Bildung

Prof. Helmut Bachmaier:  Gangarten – Lebensarten

Prof. Helmut Bachmaier: Gangarten – Lebensarten

Jedes Alter hat seine eigene Bewegung: So viele Menschen, so viele Gangarten.  Professor Helmut Bachmaier erörtert  im Gespräch, wie das Gehen durch Alter, Beruf, Lebenseinstellung und vieles andere beeinflusst wird.

Logo Bild oben: Prof. Helmut Bachmaier
 Präsident des Stiftungsrates der Tertianum-Stiftung

Im Anschluss an die Tagung der Tertianum-Stiftung "Mobilität im Alter" vom 9. Oktober hatte ich Gelegenheit, noch einmal mit Prof. Bachmaier über verschiedene Aspekte von Bewegung zu sprechen. Er verknüpfte eine Idee mit der nächsten - eine spannender als die andere -, und es entwickelte sich ein langes, inhaltreiches Gespräch mit kulturgeschichtlichen und philosophischen Exkursen.

Die Bewegung im Laufen, der aufrechte Gang, ist etwas typisch Menschliches und doch etwas extrem Individuelles, aber auch charakteristisch für bestimmte Gruppen von Menschen, für Alter, Befindlichkeit, Absicht, Lebenshaltung.

schatten www.freefoto.comProf. H. Bachmaier: Der aufrechte Gang ist für unsere Gattung ein wesentliches Element unserer Menschwerdung, aber auch - bei Ernst Bloch - Ausdruck einer moralischen Grundhaltung. Eine Bemerkung von Walter Benjamin (Angaben im Anhang) über den Flaneur in seinem Aufsatz über ein Gedicht von Baudelaire möchte ich eingangs erwähnen: Der Flaneur, der auf einem Pariser Boulevard auf und ab geht, um als Journalist Neuigkeiten für seine Artikel aufzuschnappen und diese den Verlegern zu verkaufen, begleitet von einer Prostituierten, die wie er auf dem Boulevard flaniert, nicht um ihre geistigen Erzeugnisse, sondern um ihren Körper zu verkaufen. Die beiden bilden ein seltsames Tandem beim Flanieren. Wie sie sich bewegen, drückt laut Walter Benjamin das Einfühlen in die Warenseele aus: Jeder hat eine Ware und schaut den anderen an, ob er ein Käufer dieser Ware sein könnte. Der andere sucht eine Ware - so begegnen sich hier die Waren in der Zirkulation auf dem Boulevard. Eine Verdinglichung der Lust, eine Verdinglichung der Intellektualität, Verdinglichung der Texte als Information. Hier entsteht der Mythos der Moderne: die Grossstadt. Die Diagnosefigur in diesem Mythos ist der Flaneur. Das gilt für Paris.

Sehen und gesehen werden sind die Impulse, die hinter dem Flanieren stehen, in gewisser Weise ein Symbol für das Leben in Paris, nicht nur im 19. Jahrhundert. Auch heute noch flaniert man gern der Seine entlang, schaut bei den Bouquinisten vorbei. Gibt es den Flaneur nur in Paris?

Machen wir einen Sprung nach Wien. Dort gibt es auch eine Art "Flaneur", den Diener. Für den Diener ist es die Vervollkommnung seiner Biographie, wenn ihm eine Audienz beim Kaiser gewährt wird. Die Zeit des Wartens vertreibt er sich mit Antichambrieren im Vorzimmer. Er geht auf und ab, hin und her und wartet, bis er vorgelassen wird. Was unterscheidet den Diener vom Flaneur?

Der Flaneur ist eine intellektuelle, vagabundierende Figur, ein freier Geist. Der Diener, der in Wien zum Kaiser geht, lebt von der Zurücknahme seiner Person. Dienen heisst "Ichverzicht". Was ist die Kompensation? Er kann sich an der Aura des Kaisers laben. Der Diener verzichtet auf sich als Individuum und hat dafür Anteil an der Aura des Princeps. Die wichtigsten Texte sind nicht Gedichte wie etwa die von Baudelaire, sondern Audienzlisten, Hofprotokolle oder Presseberichte, dass heute der Bürger X zu der und der Zeit eine Audienz hatte.

Sich als Diener zu bewegen, hat einen ganz anderen sozialen, gesellschaftlichen und kulturellen Kontext, verglichen mit dem Flaneur. In Österreich bewegt sich der Diener, indem er sich sozusagen zeremoniell selbst auslöscht.

