Der „5. Schweizerische Kongress für Gesundheitsökonomie und Gesundheitswissenschaften“ versammelte am 24. Oktober im Berner Inselspital Fachleute der Gesundheit aus Medizin, Pharmakologie, Gesellschaft, Wirtschaft und Politik. Aus dem anspruchsvollen und vielseitigen Tagungsprogramm mit Expertenreferaten und Diskussionsforen wird hier gerafft wiedergegeben, was vorwiegend Angehörige unserer „Generation 50Plus“ interessieren dürfte.
„Consumer Driven Health Care“
Im Zentrum stehen der gesundheitsbewusste Mensch und mit ihm Organisationen, welche ihn in der gesundheitspolitischen Auseinandersetzung vertreten. Der englischsprachige Fachbegriff „Consumer Driven Health Care“, Fachleuten geläufig, lässt sich frei und summarisch übersetzen mit „Verbraucherbestimmte Gesundheitspflege“ – ein unschöner Begriff vielleicht. Er bedeutet jedoch, dass Betroffene (und entsprechende Organisationen) nicht die gesamte Sorge um ein gesundes Leben den Ärzten und der Pharmakologie überlassen, sondern dabei eigene Verantwortung übernehmen und mitbestimmen sollen.
Gesundheitsökonomie
Unter „Gesundheitsökonomie“ darf man alle Versuche bezeichnen, die darauf abzielen, „die Gesundheitskosten in den Griff“ zu bekommen: Anstrengungen zur Straffung der administrativen und medizinischen Abläufe, Rationalisierung der Patientenbetreuung in Arztpraxis und Spital, Zielorientierter Einsatz von Pflege- und medizinischem Assistenzpersonal, Optimierung von Laboruntersuchungen, regionale Spezialisierung der Spitäler, effiziente pharmazeutische Medikation, verbunden (womöglich ersetzt) mit Sport und dem Einsatz von gesundheitsfördernden Lebensmitteln und Zusatzpräparaten...
Auf dem Weg zum „kompetenten Patienten“
Manches davon, man entnimmt es schon lange der Tagespresse, ist auf „gutem“ Wege. Alles jedoch ist nichts ohne den Betroffenen – sei er noch gesund oder bereits krank. Fast einstimmig rufen Experten deshalb nach „mündigen Patienten“, die eigenverantwortlich am Bewahren ihrer Gesundheit oder, gegebenenfalls, am Weg aus ihrer Krankheit mitarbeiten.
Hier der ungefähre Rollenwandel innerhalb der letzten 50 Jahre:
1950: der Patient in der Krankenrolle, hilflos, ergeben;
1960: der bevormundete Patient;
1970: der informierte Patient;
1980: der mündige Patient;
1990: der autonome Patient;
2000: der kompetente Patient.
Den kompetenten Patienten sehen die Experten als geprägt von Selbstverantwortung, von Verantwortung für die Mitwelt, fähig, gesundheitliche Versorgung auszuhandeln, sich entsprechend zu informieren, weitgehend die Pflege zu bestimmen (Pflegepersonal unterstützend und beratend) – alles unter dem Motto:Bewahrung von Würde und Selbstbestimmung. Verschwiegen werden soll nicht, dass sich in einzelnen Wortmeldungen auch ein leises Unbehagen zeigt: Will man den Patienten wie ein Konsument mit der Fülle des Angebots von Grossverteilern allein lassen? Soll er vom umsorgt ärztlich und pflegend betreuten Leidenden zum von Informationen und Desinformationen Irregeleiteten werden?
Partnerschaften
Zurzeit ist das Gesundheitssystem für den Laien beinahe unübersichtlich vernetzt. Partner sind Mediziner, Pharmakologen, aber auch nicht-medizinische Partner: Behörden, Versicherer, Spitaladministratoren, die Volkswirtschaft mit Produktion und Handel sowie Medien und Informatik. Vermehrt in eine Schlüsselposition wachsen verschiedene Patientenorganisationen und Einrichtungen wie (unvollständig aufgezählt) Herzstiftung, Lungenliga, Pro Infirmis, Stiftungen für Seh- und Hörbehinderte und andere.
