«Meint ihr nicht, wir kletterten da hoch? Oder war der Aufstieg weiter links?» Im Sitzungszimmer der Schweizerischen Stiftung für Alpine Forschungen in Zürich beugen sich drei weisse Haarschöpfe über ein altes Schwarz-Weiss-Bild des Mount Asgard. Mit ihren Augen folgen die Männer dem Zeigefinger von Jürg Marmet: «Hier war doch der Kamin, in den wir einsteigen mussten. Das Wasser tropfte von oben herab, und alles wurde nass.» Jürg Marmet, Hans Röthlisberger, Hans Weber und Fritz Hans Schwarzenbach standen als Erste auf dem 2000 Meter hohen, zylinderförmigen Mount Asgard auf Baffin Island, der grössten kanadischen Insel, westlich von Grönland gelegen: «Zuoberst hissten wir die Schweizer Fahne, wisst ihr noch?»
Das war am 13. Juli 1953. Nachts um halb zwei Uhr waren die vier Bergsteiger vom Basislager aufgebrochen, am späten Nachmittag erreichten sie den Gipfel, in den ersten Morgenstunden des nächsten Tages waren sie zurück. Noch heute gilt die Besteigung des Mount Asgard mit seinen 1000 Meter hohen, senkrecht aufragenden Wänden als alpinistische Meisterleistung. Für die vier Schweizer war es eine Abwechslung und ein Ausflug an einem ihrer raren freien Tage auf Baffin Island.
Die Wissenschaftler, die in die Kälte kamen
Als Mitglieder einer dreizehnköpfigen internationalen Forschungsexpedition führten sie im Auftrag der Schweizerischen Stiftung für Alpine Forschungen verschiedene Projekte durch: Der Geophysiker Hans Röthlisberger betrieb Gletscherforschung, der Arbeitsphysiologe und Bergführer Jürg Marmet untersuchte die Anpassungsfähigkeit des menschlichen Körpers an die grosse Kälte – seine Versuchspersonen waren seine Schweizer Kollegen –, und der Botaniker Fritz Hans Schwarzenbach studierte die arktische Pflanzenwelt. Der Elektroingenieur Hans Weber schliesslich dokumentierte als Expeditionsfilmer die Forschungsarbeiten in einem 16-mm-Farbfilm.
Kostbare Erinnerungen
Zwölf Filme, jeder vier Minuten lang, und eine Bolex-Kamera wurden Hans Weber von der Schweizerischen Stiftung für Alpine Forschungen mit auf die Expedition gegeben. Zu jeder Filmminute wurde Sorge getragen, mussten darauf doch vier Monate Arbeit auf einem Gebiet so gross wie der Kanton Thurgau festgehalten werden: Expeditionsteilnehmer im Küchenzelt bei Haferbrei und Speck, beim Überqueren von reissenden Gletscherbächen, beim Wasserholen, Studieren von Pflanzen, Schneeeulen und Lemmingen, bei Sprengarbeiten für seismische Untersuchungen auf Gletschern oder schwer beladen bei Materialtransporten von einem Lager zum nächsten.
56 Jahre sind seither vergangen. «Die Erinnerung an diese Zeit ist immer noch gegenwärtig », sagt Jürg Marmet, der später als erster Schweizer auf dem Mount Everest stand. Und wenn er zwischen den Monaten auf Baffin Island und dem Himalaya wählen müsste, sei für ihn die Polarexpedition das noch aussergewöhnlichere Erlebnis gewesen. «Ein Erlebnis, das uns niemand mehr nehmen kann», ergänzt Fritz Hans Schwarzenbach.
Dabei erlebten die jungen Männer auch schwierige Momente. Der Tod eines Expeditionsmitglieds – Ben Battle ertrank in einem Gletschersee – war für sie prägend. «Unser Schutzengel musste manches Mal Überstunden machen», sagt Hans Röthlisberger.
Die Expeditionsteilnehmer blieben auch später miteinander verbunden. Sie wurden den Kindern gegenseitig Paten, und ihre beruflichen Wege kreuzten sich immer wieder.
Hans Röthlisberger arbeitete als Gletscherforscher zuerst in der Schnee- und Eisforschung in den USA und später an der Eidgenössischen Technischen Hochschule ETH in Zürich.
