Kritische Konsumentinnen und Konsumenten kaufen die Katze nicht im Sack, sondern möchten wissen, was in einem Produkt alles steckt. Wenn man ein bisschen älter ist und die Sehkraft nachlässt, dann wird das einem häufig verunmöglicht, weil die Schriften auf den Packungsinformationen oftmals klitzeklein und damit unlesbar sind. Und wer hat schon immer die Lesebrille oder die Lupe dabei?
Coop: Bis Frühling 2009 130'000 Einkaufswagen mit fest montierter Lupe
Jetzt kommt aber Coop mit seiner Einkaufshilfe: Als Resultat der Zusammenarbeit zwischen Coop und Pro Senectute werden alle 130'000 Einkaufswagen in der Schweiz bis zum nächsten Frühling mit fest montierten Lupen ausgerüstet, so dass auch sehschwache Kundinnen und Kunden die Produkteinformationen auf Packungen lesen können. Weshalb erst jetzt - das Problem (oder Ärgernis) gibt es ja nicht erst seit heute? Haben sich Kundinnen und Kunden beschwert? Das sei nicht unbedingt der Grund, meint Coop-Mediensprecher Karl Weisskopf, aber einerseits wollen die Konsumentinnen und Konsumenten immer mehr Informationen über ein Produkt, dazu komme noch die Dreisprachigkeit, und weil der Platz auf den Etiketten beschränkt sei und es sich zum Teil auch um kleine Verpackungen handle, müsse man mit sehr kleinen Schriften arbeiten. „Wir haben zwar Vorschriften für Mindestgrösse, aber manchmal sei die Verpackung schlicht zu klein, um diese Mindestgrösse einzuhalten“, sagt Karl Weisskopf. „Und weil wir wissen, dass nicht jedermann einen Adlerblick hat, haben wir uns zur Lösung mit den Lupen an den Einkaufswagen entschieden.“ Davon könnten, so Karl Weisskopf, natürlich auch jüngere Leute mit eingeschränkten Sehfähigkeiten profitieren.
Keine Tests – dafür Pro Senectute
Bevor man eine solche Investition tätigt, sollte man wohl Tests durchführen. Coop hat darauf verzichtet: „Wir haben mit Pro Senectute zusammengearbeitet und sind dann zu dieser Lösung gekommen“, sagt Karl Weisskopf. Wer hat denn die Initiative ergriffen – Coop oder Pro Senectute? Das habe sich aus regelmässigen Gesprächen mit Pro Senectute ergeben, wo man alle altersbedingten Probleme des Grossverteilers anschaue, also auch Beleuchtung, Zugang zu Läden, Positionierung der Waren usw. Und da kam wohl irgendwann auch das schon seit längerer Zeit bestehende Problem der kleinen Aufschriften auf Packungen zur Sprache. Sind die Lupen nur ein Werbegag bzw. eine Profilierungsmöglichkeit oder glaubt Coop, dass die Lupen regelmässig benutzt werden? Weisskopf gibt offen zu, dass man durch eine solche Aktion bekannter wird, Coop hat ja auch entsprechend Öffentlichkeitskontakte hergestellt mit einem Pressecommuniqué, das fleissig abgedruckt wurde, und einer grossen Reportage in der Coopzeitung. „Wenn das mit Werbung verbunden ist, akzeptieren wir diesen willkommenen Nebeneffekt gerne, aber wir sind überzeugt, dass wir da eine nützliche Dienstleistung im Interesse unserer älteren Kundschaft bieten werden, und das ist sicher der Hauptgrund“, sagt Karl Weisskopf.
Millionenkosten
Auch wenn Coop die Kosten für die Beschaffung der Lupen und Montage auf den Einkaufswagen nicht nennen will, kann man sich mit Leichtigkeit ausrechnen, dass für die 130'000 Einkaufswagen sicher mehr als eine Million Franken investiert werden muss. „Da lasse ich Sie schätzen, wir geben die Kosten nicht bekannt“, sagt Coop-Mediensprecher Karl Weisskopf.