Für diesen Diener gibt es auch literarische Beispiele: Von Franz Grillparzers "Ein treuer Diener seines Herrn" über Johann Nestroy bis hin zu Hugo von Hofmannsthal und seinen Diener Theodor in "Der Unbestechliche". Dort zerreisst Theodor - einmal aufmüpfig geworden - das Bild seines Herrn. Aber was folgt? Er stellt es wieder zusammen und arrangiert es, so dass das Bild wieder glatt ist, damit man den Riss in der Herrschaft nicht mehr sieht.

Sie erkennen hier verschiedene Figuren, die sich auf unterschiedliche Weise im Kontext der Macht oder der Öffentlichkeit bewegen. Damit sind sie in meinen Augen "Diagnosefiguren", die etwas Symptomatisches dieser Grossstadtgesellschaften aufzeigen. Das Flanieren auf dem Boulevard - das Antichambrieren des Dieners, der Kontrast in der Bewegung oder der Wartehaltung. Dabei zeigen sich etablierte, geradezu standardisierte Bewegungsformen.

Die Diener-Figur bei Grillparzer hat mich immer besonders interessiert, eine sehr plausible Figur der habsburgischen Mentalitätsgeschichte - ganz im Gegensatz zur "deutschen" Tradition, wo das Verhältnis "Herr und Knecht" dominiert. Ausgehend von Diderot in Frankreich, haben es Hegel und Marx oder Goethe im Verhältnis von Mephisto und Faust thematisiert.

Das sind aber nicht die einzigen Arten, sich zu bewegen.

Wir können das erweitern auf andere interessante Bewegungsformen: den Spaziergang, charakteristisch für Denker und Dichter, das Voranschreiten und Innehalten. In meinen Augen ist der Essay die literarische Form des Spaziergangs, z.B. bei Michel de Montaigne.

Was sagen Sie zum Marschieren? Nicht nur Soldaten marschieren ja, auch die zeremoniellen Wachposten, die Leibwächter der englischen Königin in London, oder die Schweizer Gardisten im Vatikan haben einen genau einstudierten Gang.

Wir meinen auf den ersten Blick vielleicht, Bewegung sei etwas ganz Natürliches. Bereits beim Marschieren zeigt sich etwas anderes. Marschieren fordert Uniformität, keine Individualität: Der Soldat gleicht seine Bewegungen dem Rhythmus der Gruppe an, um Gleichschritt und damit eine kollektive Einheit zu erzielen. Der Inbegriff des Marschierens, der preussische Stechschritt, wirkt auf uns heute fast wie eine Parodie.

Wir können uns auch ein ganz unmilitärisches Bild vorstellen: Geschäftsleute in der Zürcher Bahnhofstrasse: energisch, erfolgsorientiert. Auch hier herrscht eine gewisse Uniformierung: Sie tragen dunkle Anzüge, alle gehen im etwa gleichen Schritt, der ausdrückt: "Ich bin ziel- und erfolgsorientiert, heute will ich etwas erreichen." Als Kontrast dazu: ein älterer Mann. Er kommt langsam, schleppend daher. Vielleicht geht er am Stock.

Im Wald oder am Seeufer trifft man allerdings normalerweise keine Geschäftsleute in Anzug.

gehende www.freefoto.com.jpgDafür Jogger und Spaziergänger, ebenfalls zwei unterschiedliche, aber charakteristische Fortbewegungsarbeiter: Beim Joggen läuft man anhaltend, beim Spaziergehen hält man inne, schaut, spricht miteinander, geht weiter, zeigt sich gegenseitig, was am Wegrand wächst. Beim Jogging besteht kaum die Gelegenheit zu einem ernsthaften Gespräch - nur wenige können das. Eigentlich ist Joggen eine industrialisierte Form des Spaziergangs. Sie wissen ja, man kann auch zu Hause auf einem Laufband joggen - wie auf einem Fliessband. Eine Unterbrechung ist dabei nicht vorgesehen, sondern nur durchgängiges Laufen.

Fürs Alter ist die kontemplative Haltung des Spaziergangs angemessen. Man betrachtet die Natur, ist mit dem anderen im Einklang, eine gewisse Entschleunigung stellt sich ein, so dass man jederzeit innehalten und betrachten kann.