Information ist alles!
Nicht erst in der abschliessenden Plenardiskussion der Tagung wird ein Problem angesprochen, das sich der Forderung nach dem „kompetenten Patienten“ in den Weg stellen kann. Wer mitdenken und mitbestimmen will, muss sich informieren. Daraus folgt – fast zu simpel tönt es – die Frage: Wo? Wie informiere ich mich? Die meisten Patienten informieren sich noch immer bei Hausärzten und Spezialisten. Sie wollen auch nicht selbständig, sondern im Kontakt mit ihren Ärzten Entscheidungen über ihre gesundheitlichen Vorsorge und Versorgung treffen. Das widerspricht im Grunde der Forderung nach Entlastung von medizinischem Fachpersonal und damit dem angestrebtem Ziel, Kosten zu senken. Viele nutzen heute gedruckte Fachmedien, Informationsschriften von Anbietern sowie periodische und Tagesmedien. Viele Versicherer bieten kostenlose Information über ihre „Call-Zentren“ an. In letzter Zeit wird immer häufiger das Internet als Informationsquelle genutzt.
Doch viele dieser Informationsquellen haben ihre Tücken. Wer garantiert, dass die Information unabhängig von Geschäftsinteressen oder von Kostendenken erfolgt? Bedeutender noch ist die Frage, ob der sich selbständig informierende „Kunde“ die oft von Fachausdrücken gespickte Information auch versteht! Das gilt beileibe nicht nur für ältere Leute. Untersuchungen wie Pisa haben gezeigt, wie weit es mit Lesen und Verstehen nicht nur bei Schulabgängern, sondern auch bei Erwachsenen unter Fünfzig steht.
Kein „Wunder von Bern“
Die Gesundheitskosten steigen so oder so, wird gezeigt. „Das Wunder von Bern“, so lautet die in der Diskussion verwendete Metapher, nämlich eine Senkung der Gesundheitskosten, wird nicht eintreten. Man kann Kosten nicht senken, man wird die steigende Kurve höchstens etwas flacher gestalten können. Das hat nicht nur mit volkswirtschaftlichen und gesetzlichen Gegebenheiten zu tun, sondern auch mit der viel zitierten demoskopischen Veränderung. Es muss jedoch nicht sein, dass die Leute, nur weil sie älter werden als früher, auch kränker sind. Hiezu kann das in Bern gezeigte Modell des Mitwirkens und Mitbestimmens der Gesunden und Kranken in der selbstverantwortlichen Gesundheitsvorsorge und Krankenversorgung viel beitragen.
Persönliche Schlussbemerkungen
Wie also soll’s weiter gehen? Weil die Information so entscheidend ist, müssten Patientenorganisationen unter Umständen die Prüfung der Informationsangebote an die Hand nehmen und Websites kontrollieren, Druckschriften prüfen, freiwillige Kurse (wie ehemals und noch heute die Samariterkurse) organisieren, selber Informationen herausgeben. Das alles kostet Kraft und Geld – so sind im Endeffekt die volkswirtschaftlichen Kosten des Netzwerks Gesundheit auch nicht einzudämmen. Ich könnte das Klagelied über die explosionsartig sich selber globalisierende Gesellschaft anstimmen – was hülfe es?
Weiter so, Seniorweb-Nutzer!
Eigentlich können wir recht stolz sein auf die Bestrebungen hier im Seniorweb, das e-Learning zu fördern, die Geschicklichkeit im Umgang mit dem „World-Wide-Web“ und mit Suchmaschinen anzuregen! Nur verlässlich informierte „Überfünfziger“ werden künftig mit den Anforderungen der Informationsgesellschaft, mit der Automation, der Technologieentwicklung Schritt halten können. Was dabei besonders wichtig ist: Mit dem Drang der Wirtschaft und Verwaltung zur Privatisierung geht das Bestreben einher, den Privatmenschen immer mehr Selbstverantwortung zu überlassen. Unsere Generation muss, in unserm eigenen Gesundheitsinteresse, auch dafür gerüstet sein.
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