Und dieses nicht sehr weltbewegende Geschehnis begab sich an einem Freitag, genauer gesagt am zwölften Tag im Wonnemonat Mai, um fünf Uhr und zehn Minuten. Zu einer Zeit also, in der Normalbürger noch genüsslich in Morpheus Armen ruhten.
Wenn meine Geburt auch nicht die ihr zustehende Aufmerksamkeit erreichte, das Jahr in dem mein Leben seinen Anfang nahm, machte knapp vier Monate später unrühmliche Schlagzeilen. Am ersten September um 4.45 Uhr begann der deutsche Angriff auf Polen und postwendend erklärten Grossbritannien und Frankreich Deutschland den Krieg.
Doch zu der Zeit, als ich eine hübsche Schweizerin zur glücklichen Mutter machte, war die Welt für uns noch in Ordnung. Am sechsten Mai öffnete in Zürich die Landesausstellung ihre Tore. Unter dem liebevollen Namen „Landi“ wurde sie zum Inbegriff dieser Veranstaltungen. Über 10 Millionen Eintrittskarten wurden damals verkauft. Zu den Attraktionen im „Palais des attractions“ gehörte der damals dreissigjährige Teddy Staufer mit seinen Original Teddies, auch das Cabaret Cornichon erfreute hier die Besucher.
Am 1. September, dem Tag der Generalmobilmachung in der Schweiz, erlebte die „Landi“ einen katastrophalen Einbruch der Besucherzahlen. Doch schon nach zwei Wochen hatte sie sich von diesem Rückschlag bereits wieder erholt. Herr und Frau Schweizer pilgerten wieder mit Kind und Kegel nach Zürich, hier konnten sie Mut schöpfen, um den unsinnigen Krieg besser überstehen zu können. Die Landiwiese wurde zu einem Ort der geistigen Landesverteidigung.
Es ist kaum zu glauben, aber auch ich gehörte damals zu den Besuchern. Mit gerade mal fünf Monaten durfte ich mit meinen Eltern in einem todschicken Wisa-Gloria-Kinderwagen über das Ausstellungsgelände fahren. Leider hatte ich schon damals Gedächtnislücken, ich kann mich an nichts mehr erinnern. Ich durfte auch nicht ins Kinderparadies, konnte somit auch nicht der künftigen Märchenfee Trudy Gerster, die als Zwanzigjährige hier ihren ersten Auftritt hatte, zuhören. Nicht einmal auf die berühmten, löchrigen Aluminiumstühle durfte ich mich setzen.
Mit Sicherheit der populärste Ort war das Landi-Dörfli. Allein am Eidgenössischen Trachtenfest tummelten sich hier 160'000 Besucher. Selbstverständlich war unsere Landesausstellung ein Zwerg im Vergleich zur Weltausstellung 1889 in Paris. Aber auch nur, weil Zürich keinen Champ de Mars hatte und demzufolge auch keinen Eiffelturm bauen konnte.
Gute zweieinhalb Jahre später, im Frühjahr 1942, fasste mein Vater einen für die ganze Familie folgenschweren Entschluss. Als geborener Deutsch-Elsässer fühlte er sich auserwählt, einem zurzeit gerade kriegführenden Herrn aus Braunau am Inn zum Sieg zu verhelfen. Kurzerhand verabschiedete er sich von Frau und Kind, warf noch einmal einen Blick auf seinen Kaninchenstall und eilte mit stolzgeschwellter Brust einem Diktator zu Hilfe, den er nur aus den Nachrichten von Radio Beromünster kannte. Kaninchen, Gattin und Nachwuchs blieben alleine zurück.
