Naomi Feil doziert nicht über ihr Thema, nein, sie stellt es buchstäblich dar: Auf berührende Art spielt sie die Rolle Hochbetagter in verschiedenen Phasen ihrer Demenz vor. Damit vermittelt sie das Wichtigste jeder Arbeit mit diesen Menschen: Empathie, Mitgefühl - nicht Mitleid - sind gefordert. Temperamentvoll, engagiert, herzlich und ständig in Kontakt mit dem zahlreich angereisten Publikum, breitet sie ihren reichen Erfahrungsschatz aus.
Validation nach Naomi Feil
Diese holistische Methode lehrt, mit desorientierten, sehr alten Menschen zu kommunizieren. Sie hilft Stress abzubauen und ermöglicht diesen Personen, ihre letzten Lebensjahre in Würde und Heiterkeit zu verbringen. Validation beruht auf einem empathischen Ansatz und einer ganzheitlichen Erfassung des Individuums. Indem man sich in den anderen Menschen einfühlt und "mit seinen Augen sieht", kann man in die Welt der sehr alten, desorientierten Menschen vordringen und die Gründe für ihr manchmal seltsames Verhalten enträtseln.
Mit Wertschätzung für die sehr alten Menschen handeln
Validation bedeutet, diese Menschen, die zum Teil in ihrer Vergangenheit gefangen sind, so anzunehmen, wie sie sind. "Aus Erfahrung kann ich Ihnen sagen", erklärt Naomi Feil, "dass es gar nicht so einfach ist, in die Schuhe solcher hochbetagter Menschen zu schlüpfen. Dazu muss ich mir zuerst selbst klar werden, wie meine persönliche Einstellung gegenüber dem Alter ist. Meine Grundhaltung gegenüber alten Menschen, gegenüber dem Alter schlechthin, muss ich mir offen und ehrlich bewusst machen - und ich muss bereit sein, immer weiter an mir zu arbeiten."
Um Validation anzuwenden, braucht man nicht unbedingt eine pflegerische oder psychologische Ausbildung. Es ist jedoch unerlässlich, dass man sich das notwendige Hintergrundwissen aneignet, um die Zusammenhänge zu verstehen. Wer in der Lage ist, die frei ausgedrückten Gefühle der desorientierten alten Menschen zu teilen und zu spiegeln, kann Validation lernen und anwenden.
Validation - wertschätzender Umgang - ist für sehr alte Menschen (über 80) gedacht, die desorientiert oder "unglücklich" orientiert sind. Naomi Feil hat in ihrer jahrzehntelangen Arbeit vier Stufen der Desorientierung definiert, die sogar innerhalb eines Tages stark wechseln können. Die meisten dieser Menschen haben ein relativ "normales" Leben geführt, aber sie konnten früher gewisse Gefühle nicht ausleben, haben ernste Krisen oder Verluste aller Art nicht bewältigen können oder sich diese gar nicht eingestanden.
Die Validations-Theorie hilft uns zu verstehen, daß sich viele sehr alte desorientierte Menschen mit der Diagnose Demenz vom Typus Alzheimer im Endstadium ihres Lebens befinden und danach streben, unerledigte Aufgaben aufzuarbeiten, um in Frieden zu sterben. Wenn sie ihre Gefühle ausdrücken können, die sie oft jahrelang unterdrückt hatten, nimmt die Intensität dieser Gefühle ab, sie kommunizieren besser und werden weniger häufig in ein fortgeschrittenes Stadium der Desorientierung abgleiten.
Diese letzten Anstrengungen sind von wesentlicher Bedeutung. Die Validations-Anwendenden können sie dabei unterstützen. Mittels der Validations-Techniken bieten die Betreuenden ihnen die Möglichkeit, sich verbal oder nonverbal auszudrücken. Validations-Anwender sind fürsorglich, sie urteilen nicht und stehen den geäusserten Gefühlen offen gegenüber.
Acht Ziele der Validations-Arbeit nennt Naomi Feil:
Die Grundhaltung der Betreuenden muss Empathie sein.
Die Validations-Anwendenden fühlen und denken sich in die desorientierten sehr alten Menschen ein. Empathie ist der Boden, aus dem Vertrauen wachsen kann. Dieses Vertrauen gibt dem sehr alten Menschen Sicherheit und Stärke, beides Grundlage dafür, dass sich sein Selbstwertgefühl wieder aufbauen kann. Dadurch verringert sich sein Stress in der Bewältigung des Alltags. Manche desorientierte Hochbetagte brauchen mit der Zeit ihre Erinnerungswelt weniger oder kaum noch, wenn sie sich im Hier und Jetzt gestärkt und würdig fühlen. Es ist möglich, dass die Selbstbeherrschung wieder zurückkehrt, "eingeschlafene" Funktionen sich wieder reaktivieren, dass sich diese sehr alten Menschen wieder mehr öffnen.