Jürg Marmet, ehemaliger Direktor einer Firmengruppe der chemischen Industrie, war am Institut für Arbeitsphysiologie der ETH unter anderem in der Entwicklung von Sauerstoffgeräten tätig und testete diese auf verschiedenen Himalaya-Expeditionen.
Fritz Hans Schwarzenbach wurde Vizedirektor der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL.
Hans Weber blieb als Elektroingenieur in Kanada und gründete dort eine Familie.
Rekonstruktion nach fünfzig Jahren
2003, fünfzig Jahre nach der Baffin-Island-Expedition, trafen sich die vier Freunde zum Jubiläum im Ferienhaus von Jürg Marmet am Murtensee. Hans Weber kam aus Kanada angereist und brachte die Originalaufnahmen von anno dazumal mit – immer noch in ausgezeichneter Qualität. Die vier Männer beschlossen, den historischen Film neu zu gestalten. Unter der Regie des Filmemachers Marcello Weiss entstand der Dokumentarfilm «Baffin Island, Expedition 1953». Alte Filmsequenzen wechseln darin ab mit Kommentaren der vier Expeditionsteilnehmer; der Bogen, gespannt von den jungen Abenteurern von einst und den älteren Herren von heute, berührt. Die vier Männer sind mit dem Ergebnis zufrieden, einen solch gelungenen Film hätten sie nicht erwartet.
Grosse Dankbarkeit Sie freuen sich über die jungen, sportlichen Männer, die sie einmal waren, und über die Zeit, die sie gemeinsam auf Baffin Island verbringen konnten. Dass sie nun alle über achtzig Jahre alt sind und zum Teil auch gesundheitliche Probleme haben, gehört für sie zum Lauf des Lebens. Da ist kein Hadern, kein Bedauern über unwiederbringlich vergangene Zeiten zu hören.
Vielmehr ist eine grosse Dankbarkeit zu spüren: «Wenn ich heute mit meinem Asbest auf der Lunge eine Treppe hochsteigen kann, dann ist die Leistung mit einer früheren Bergbesteigung vergleichbar, und ich freue mich darüber», sagt Hans Röthlisberger. Vor Kurzem fuhr er mit seiner Frau über den Pragelpass, genoss das Bergfahren und kehrte im Gasthaus Richisau zum Gämspfeffer ein: «Es zählt der Moment.»
Manchmal komme schon eine gewisse Wehmut auf beim Gedanken, dass alles zum letzten Mal sein könne, sagt Jürg Marmet. Jedenfalls denke er hin und wieder daran, wenn er mit seiner Frau in den Bergen unterwegs sei und die Touren immer kürzer würden.
Auch Fritz Hans Schwarzenbach setzt andere Massstäbe, jetzt, wo seine körperlichen Kräfte langsam nachlassen. Für ihn ist es das Wichtigste, bis zuletzt neugierig und offen für Neues zu bleiben: «Dieses Neue kann nicht nur in Grönland oder Spitzbergen, sondern auch ganz in der Nähe entdeckt werden.»
Weitere Informationen DVD:
Die DVD «Baffin Island, Expedition 1953» enthält die Originalaufnahmen von 1953, die von den damaligen Expeditionsmitgliedern aus heutiger Sicht kommentiert werden. Sie dauert 35 Minuten, ist dreisprachig (D/Mundart, F, E) und kostet CHF 35.– (exkl. Porto).
Bestelladresse: Weissfilm GmbH, Chamerstrasse 175, 6300 Zug, Telefon 041 743 12 12, Mail bestellung@weissfilm.ch
Buch:
Das Buch «Baffin Island 1953 – Tagebuch einer Polarexpedition» ist die Abschrift der stenografierten Originalfassung von Fritz Hans Schwarzenbach. Es wird ergänzt durch viele Fotos der damaligen Expedition und kostet CHF 30.–. Bestelladresse: Fritz Hans Schwarzenbach, Kistlerweg 9, 3006 Bern, Telefon 031 356 38 25,Mail fh.schwarzenbach@ kinformatik.ch
Bild: redaktion zeitlupe
|
|
Twittern |