Meine Mutter zog mit mir in das Haus ihrer Eltern, mein Grossvater avancierte zu meinem Ersatzvater, meine Grossmutter wurde meine Verwöhnerin. Ich wuchs in eine herrliche Jugendzeit hinein, was ging mich der dumme Krieg an, ich lebte wohl beschützt in einem schönen Haus mit einem grossen Garten. Grossmama las mir jeden Wunsch von den Augen ab - das arme Kind hat ja keinen Vater mehr - und Grosspapa vergass manchmal sogar seine Prinzipien einer strengen Erziehung. Das arme Kind genoss die Fürsorge und lernte schnell, wie man die alten Herrschaften um den noch sehr kleinen Finger wickeln konnte.
Eines gab es in unserer Familie zur Genüge, Verwandte. Mes Tantes et mes Oncles, also die Angehörigen meiner Grossmutter, tummelten sich in der Westschweiz und sprachen französisch, Grossvaters Verwandtschaft lebte im Mittelland und sprach dementsprechend deutsch. Bei Familienanlässen wurden beide Sprachen fröhlich durcheinander vermischt. Der Clan meines aus bekannten Gründen nicht mehr vorhandenen Vaters lebte im Elsass und war sich noch nicht schlüssig, welcher Sprechweise er den Vorzug geben sollte. So wechselten sie halt in einem Satz von Deutsch auf Französisch und vice-versa. Ein Grossteil meiner Mischpoche lebte also in der Schweiz und ich lernte sie nach und nach alle kennen.
Die Verwaltung dieser Familie befand sich in unserem Haus unter der Leitung meines Grossvaters. Er war der Patriarch, ohne seine Zustimmung lief gar nichts. Ein Physiognom hätte ihn auf Grund seiner markanten Nase als einen Mann bezeichnet, der weiss was er will, der keinen Widerspruch duldet, sozusagen als eine Herrschernatur. Aber Grosspapa beherrschte seine Familie nicht, er regierte sie.
Zu seinem Reich gehörte nicht nur der Garten ums Haus, mit Apfel- und Birnenbäumen, Aprikosen und Pfirsiche am Spalier an der Hausmauer, Johannis- und Stachelbeerstauden, er hatte auf der anderen Strassenseite noch ein grosses Stück Land gepachtet. Dort wuchsen Kartoffeln und Karotten, Sellerie und Kohlraben, ein Drittel der Anlage war für Himbeeren reserviert. Er pflanzte alles was essbar war und in unseren Breitengraden einigermassen gedeihen konnte. In Sachen Obst und Gemüse waren wir absolute Selbstversorger.
Als ich ohne Mühe das stolze Alter von zehn Jahren erreicht hatte, ging mein Grossvater in Pension und uns allen vorübergehend auf die Nerven. Es war November, das Obst gepflückt, die Gartenbeete abgeerntet. Das Holz für unsere Heizung lag gesägt und gespalten unter einem Wellblechdach und wartete auf seinen Einsatz. Die Kohlen und Briketts waren im Keller und Grosspapa hatte genügend Zeit, sich ausgiebig im Hause zu langweilen.
Endlich hatte er Zeit, den in seinen Augen chaotischen Haushalt meiner Grossmutter zu reorganisieren. Er hatte für Alles und Jedes Verbesserungsvorschläge, führte ab sofort ein Haushaltungsbuch und bestimmte, wie viel Frank-Aroma und Zichorie dem Kaffee beigemischt werden musste. Grossmama nahm alles lächelnd zur Kenntnis, fand seine Ideen bemerkenswert, gab ihm in allem Recht und wirtschaftete weiter wie gewohnt.
Der Frühling kam und mit ihm das Ende von Opas Haushaltsrevolution. Jetzt musste er sich voll und ganz seinem Garten widmen. Die Bäume wurden geschnitten, Beete umgegraben, Setzlinge gesteckt und jede Menge Saatgut der Erde übergeben. In meiner schulfreien Zeit durfte ich mich, wenn auch widerwillig, hiflsgärtnerisch betätigen, allerdings wurde ich nur für ganz niedere Dienste eingesetzt. Niedrig im wahrsten Sinne des Wortes, Unkraut jäten und Schnecken vertreiben. Für mich kamen eben nur Arbeiten in Frage, die man auf Knien verrichten musste, der Herr Obergärtner war für die höheren Aufgaben zuständig.
