Kultur

Checkpoint Huwara

Karin Wengers „Checkpoint Huwara" ist ein emotionslos geschriebenes, aber umso erschütternderes Pamphlet für einen gerechten Ausgleich zwischen Israelis und Palästinensern. Kürzlich las die Autorin aus ihrem Buch in der Gemeindebibliothek Oberentfelden.  

Nach dem Sieben-Tage-Krieg 1967 hat der österreichisch-amerikanische Schriftsteller Hans Habe in seinem Buch „Wie einst David" den israelischen Soldaten ein Denkmal gesetzt und behauptet, unter den jungen Heeres-Angehörigen keinen Hass auf Araber oder Palästinenser gefunden zu haben. Ihr Kampfmut sei nicht der Mut einer allen andern überlegenen Armee gewesen, sondern der ehrliche Wille, Israel zu retten und einen gerechten Frieden mit den Palästinensern zu finden.

Alle Welt war damals von den Israelis begeistert. David hatte Goliath besiegt und damit dem geschundenen jüdischen Volk einen Sieg beschert, ein Vaterland geschaffen und war in den Reigen der sich selber verteidigenden Nationen ehrenhaft aufgenommen. - Niemand konnte 1967/68, mehr beeindruckt von der Niederwalzung des Prager Frühlings als von den bald beginnenden Ungerechtigkeiten der Israelis in den besetzten Gebieten - annehmen, dass die Israelis zwar einen Krieg gewonnen, aber den Frieden verloren hatten.

Was passiert heute in den besetzten Gebieten?

Der Nahost-Konflikt findet nur wenige Flugstunden von uns entfernt statt. Trotzdem kennen wir praktisch nur die israelische Darstellung und die Terror-Schlagzeilen nach palästinensischen Selbstmordanschlägen.

Dass die Wahrheit differenzierter ist, davon zeugt die fundierte Berichterstattung der Jung-Journalistin und freien NZZ-Mitarbeiterin Karin Wenger. In ihrem neuen Buch „Checkpoint Huwara" belegt sie in Gesprächen mit palästinensischen Heranwachsenden und  israelischen Elitesoldaten, dass der Konflikt unterdessen ein seit 40 Jahren andauerndes Inferno ist, das Besatzer und Besetzer gleichermassen zu Opfern macht.

Karin Wenger hat unter den Palästinensern gelebt und konnte sich so ein eigenes Bild machen von dem, was in Ramallah, in Nablus, im Gazastreifen geschieht. Palästinensische Widerstandskämpfer, kaum aus der Pubertät heraus, gaben ihre Geschichten preis. Geschichten von Auflehnung gegen ein trost- und zukunftsloses Leben, Geschichten von Überfällen der israelischen Armee, von Gefangennahme und all den unbeschreiblichen Demütigungen unter fremder Besatzung.

Andererseits hat Karin Wenger ehemalige Elitesoldaten der israelischen Armee getroffen, die ihre Sicht der Dinge darstellen. Auch sie waren Opfer - Opfer der Angst, aber viel mehr noch Opfer ihres eigenen schlechten Gewissens. Nablus, Ramallah sind so nah bei Tel Aviv, dass sie als Soldaten tagsüber an der Mauer durch Palästina Wache schoben und abends Discos in Tel Aviv besuchten. So nah aber die Schauplätze ihrer Erinnerung sind, so fern ist das Geschehen, das sich in den Seelen der jungen Soldaten abspielt, die niemandem davon erzählen können, was sie als Militärpersonen anstellen müssen.

Karin Wenger bringt einen Palästinenser und einen Israeli zusammen. Beide haben an den gleichen Orten gekämpft, auf der andern Seite. Beide haben sich gegen den Humanismus vergangen und Verbrechen begangen. Beide haben sie eingesehen, was sie angestellt haben. Aber beide sind immer noch voller Misstrauen und Angst vor dem jeweils anderen. Bier trinken zusammen, das können sie. Aber mit einander reden, so reden, dass daraus vielleicht eine Freundschaft entstehen könnte, das können sie nicht.