Die leicht groteske Form des Spazierengehens ist das Nordic Walking: Man geht am Stock und fühlt sich trotzdem wohl. Nordic Walken ist aus einer Marketing-Idee entstanden: Man fragte sich, wie man auch im Sommer Skistöcke verkaufen könnte. Jogging ist in Amerika als "Business-Spaziergang" entwickelt worden. Diese Bewegungsformen sind also abhängig von ganz bestimmten Business-Strategien. Der Spaziergang ist dagegen autonom und lässt sich nicht vermarkten - wandern schon wieder eher.

Joggen muss man trainieren, Spazierengehen nicht!

Jedes Alter muss neu gehen lernen, jedes Alter hat seine spezifische Art zu gehen. Bei einem Wettbewerb anlässlich der Eröffnung der Basler Tertianum-Residenz hat eine junge Filmschaffende aus München einen der Preise gewonnen. Sie zeigte in einem ca. Zwei-Stunden-Video folgendes: In einer Münchner Strasse hatte sie eine Kamera gegenüber einem Seniorenheim aufgestellt und einen mittelschwer dementen Mann von der anderen Strassenseite aus gefilmt. Der Mann geht bei grossem Verkehr auf dem Trottoir seines Weges. Leute gehen an ihm vorbei, ihm entgegen. Man sieht seinen Schritt: Er fällt auf. Die Künstlerin hat die Anatomie und Architektur der dementiellen Bewegung im Bild festgehalten, eine hochinteressante Arbeit! Nach einiger Zeit wirkt er ermüdet. Man sieht, wie die jungen Leute an ihm vorbeilaufen, aber auch ältere Menschen, fast in seinem Alter - und sie bewegen sich doch ganz anders.

Warum hat diese Person diese Gangart, warum diese gebückte Haltung, was steckt dahinter? Wir können allein aus der Silhouette eines gehenden Menschen schliessen, ob es ein älterer oder ein jüngerer Mensch ist. Eine andere Wahrnehmung zulassen, den Blick schärfen für Bewegungsabläufe beim Menschen - auch das ist ein Thema der Humanwissenschaften.

Gerade auch deshalb, weil sich in der Bewegung sowohl Äusseres als auch Inneres des Menschen zeigt. Wenn man seinen Mitmenschen besser versteht, kann man sich besser in ihn einfühlen, kommt man besser mit ihm zurecht.

Bewegung ist etwas Fundamentales im Leben. - Wo keine Bewegung ist, ist kein Leben.

Deshalb störe ich mich sehr am Begriff „Ruhestand". „Ruhe" und "Stand", alles ohne Bewegung. Was ohne Bewegung ist, ist tot. Bei einem Ruhestand gelangt man direkt in die Kiste! Nein, wir müssen uns auf das bewegte Alter vorbereiten!

Heute mehr und anders als früher!

Man muss Grenzen beachten: Bewegung und Bewegungsansprüche sollten immer ressourcenorientiert sein. Manche trauen sich noch einen Marathon zu, obwohl sie sich damit überfordern, manche reisen in der Welt herum. Pascal meinte schon, dass alles Unheil der Welt daher komme, dass es die meisten Menschen nicht aushalten, einige Zeit im Raum mit sich alleine zu sein. Einsamkeit ertragen zu lernen und bewegt zu bleiben, das ist eine anspruchsvolle Aufgabe.

Gruppentherapeutisch wirkt die Bewegung im Sportverein oder in der Wandergruppe für ältere Menschen noch besser als das Spazierengehen. Leider gibt es zumeist nur Gruppenangebote für schnellere Formen der Bewegung. Jogger bilden eher Gruppen. Offensichtlich ist es so: Je schneller die Bewegung wird, um so mehr bilden sich Gruppen.

Ganz elementar haben Bewegung und Stillstand mit Leben, Sterben und Tod zu tun. Altern ist ein Nachlassen von Beschleunigung und Bewegung. Das Alter setzen wir mit Verlangsamung in Beziehung. Da in unserer Gesellschaft aber alles schneller gehen muss, das Alter jedoch langsamer wird, wird es abgewertet. Alter definiert sich nicht nur durch den Bezug der Rente und den Ausstieg aus dem Wirtschaftsprozess, sondern auch dadurch, dass ältere und alte Menschen sich anders bewegen, als die Arbeitswelt es erwartet. Deshalb wird das Alter ausgegrenzt. Ältere wollen nicht ausgegrenzt werden, sondern mithalten. Es ist der falsche Dienst an der eigenen Person, es den anderen zeigen zu wollen. Es wäre viel wichtiger, es sich selbst zu zeigen.

