Vorsorge

Rentner verbergen ihre Schulden

Rentner verbergen ihre Schulden

Zehn Prozent der Seniorinnen und Senioren im Bezirk Horgen sind mit Geldproblemen konfrontiert (ähnliche Verhältnisse finden sich in andern Bezirken/bpo). Heinz Burgstaller und Curt Lützen wollen die Rentner dazu auffordern, Hilfe zu suchen.

Altersverschuldung - eine frühzeitige Beratung hilft, die Schuldenfalle zu vermeiden. Ein Interview mit Curt Lützen, Seniorenkontaktstelle Soodmatt Adliswil und Heinz Burgstaller, Leiter des Dienstleistungszentrums Zimmerberg der Pro Senectute Kanton Zürich.

Heinz Burgstaller und Curt Lützen*, Altersverschuldung ist - im Gegensatz zur Verschuldung Jugendlicher - ein Tabuthema. Wie häufig geraten ältere Leute in die Schuldenfalle?

Heinz Burgstaller: Etwa 10 Prozent der älteren Leute sind mit Schuldenproblemen konfrontiert. Das sind zwar nicht allzu viele, trotzdem darf das Thema nicht verharmlost werden. Eine Veranstaltung in Kilchberg zu diesem Therna zeigte uns, dass die Betroffenen ihre Probleme häufig verbergen. Wenn sie aus dem Haus gehen, ziehen sie ihr schönstes Kleidungsstück an, damit niemand in der Nachbarschaft merkt, dass sie finanzielle Probleme haben.

Heinz burgstaloler und Curt LuetzenBild: Curt Lützen (links) und Heinz Burgstaller glauben, dass die Altersverschuldung zunehmen wird.

Curt Lützen: Wenn keine Gelder aus der Pensionskasse vorhanden sind, ist für das Betreibungsamt oft nichts zu holen. Vielleicht beeinflusst dies die Wahrnehmung. Fakt ist, dass sich ältere Leute oft scheuen, ihr Recht auf Ergänzungsleistungen in Anspruch zu nehmen. Sie sind in einer Zeit aufgewachsen, in der man keine Hilfe von Dritten oder gar dem Staat in Anspruch nahm. Diese Haltung bewahren sie bis heute.

Gibt es Unterschiede zwischen sogenannt armen und reichen Gemeinden?

Heinz Burgstaller: Nein, grundsätzlich erkenne ich keinen Unterschied bezüglich der Auszahlung von Beträgen. Auch im Vergleich zur Stadt Zürich erkenne ich keine Unterschiede. Auffällig ist einzig, dass in sehr ländlichen Gemeinden wie zum Beispiel Hütten weniger Beiträge ausgerichtet werden. Da spielt offensichtlich das Prinzip der Nachbarschaftshilfe noch stärker.

Finden auch Missbräuche statt?

Burgstaller: Nein, für ältere Leute ist Ehrlichkeit ein hohes Gut. Unbewusster <Missbrauch» findet aber dann statt, wenn die Leute das Geld nicht so ausgeben, wie sie sollten, zum Beispiel, wenn jemand Alkoholprobleme hat. In solchen Fällen betreuen wir die Betroffenen intensiver und zweigen mit dem Einverständnis der Betroffenen von den Ergänzungsleistungen Beträge ab - zum Beispiel für die Zahlung der Krankenkassenprämie - so dass das Geld nicht fehlgenutzt wird.

Was sind die Gründe, dass ältere Leute in die Schuldenfalle geraten?

Curt Lützen: Problematisch sind die hohen Mieten. Bei der Berechnung der Ergänzungsleistungen wird für eine Einzelperson eine maximale Monatsmiete von 1150 Franken berechnet. Für diesen Betrag findet man im Bezirk Horgen nur sehr schwer eine Wohnung. Die vielen Frühpensionierungen erachte ich ebenfalls als problematisch. Viele lassen sich die Pensionskassengelder auszahlen und leben dann nach dem bisherigen Lebensstandard weiter. Nach einigen Jahren merken sie, dass das Geld knapp wird.

Heinz Burgstaller: Ein weiteres Problem ist der Erbvorbezug. Schenkungen sind zwar legal, wenn man aber wegen fehlender Einkünfte Ergänzungsleistungen beantragen will, weil man zuvor Schenkungen von mehr als 10 000 Franken im Jahr gemacht hat, werden Ergänzungsleistungen gekürzt oder sogar keine ausgerichtet. Es gibt Probleme, wenn man meint: „Ich verschenke mein Vermögen. Der Staat wird dann schon zahlen, wenn ich zu wenig habe.»

Sind auch die steigenden Gesundheitskosten ein Problem?

Curt Lützen: Nein, wenn jemand Ergänzungsleistungen erhält, ist er nach neuem Gesetz abgesichert. Ein Heimaufenthalt mit normalen Heimtaxen ist mit Ergänzungsleistungen immer finanzierbar.

Wie häufig berät nun die Pro Senectute in Sachen Schulden?

Curt Lützen: Im ersten Halbjahr haben wir bezirksweit 68 Kurzberatungen und 51 Beratungen durchgeführt. Häufig geht es aber bei den Kurzberatungen um Ergänzungsleistungsanträge, Budgetfragen oder praktische Unterstützung, zum Beispiel beim Zahlungsverkehr, bei dem die Senioren überfordert sind. Intensive, begleitende Beratungen - etwa bei einer Krankheit, bei der grosse Veränderungen nicht mehr möglich sind - haben im ersten Halbjahr ein knappes Dutzend stattgefunden.