Karin Wenger versteht es, ihre eigenen Emotionen zurückzunehmen, auch wenn auch sie von Übergriffen auf beiden Seiten zu berichten hat. Sie überlässt die Aussage ganz ihren Gesprächspartnern. Und bleibt trotz all des Schrecklichen, das noch immer im Westjordanland und im Gazastreifen geschieht, optimistisch.

Arnold Hottinger spricht Klartext

Was sie nicht sagen kann und will, sagt umso deutlicher Arnold Hottinger, der das Geschehen in Nahost ja seit dem Siebentagekrieg verfolgt hat. In seinem Nachwort zu Karin Wengers Buch hat die Repression der Israelis System. Lieber Kirchhofsruhe als einen Frieden, der vielleicht zum Schaden Israels ausgehen könnte. Dass Israel mit dem moralischen Verderb seiner Jugend selber Schaden nimmt, der nie zu kitten sein wird, ist die Kehrseite eines Grossmachtgehabes, das bis jetzt von den Amerikanern toleriert und sogar vorgegeben worden ist. Hoffen wir, dass Barack Obama bei der Aufarbeitung seines immensen Arbeitsprogramms hier auch seinen Verbündeten gegenüber mehr Demokratie, mehr Freiheit und mehr Gerechigkeit fordert.

 

Karin Wenger in Oberentfelden

wengeraerni_02.jpgAm Mittwoch Abend waren Karin Wenger und der Journalist Urs Heinz Aerni, eingeladen von  Bibliothekarin Verena Matter, zu Gast in der Gemeindebibliothek Oberentfelden. Der Anlass war gut besucht. In einem interessanten Gespräch über die Motive der Autorin, über ihr Studium in Ramallah und die Intifada, wurden einige Stationen des Buches wiedergegeben, in welchem ehemalige israelische Militärs ihr Schweigen brechen und das Elend insbesondere der zukunftslosen palästinensischen Jugend zur Sprache kommt. Karin Wenger hat ein Semester an der Universität Ramallah studiert und Kontakt zur besetzten Bevölkerung bekommen. Sie schildert in den Worten der Befragten, was in ihnen vorgeht, wie Freundschaften zerbrechen, wie Kollaboration und Widerstand das ganze Leben vergiften. Sie hat aber auch ehemalige und noch dienende Elitesoldaten der israelischen Armee befragt und dabei erfahren, wie sehr diese unter ihren eigenen Taten leiden, wie sie abgestumpft werden von den Schikanen, mit welchen sie die arabische Bevölkerung einschüchtern.

   

 

Emotionsfrei geschildert

Karin Wenger ist in es in ihrem Buch gelungen, so objektiv wie möglich von den Zuständen im Westjordanland zu erzählen. Obwohl sie ihre eigenen Erlebnisse ebenfalls dokumentarisch wiedergibt, bemüht sie sich um Neutralität. Umso beklemmender sind denn auch die Augenzeugenberichte und Erlebnisse der Kontrahenten in diesem von aussen angeheizten  Konflikt. Dennoch stirbt Wengers Hoffnung auf bessere Zeiten nicht.

 

Karin Wenger „Checkpoint Huwara, Israelische Elitesoldaten und palästinensische Widerstandskämpfer brechen das Schweigen. Verlag Neue Zürcher Zeitung, ISBN 978-3-03823-408-1.

 

Karin Wenger liest noch am

10.30 Uhr, Matinée mit Apéro, Grünraum, Zürcherstr. 7

20.00 Uhr, Schul- und Gemeindebibliothek, Poststrasse 2

19:30 Uhr, Buchladen Einfach Lesen, Restaurant Zähringer, Badgasse 1

12.11.08 Dielsdorf 20.00 Uhr, Kulturkommission, Mühlestrasse 4

13.11.08 Nürensdorf Gemeindebibliothek, Alte Winterthurerstrasse 42

Buchhandlung von Matt, Rathausplatz 2, 1. Surseer Büchertage

20.30 Uhr, im Kloster

22.01.09 Chur 20.00 Uhr, Bündner Volksbibliothek, Arcas 1, anschliessend Apéro