welt. „Es ist ein Geben und Nehmen“, betont Vreni Reutlinger. Manch einer entdecke bei den vielfältigen Tätigkeiten auf dem Hof ganz neue Fähigkeiten und verborgene Talente. Der Kontakt zu Tieren und zur Natur verändere einen Menschen, erweitere den Horizont. Viel tanken auf und sammeln Kräfte, gerade weil sie abends di eMuskeln von der ungewohnten Arbeit spüren.
Solange er fit ist, möchte Walter Hug noch zu Berge ziehen. Wie schnell sich das in seinem Alter ändern kann, hat ihn ein Rheumaschub im Frühjahr spüren lassen. Bei der Arbeit, etwa beim Ästesägen und Bündeln – „Wedelemache“ – oder beim Blackenstechen auf den Wiesen, denkt er oft an seine Kindheit zurück. Dass er auf einem Bauernhof aufwuchs, kommt ihm heute zugute. „Damals war mir das Bauern ein Gräuel“, erinnert er sich. Heute ist sein Respekt vor den Bauern gross: „Dieser Beruf ist trotz technischer Fortschritte immer noch knallhart. Je höher oben, desto härter.“
17 Stunden Arbeit täglich zu sechs Franken Stundenlohn hat Angelo Reutlinger ausgerechnet. Ständig gilt es, neue Einnahmequellen zu suchen, neuen Vorschriften gerecht zu werden, um über die Runden zu kommen. Zudem wartet das Heimetli im Tal, das vor vier Jahren abgebrannt ist, auf den Wiederaufbau. Trotzdem sind sich alle einig: Der Einsatz lohnt sich. Es geht um mehr als ums Geld, auch wenn die Reutlingers dafür kämpfen, der nächsten Generation einen wirtschaftlich gesunden Betrieb zu übergeben. Walter Hug fasst es so zusammen: „Hier oben bin ich ein neuer Mensch.“ Und Vreni Reutlinger ergänzt: „Auf dem „Styggrat“ ist man eben dem Himmel ein Stück näher.“
Der Caritas-Einsatz
Seit über dreissig Jahren vermittelt das Hilfswerk Caritas Freiwillige an Bergbauern in Not. Die Freiwilligen kommen in arbeitsintensiven Zeiten zum Einsatz und leisten einen Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung der Berggebiete. Der Einsatz ist unentgeltlich und setzt die Bereitschaft zur Integration in den Arbeits- und Familienalltag voraus. Mitmachen können körperlich robuste Männer und Frauen zwischen 18 und 70 Jahren. Ein Einsatz dauert mindestens fünf Tage und ist das ganze Jahr über möglich. Caritas berücksichtigt nach Möglichkeit Wünsche bezüglich Einsatzort und –art und vergütet die Halbtax-Reisespesen. Verpflegung und Unterkunft übernimmt die Einsatzfamilie.
Information: Caritas Schweiz, Bergeinsätze, Löwenstrasse 3, 6002 Luzern, T+ 041 4192277 www.bergeinsatz.ch
Bild: redaktion zeitlupe
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