Ja, können denn Steine lachen? Und ob! Sie können! Zumindest einige unter ihnen. Es gibt sie allüberall, doch geben sie sich nicht jedermann auf Anhieb zu erkennen. Bei stillem Sinnieren, Nichtssuchendem-Herumschweifen, dann vielleicht, wenn die Seele einfach nur so vor sich hinbaumelt, dann lässt sich ihr Lachen meist ganz unverhofft beinahe mit Händen greifen. Bevor man sich versieht steckt man auch schon mittendrin in diesem unbeschreiblich anrührenden, umwerfend ansteckenden Grinsen, wie es eben nur Steine können. Und dann - dann kommt man so schnell davon nicht wieder los.
Unweigerlich beginnen auch die eigenen Gesichtsmuskeln zu zucken und - auf die Gefahr hin, von zufällig vorbeikommenden Mitmenschen für vollends verrückt gehalten zu werden - prustet man einfach los und stimmt ein zweistimmiges, herrlich befreiendes Gelächter an. Eben, nur Du selber und Dein Stein!
Einen von der ganz listigen Sorte habe ich gerade gestern auf meiner Wanderung entdeckt. Tief in Gedanken versunken sass ich auf einem moosbedeckten, weichen Baumstrunk am quirligen Bergbach, der mit seinem Donnern alle Nebengeräusche erstickte und mich mitnahm auf seine Reise ins Tal. Ich verliess mich sozusagen, um mit den milchig-grünen Wassern talwärts zu hüpfen. Ein gemächliches Dahinfliessen war es beileibe nicht, aber dafür gingen all meine Kümmernisse und Sorgen im ganzen Getöse unter und wurden in wildwirbelnden Strudeln von mir weggezogen, bachab geschickt.
Und dann sah ich ihn! Ihn, den, meinen Stein! Allein schon durch seine Form zog er mich magisch an, glich er doch einer Riesenraupe, die sich friedlich in all dem Wasserzirkus suhlte. Ja, suhlte! Der Bauch lag vollends im Wasser und nahm bereits eine dunkle Farbe an, so vollgesogen war er mit Gletschermilch. Der Rücken dagegen wurde nur ab und zu mit etwas Gischt besprüht, einer lauen Dusche gleich. Die wärmenden Sonnenstrahlen zauberten ein Glitzermuster darauf, sodass ich schon befürchtete, meine Raupe würde sich irgendwann vor meinen Augen verpuppen, in einen Schmetterling verwandeln, auf- und davonfliegen und sich meinen bewundernden Blicken endgültig entziehen.
Doch mitnichten! Sie lag regungslos und genoss, was es zu geniessen gab; reckte einen kugelrunden Kopf dem azurblauen Himmel entgegen, hielt vor lauter Wonne ob so viel Glück ihre Augen hingebungsvoll geschlossen und - lachte! Nein, sie grinste! Ihr breites, einmalig und umwerfend ansteckendes Stein-Raupenlachen!
Und? Nicht nur das, sie schien mir etwas sagen zu wollen. Ja, ich hatte mich nicht getäuscht. Wortlos übermittelte sie mir ihr Wohlgefühl und scherte sich einen Deut um mich und all meine Mitmenschen, um die ganze Welt mit ihren grossen und kleinen Nöten. Sie war es zufrieden. Mehr als das, ihr war wohl dort, wo sie eben lag, mitten im Strudel der Wasserzeit. Unbehelligt von allem, ausser von dem, was ihr zugedacht. Lag da einfach vor sich hin und „es war gut so“. Sie akzeptierte ihren Platz und was mit und um sie geschah oder eben auch nicht geschah! Warum sollte sie nicht lachen?
Sie wird wohl auch noch morgen ihr verschmitztes Grinsen zeigen und auch dann, wenn es hageln und schneien sollte …
Ich werde wieder einmal nach ihr sehen! Meiner Steinraupe! Irgendwann!
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Meinen Stein...