Das wichtigste Ziel der Betreuung ist nicht der "Erfolg" der Betreuung, sondern dem Menschen durch die respektvolle Begleitung zu ermöglichen, sein Leben in Würde und innerem Frieden beenden zu können. Die sehr alten, verwirrten Menschen sollen sich wieder sicher, akzeptiert und geliebt fühlen. Sie sollen ihre Gefühle spontan ausdrücken können und sich nicht nutzlos, überflüssig fühlen.
Vorteile für die Anwendenden:
Die Begründerin der Validations-Methode Naomi Feil wurde 1932 in München geboren und wuchs in dem von ihrem Vater geführten Montefiore-Altersheim in Cleveland/Ohio, auf. Ihre Mutter leitete dort die Abteilung für Sozialarbeit. Nach dem Erwerb des Masters Degree für Sozialarbeit an der Columbia University in New York und einem Abstecher als Off-Broadway-Schauspielerin begann Naomi Feil ihre Arbeit mit alten Menschen. Sie empfand die traditionellen Arbeitsmethoden mit ernsthaft desorientierten sehr alten Menschen - ihren Klienten - als unbefriedigend und entwickelte aus diesem Grund zwischen 1963 und 1980 ihre Methode. Ihr nicht nachlassendes Interesse am Menschen gibt ihr die Energie für die vielen Aktivitäten, die auch heute noch auf ihrem Programm stehen.
Naomi Feil ist Executive Director des Validation Training Institutes (VTI). In Nordamerika und Europa ist sie eine gefragte Referentin. Seit 1989 reist sie mehrmals jährlich zu Vorträgen nach Europa und hält Workshops in Deutschland, den Niederlanden, Skandinavien, Frankreich, Belgien, Italien, Großbritannien und Österreich. Ihre Bücher sind in viele Sprachen übersetzt worden.
Im Seminar arbeitet sie mit vielen Videoausschnitten. Dabei kann sie von der Arbeit ihres Mannes profitieren, der über Jahrzehnte hinweg ihre Tätigkeit in verschiedenen Situationen gefilmt hat. Naomi Feil scheut sich auch nicht, Szenen aus ihren Anfängen zu zeigen, um auf Fehler aufmerksam zu machen, die sie in ihren Anfängen begangen hat. Eine andere kurze Videosequenz berührt tief: Naomi Feil singt einer alten, bettlägerigen Frau eine Gospelmelodie vor und lockt die ganz in sich versunkene Frau für einen Moment in die Gegenwart zurück.
Validation als holistische Methode kann überall auf der Welt angewendet werden, denn Gefühle sind etwas grundsätzlich Menschliches. Nur der Umgang mit Gefühlen unterscheidet sich je nach Kultur und Tradition. In Japan z.B. wurden spezielle Kurse für Validation entwickelt, denn Japaner haben, besonders in früheren Jahrzehnten, nicht gelernt, ihre Gefühle auszudrücken.
In Zukunft werden Methoden wie Validation in unserem Kulturraum immer grössere Wichtigkeit erhalten, denn die Zahl der Hochbetagten steigt. Immer mehr sehr alte Menschen benötigen Hilfe, damit sie nicht einfach mit Medikamenten beruhigt werden.
Dieses Einführungsseminar richtete sich an alle, die mit alten Menschen zu tun haben, Familienangehörige und Menschen, die in der Alterspflege tätig sind. Für professionell Tätige bietet Tertianum ZfP als einziges Validation Center in der Schweiz mit der Autorisation von Naomi Feil eine Ausbildung zum/zur Validations-Anwender/in an.
Lieferbare Bücher:
Naomi Feil / Vicki de Klerk-Rubin: VALIDATION - Ein Weg zum Verständnis verwirrter Menschen. 8. überarbeitete Auflage, 2005
Naomi Feil: VALIDATION in Anwendung und Beispielen. Der Umgang mit verwirrten alten Menschen. 3.überarbeitete Auflage, 2001
Vicki de Klerk-Rubin: Mit dementen Menschen richtig umgehen. Validation für Angehörige. 2006
Hrsg. Carsten Niebergall: Beiträge zur Validationsmethode. Validation im 21. Jahrhundert. Festschrift zum 70. Geburtstag von Naomi Feil. TERTIANUM-ZfP Verlag, 2002.
Mehr über Naomi Feil: Wer ist Naomi Feil