Die Ernte setzte bei uns viel später als in anderen Gärten ein. Feine, kleine, knackige Gurken und Zucchini gab es bei uns nicht. Das Gemüse verblieb bei Grossvater an der Staude hängen bis es überdimensionale Grösse erreicht hatte. Ausser Haut und Kernen und ein bisschen schwammiges Fruchtfleisch war da nichts mehr von kulinarischem Wert. Hauptsache es war gross.
Auch Karotten und Kartoffeln mussten übernatürlich lange in der Erde ausharren, von den Bohnen ganz zu schweigen. Erst wenn ihre Kerne gross, dick und mehlig, wenn die Schoten zäh und mit noch zäheren Fäden gesegnet waren, gab sie der Herr über das Gemüse zur Ernte frei. Ernteten andere Hobbygärtner von einer Stangenbohne gerade mal zwei Kilos, schaffte es mein Grossvater mit Leichtigkeit auf drei bis vier Kilos. Gott sei Dank wurde bei uns der halbe Ertrag zu Dörrbohnen verarbeitet.
Heute liebe ich Bohnen über alles, diese feinen, zarten, kleinen grünen Böhnchen sind für mich ein absoluter Genuss. Mit Grauen denke ich an Grossvaters Prachtexemplare zurück. Diese dicken Dinger würgten mich im Hals, trieben mir das Wasser in die Augen und nahmen mir jede Freude am essen. Doch bei uns herrschte die Devise, es wird gegessen, was auf den Tisch kommt. So halt auch diese widerlichen Würgedinger.
Gentechnisch gesehen hatte ich alle Voraussetzungen für einen feinen Gaumen. Mein Grossvater väterlicherseits war Küchenchef im damals sehr bekannten „Lion d’or“ in Aarau, ein Bruder meiner Mutter absolvierte seine Lehr- und Wanderjahre in den besten Küchen in der Schweiz und in Frankreich, bevor er ein eigenes Restaurant eröffnete. Meine Grossmutter und Maman kochten auch. Aber nicht mit Lust, Freude und Liebe, sie kochten weil sie mussten. Obwohl, das Kaninchen in Rotwein meiner Mutter war ein Gedicht, leider kam es nur selten auf den Tisch, Grossmamas Sonntagsbraten mit Kartoffelstock war unübertrefflich. Doch damit ist das Aufzählen der lukullischen Genüsse im grosselterlichen Haus auch schon beendet. Das restliche Angebot war Muss-Küche.
Ich wurde zum ausgesprochenen Liebhaber von Dosen-Ravioli, Butterbrot, Bratwurst mit Rösti, Teigwaren an Tomatensauce, Gerichten eben, bei denen die Damen faktisch nichts falsch machen konnten. Eigentlich ass ich alles, ich wollte ja gross und stark werden, nur das schwammige Gemüse und die dicken, grünen Bohnen vermiesten mir ab und zu die Freude am Grösserwerden.
Eines wurde mir damals mit absoluter Sicherheit bewusst: Unter diesen Umständen konnte ich nie und nimmer ein Feinschmecker werden. Wobei ich in jener Zeit noch gar nicht wusste, wie man so etwas werden konnte und was so ein Geniesser den ganzen lieben Tag lang machte.
In 15 - 20 Kapiteln (Episoden) erzählt der Autor als Feuilletonist aus seinem Leben.
Keine Biographie – amüsante Schmunzelgeschichten, aufgelockert durch Rezepte und Küchenerlebnisse, augenzwinkernde Blicke hinter die Kulissen von Theater und Fernsehen.
Dabei handelt es sich um gekürzte Fassungen des sich in Arbeit befindenden neuen Buches „Filet im Teig – Irrwege eines Epikureers“.
|
|
Twittern |
Walter Diener
Landi