Kultur

Vogelsinkflug

Vogelsinkflug

Der grosse Vogel war seit Millionen von Jahren gewohnt, für sich und seine Brut hart zu fliegen. Jedes Würmchen, jeder Hase, jedes kleinere Vögelchen musste Stück für Stück in konzentrierten, zeitraubenden Flügen geschlagen werden.

Nicht immer war genug Nahrung vorhanden, manche Junggrossvögel fielen plötzlich verhungert vom Himmel, dennoch blieb die Familie intakt und lebte ordentlich und zufrieden.

Eines Tages wurde diese archaische Lebensart vollkommen und in unnatürlicher Art und Weise verändert: Mitten im Jagdgebiet wurde eine Müllhalde behördlichermassen eingerichtet und täglich kamen Hunderte von Lastwagen und brachten Tausende von Güselsäcken, die nach ersten Probedegustationen bald zur neuen Nahrung wurden. Statt Würmer gab es nun Spaghetti, statt Hasen vergammeltes Frischfleisch, statt Vögel  Delikatessen aus aller Herren Länder.

Der grosse Vogel musste kaum mehr fliegen, mit kurzfristigem Flattern war mehr Nahrung ergattert als er und seine Artgenossen verbrauchen konnten. Die Brut wurde zu hundert Prozent durchgebracht, die Söhne der Söhne teilten sich das immer grösser und profitabler werdende Müllgebiet, in das nun ganz arme Menschen einzogen und verzweifelt nach Nahrungsresten suchten, doch die zahlreicher werdenden Grossvögel waren immer schneller im Zugreifen und vermehrten sich sagenhaft. Sie wurden ohne es selbst zu merken, immer gieriger, frassen sich auch Mal selbst auf, blieben aber stets Herren der mittlerweile überdimensionalen Müllkippe.

Sie hätten wahrscheinlich Millionen von Jahren weiter in ihrem gewaltigen Luxus gelebt, wäre da nicht plötzlich eine Müllkrise entstanden, deren Entstehung niemand richtig erklären konnte. Plötzlich waren die gratis angekarrten Pfründe auf ein Minimum reduziert und das Grossreich der Grossvögel brach in sich zusammen, denn niemand konnte mittlerweile regulär nach kleinen Tieren jagen. Selbstabstürze der fettesten Tiere folgten, ein Lamentieren ging durch die ganze Grossvogelwelt, von ungerechtfertigten Ungerechtigkeiten war die Rede.

Eine theoretische Welt war in sich zusammengebrochen und schrie nach positiven und schnellen Eingriffen des Staates. Nach langem, langem Zögern und kurz bevor es zu spät schien, griff dieser unerwartet ein und hängte vor der letzten Autobahnausfahrt zur Müllkippe ein riesiges Schild auf, das nachts von hunderten Scheinwerfern angestrahlt wurde: „Dieses Gebiet steht ab sofort unter staatlicher Aufsicht, es darf nur noch kontrolliert bejagt werden, kleine Gewinne sind erlaubt, unverschämte und nur Einzelnen zugängliche Mammutgewinne werden unter Strafe gestellt und die Fehlbaren mit Rupfen der Flugfedern bestraft. Dieser Eingriff gilt solange, bis der NASDAG wieder die Marke von 15.000 erreicht.“

 

Kommentare

Bild des Benutzers Almut Papkalla

Vogelsinkflug

Die weltweite Finanzmisere ist hier brilliant persifliert und sollte uns nachdenklich stimmen.

Oder sind vielleicht die Napolitaner gemeint? Oder die Amerikaner? Oder einfach alle?? Die wir doch alle so gerne gierig sind?
Bild des Benutzers Walter Wenk

Asgeier

Gut geheult lieber Wolf! - Ich hoffe aber sehr, dass damit nicht irgendwie unser eidgenössisches Werthaltungssystem gemeint ist:-