Migros verzichtet auf Lupen
Man weiss es: Die Grossverteiler verfolgen immer mit Argusaugen, was ihre Konkurrenten machen, und dies nicht nur bei Preis und Aktionen. Deshalb liegt eine Anfrage bei der Migros Schweiz nahe. Dort ist die Antwort klar: Es besteht keinerlei Absicht, die Einkaufswagen ebenfalls aufzurüsten. „Wir wollen das Problem anders lösen, das heisst, die Aufschriften sollen von Anfang an so sein, dass auch sehschwächere Menschen sie ohne Sehhilfe lesen können“, sagt Monika Weibel, Mediensprecherin bei der Migros. Man habe im Gespräch mit der TerzStiftung festgestellt, dass die Lösung mit der Lupe fast diskriminierend sei. Tatsächlich: Wenn sich ältere Leute mit einer Lupe mühsam über die Verpackungsetikette bücken müssen, dann weist das ganz klar darauf hin, dass jemand ein bisschen älter ist und nicht mehr so gut sieht. „Von der TerzStiftung haben wir das Feedback erhalten, es entspreche nicht ihrer Philosophie, dass für ältere Menschen zuerst eine Hürde geschaffen und ihnen ein Defizit vor Augen geführt wird, und dann gibt man ihnen ein Hilfsmittel, um das Defizit auszugleichen“. Also will man die Hürde beseitigen und das Übel an der Wurzel packen, nämlich: Bessere Gestaltung der Produkteinformationen auf den Packungen.
Packungsdesign: Weniger ist mehr
Das heisst aber wohl, dass man weniger Informationen anbieten will, unter Umständen auf die Dreisprachigkeit verzichtet (jede Etikette nur in einer Sprache). Weniger bedeutet im Endeffekt mehr, weil nämlich zu viele Informationen die Kundinnen und Kunden unabhängig von ihrem Alter überfordern und dann gar nicht mehr wahrgenommen werden. „Wir wollen nicht diskriminieren, wir wollen für alle Kundinnen und Kunden die gleichen Möglichkeiten schaffen“, sagt Monika Weibel. Auf die Verpackungen bezogen heisst das auch: Wenn sie nur mit Mühe oder kaum geöffnet werden können, dann will Migros nicht ein spezielles Werkzeug zum Öffnen für ältere Konsumentinnen und Konsumenten anbieten, sondern die Packungen generell kundenfreundlicher zu machen. So dass sie von jedermann mit vernünftigem Aufwand geöffnet werden können.
Seniorweb bleibt mit Sperberaugen dabei
Ob die Migros bei ihrem Nein für Lupen bleibt, wird sich zeigen. Der Grossverteiler wird sicher die Erfahrungen von Konkurrentin Coop abwarten und nebst der Verbesserung der Aufschriften auch eine weitere diskriminierungsfreie Möglichkeit prüfen und umsetzen, nämlich die Verbesserung der Lichtverhältnisse in den Läden, auch davon profitieren alle Kundinnen und Kunden. „Auch wenn wir zur Zeit nicht beabsichtigen, Lupen an den Einkaufswagen anzubringen müssen wir das später vielleicht noch einmal genau anschauen“, sagt Monika Weibel. Genau anschauen, und das mit Sperberaugen, wird auch Seniorweb. Wir werden einerseits die Akzeptanz der Lupen in Coop-Läden genauso unter die Lupe nehmen wie auch die Verpackungen und die Lichtverhältnisse in den Läden bei Migros. Klar ist jetzt schon: Möglichst viele Informationen auf der Packung und gute Lesbarkeit, das schliesst sich – ausser bei grossen Packungen - praktisch aus. Aber zu viele Informationen verwirren. Deshalb wäre es verdienstvoll, wenn Produzenten und Grossverteiler abklären würden, welche Informationen für die Kundinnen und Kunden besonders wichtig und welche allenfalls auch weggelassen werden können. Aber auch der Staat ist gefordert: Wenn er von Produzenten und Handel verlangt, dass sie Informationen aufdrucken, welche die Kundinnen und Kunden weder verstehen noch verlangen, dann ist das nur unnütze Platzverschwendung.
Nächste Generation: Produkteinformation mit Strichcode und Scanner
Irgendwann könnte man sich vorstellen, dass die Etiketten auf Produkten nur noch einen Strichcode und sonst gar nichts mehr enthalten. Dafür hat es entweder am Gestell oder am Einkaufswagen einen Scanner. Und dieser Scanner mit Bildschirm entziffert dann alle Informationen, vom Preis, über Gewicht bis hin zu allen notwendigen Produkteinformationen, und das alles in grosser und klarer Schrift. Eine Utopie oder in 10 Jahren Realität?
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Jürgen Kupferschmid Leiter Öffentlichkeitsarbeit und terzMagazin terzStiftung
thesi
Einkaufskörbe ohne Lupen