Sich selbst das zu zeigen, was einen wirklich erfüllt, sich nicht Zwängen zu unterwerfen, die nirgendwo hinführen.

prof_bachmaier.jpgImmer ressourcenorientiert. Keine Überforderung. Das sollte der Grundsatz bleiben. Ältere Herrschaften sollten den Mut haben, in ihrem Tempo daherzuschreiten.

Was ältere Menschen nicht so gern hören, obwohl sie es bei ihren Kindern, ihren Enkeln sehen: Kinder müssen laufen lernen. Ältere müssen gewissermassen noch einmal laufen lernen, damit sie nicht stürzen. Die Schrittlänge verändert sich, die Breite des Gangs, Störfaktoren stellen sich ein. Ich rede gar nicht von Osteoporose. Sie müssen es sich rechtzeitig bewusst machen, und sie müssen es üben: Je besser sie gehen, desto besser sind sie gegen Stürze gewappnet. Man muss sich einmal anschauen, welche Krankheitskosten sich aus Stürzen ergeben, wie viele Menschen an den Folgen von Stürzen sterben.

Wichtig ist, dass wir uns überlegen, welche Bewegungen mache ich, welche Bewegungen dienen mir. Das hat nichts mit Infantilisierung zu tun, nein! Man muss im Alter das Laufen neu lernen. Eigentlich lernen wir im Laufe des Lebens immer wieder neu das Gehen: als Kind, im Militär, als Jogger.

Wenn man einmal gestürzt ist, auch wenn man nichts gebrochen hat, ist es äusserst wichtig, dass man das Selbstvertrauen in seine Lauffähigkeit wieder aufbaut.

Gehen oder Laufen lernen dient dem Selbstvertrauen, stärkt das Selbstvertrauen. Wer sich nur vorsichtig vorantastet, drückt seine Angst vor dem Sturz aus. Da zeigt sich die innere Einstellung. Man erkennt einen innerlich zerbrechlichen Menschen an seinem Gang.

Also: Die eigenen Bewegungsabläufe kontrollieren, auf richtige Schuhe achten, nachfragen, wo die Probleme beim Gehen liegen.

Die Bedeutung der Übung des Gleichgewichts sollte man dabei nicht unterschätzen. Nicht nur beim Gehen. Eine gute Übung ist das regelmässige Jonglieren. Damit fördert man die Balance, die Koordination, die Konzentration. Jonglieren ist deshalb - neben anderen positiven Wirkungen -  ein gutes Mittel der Sturzprävention. Und Jonglierbälle sind nicht teuer. Man kann es gut alleine üben. Nur sollte man vorsichtig sein, wenn einem der Ball runter fällt, dass man sich nicht überstürzt bückt. Sonst bekommt man noch Schwindelanfälle.

Es ist vielleicht eine unangenehme Erfahrung festzustellen, dass wir uns nicht mehr so selbstverständlich bewegen, wie wir es gewohnt waren.

Auch beim Autofahren muss man lernen, dass es zusätzlicher Übungen bedarf, um den Anforderungen gewachsen zu sein. In neuen Lebensabschnitten muss man verschiedene Dinge wieder oder neu lernen. Es kommt immer auf die individuelle Bewegungsbiographie an. Jeder Mensch hat seine eigene Bewegungsbiographie. Zur Lebensklugheit gehört, ein eigenes Bewegungsprogramm zu haben. Sonst landet man sehr schnell auf dem Boden.

Und dessen sollte sich jeder und jede bewusst sein!

Ich danke Ihnen sehr für Ihre interessanten Ausführungen, Herr Prof. Bachmaier. Der zweite Teil unseres ausführlichen Gesprächs folgt später unter dem Titel "Mobilität und Geschwindigkeit."

 

Werke von Walter Benjamin:

• Charles Baudelaire, Tableaux Parisiens. Deutsche Übertragung mit einem Vorwort über die Aufgabe des Übersetzers. Heidelberg 1923

• Walter Benjamin. Gesammelte Schriften. Unter Mitwirkung von Theodor W. Adorno und Gershom Scholem hrsg. von Rolf Tiedemann und Hermann Schweppenhäuser. Frankfurt am Main 1991 Bd. I/2: Abhandlungen, S. 435-796.  "Charles Baudelaire. Ein Lyriker im Zeitalter des Hochkapitalismus", 3 Teile: "Das Paris des Second Empire bei Baudelaire", "Über einige Motive bei Baudelaire" u.a.

Fotos: Prof. H. Bachmaier und www.freefoto.com