Wie läuft eine Beratung bei einem Antrag auf der individuellen Finanzhilfe der Pro Senectute Kanton Zürich konkret ab?

Curt Lützen: Die Senioren müssen Einnahmen und Ausgaben belegen. Wenn bereits Ergänzungsleistungen ausgerichtet werden, gilt diese Verfügung als Grundlage für den Antrag. Ist eine individuelle Finanzhilfe angebracht - nach Ausschöpfung sämtlicher Sozialversicherungsleistungen -, sprechen wir je nachdem eine einmalige Unterstützungsleistung - zum Beispiel für die Anschaffung einer Brille - oder eine monatliche Unterstützung. Diese wird alle zwei Jahre überprüft. Die Gelder der individuellen Finanzhilfe werden der Pro Senectute Kanton Zürich dabei vom Bund zur Verfügung gestellt.

Eingangs haben Sie erwähnt, dass viele ältere Menschen Scham empfinden, wenn sie in die Schuldenfalle kommen. Wie kann man die Rentner davon überzeugen, früher eine Beratung in Anspruch zu nehmen?

Heinz Burgstaller: Wir versuchen auf unsere Stellen aufmerksam zu machen und führen natürlich auch Veranstaltungen und Präsentationen durch. Wichtig ist, dass einzelne Ortsvertretungen in den Gemeinden das Thema immer wieder aufbringen.

Glauben Sie, dass die Altersverschuldung in naher Zukunft zunehmen wird?

Heinz Burgstaller: Ja, davon gehe ich aus. Die Leute, die nun 50 bis 60 Jahre alt sind, sind sich einen hohen Lebensstandard gewohnt. Wenn sie die Pensionskasse nicht als Rentenergänzung anschauen und das Geld nicht für ihren Lebensunterhalt gezielt einteilen, werden sie später finanzielle Probleme bekommen.

Curt Lützen: Die Seniorinnen und Senioren, die während des Erwerbslebens zum Mittelstand gehören, werden im Pensionsalter Probleme bekommen, da sie auf Grund ihrer Einkommensverhältnisse kaum Ergänzungsleistungen beantragen können. Trotzdem dürfen wir nicht schwarz malen, denn in der Schweiz gibt es eine gute Altersversorgung. Wenn jemand früh genug auf das vorhandene Sozialversicherungssystem zurückgreift, gerät er kaum in die Schuldenfalle.


*Curt Lützen ist Leiter der Seniorenkontaktstelle Soodmatte der Stadt Adliswil und Sozialarbeiter der Pro Senectute Kanton Zürich, Heinz Burgstaller ist Leiter des Dienstleistungscenters Zimmerberg der Pro Senectute Kanton Zürich.


Artikel erschienen am 10. Juli 2008 in der Zürichsee-Zeitung linkes Ufer.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Zürichsee-Zeitung
Sozialberatung Pro Senectute Kanton Zürich
Adressen zur Sozialberatung in anderen Kantonen über Pro Senectute Schweiz.

 

 

Kommentare

Schuldenfalle im allter

Werde in 7 Monaten Pensioniert. Einkommen dann 4000.- Ich weiss das reicht für 2 Personen nie!! Wie kann ich eine Verschuldung vermeiden ? Suche,Beratung Butged erstellen Möglichst kostengünstig . Vorhanden:Hyposchuld 100.000.- KK 2Personen 1000.- Zins 800.- Lebenskosten 1800.- Sonstiges Wasser,Strom,Versicherung usw. ca.1200.- Wie weiter ???
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Rentner

Ich habe 15 Jahre bei der VB der Stadt Zürich als Vormundin/Beiständin für Betagte gearbeitet. Dabei ist mir aufgefallen, dass diese Leute aus lauter Angst, die ihnen zustehenden Subventionen nicht wollen. habe ich bemerkt, dass diese verantwortungsvollen Menschen sich genieren, d EG, die ihnen rechtlich zusteht, in Anspruch zu nehmen. Man müsste diesen anspruchlosen, aufopfereden Menschen
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Rentner verbergen ihre Schulden

Ihre Aussage Herr Burgstaller, wonach zB in Hütten weniger Beiträge ausgerichtet werden und da offensichtlich das Prinzip der Nachbarschaftshilfe stärker spielt, halte ich für blabla! Wenn Sie auch da genau recherchiert hätten, würden sie selber festgestellt haben, dass das nicht der Fall ist, wie ich nun mal von weiter Ferne her wahrscheinlich zu Recht annehme.
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dass dieses hier im Seniorweb behandelt wird. Die Aussagen in diesem Artikel gelten auch für den Bezirk Meilen ähnlich. Es ist in letzter Zeit festzustellen, dass sich Banken, Geschäfte, Spitex etc. an die Vormundschaftsbehörden wenden, wenn ihnen auffällt, dass sich bei den älteren Leuten etwas drastisch verändert. Häufig kann dann direkt geholfen werden. Viele ältere Leute unterscheiden auch nicht mehr zwischen den notwendigen Einzahlungen und Bettelbriefen und schmälern ihr kleines Einkommen dadurch nochmals. Es braucht frühzeitige Beratung, am besten noch mit den Pensionierungsvorbereitung. Andererseits wächst nun eine Generation heran, die hoffentlich ein bisschen besser vorbereitet ist und die möglichen Finanzfallen kennt. Vielen Dank.