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Die Kunst der Entscheidung

Die Kunst der Entscheidung

"Freiräume und Lebensqualität gewinnen durch rechtzeitige Entscheidung". Mit diesem Vortrag eröffnete Prof. Dr. phil. Helmut Bachmaier die diesjährige interdisziplinäre Vorlesungsreihe des Zentrums für Gerontologie an der Universität Zürich "Späte Freiheiten? Wahl- und Handlungsfreiheiten im Alter".

"Das Schwierigste überhaupt ist zu entscheiden", schrieb Franz Grillparzer. - Nicht das Handeln, sondern die "Initialzündung", die Entscheidung ist schwierig! Prof. Bachmaier führte uns in seinem Vortrag in einem weiten Bogen durch die abendländische Geistesgeschichte. Er erläuterte mit vielen Zitaten und konzentrierten Erklärungen, wie die Philosophen über den Akt des Entscheidens nachgedacht haben. Auch die praktischen Aspekte liess Prof. Bachmaier nicht ausser Acht und betonte die Wichtigkeit, einige Entscheidungen rechtzeitig zu treffen, vor allem im Hinblick auf einen neuen Lebensabschnitt. Die richtige Wahl zum richtigen Zeitpunkt - darin zeigt sich Lebensklugheit.

Jeder Entscheidung geht die Frage nach der Willensfreiheit voraus. Das alte Gleichnis von "Buridans Esel" zeigt das Scheitern aus Mangel an Willenskraft: Ein hungriger Esel steht zwischen zwei Heuhaufen, einer rechts, einer links von ihm. Er kann sich nicht entscheiden, welchen Haufen er zuerst fressen soll. - Schliesslich verhungert er, weil er keinen Ausweg aus diesem Dilemma findet.

Entscheidung in Philosophie und Wissenschaft

Seit Aristoteles hat sich die Philosophie mit Willensbildung und dem Phänomen der Entscheidung befasst: Prof. Bachmaier skizziert die Ideen des Quietismus, von Schopenhauer als Vertreter des Voluntarismus, von Søren Kierkegaard dem Existenzphilosophen, von Karl Jaspers und anderen. Jean Paul Sartre formulierte: "Durch die Entscheidung wird meiner Freiheit und der Wirklichkeit Sinn verliehen."

Nicht nur die Philosophie hat sich mit Entscheidungsprozessen beschäftigt, sondern auch die Mathematik, auf deren Grundlage die Spieltheorie entwickelt wurde. Diese Theorie untersucht, wie Beteiligte im Spiel, aber auch in Konflikten sich verhalten, welche Schritte sich aus den Entscheidungen entwickeln. Darauf stützt man sich in der Wirtschaft, z.B. in Marktanalysen.

Heute wird die Spieltheorie sogar der Evolutionsbiologie zugrunde gelegt. Man interpretiert Leben als ein Spiel, bei dem die besten Gene als Gewinner ihre Zukunft sichern. - Darwin spieltheoretisch interpretiert.

Auch die Entscheidungstheorie ist aus der Mathematik entstanden, der Wahrscheinlichkeitstheorie. Hier werden Wahlkriterien aufgestellt, um bei Entscheidungsprozessen Wahl- und Handlungsalternativen zu definieren.

Alle Entscheidungen basieren auf Kriterien, auf Maßstäben zur Entscheidung. Auch für Entscheidungen im Alter gibt es Grundlagen. Die wichtigsten Grundwerte im Alter, die in Untersuchungen definiert wurden, sind: Sicherheit, Gesundheit, Selbständigkeit, Eigenverantwortung u. a. Diese Werte werden in der Wissenschaft in Normbiographien eingefügt, formale Biographien, die definieren, welche Entscheidungen idealerweise getroffen werden sollten. profbachmaier.jpg

Prof. Dr. phil. Helmut Bachmann, Kulturgerontologe, Universität Konstanz und Wissenschaftlicher Direktor der TERTIANUM Stiftung Schweiz.

Im Alter die richtigen Entscheidungen fällen

Als Beispiel erwähnt Prof. Bachmaier die Wohnungsanpassung. Bei Untersuchungen fand man heraus, dass sich in der Schweiz 60% der älteren Menschen noch nie Gedanken gemacht haben, wie eine angemessene Alterswohnung für sie aussehen sollte! In der gleichen Studie untersuchte man die Standards für altersgerechte Wohnungen in der Schweiz und stellte fest, dass 42% aller Alterswohnungen nicht altersgerecht sind.

Die Forschung - besonders die Marktforschung stellt Kategorien von bestimmten Typen von Menschen auf, denen sie ein bestimmtes Verhalten zuschreibt. Aufgrund der Lebens- und Kaufgewohnheiten, Modepräferenzen treffen die Marktstrategen dann ihre Entscheidungen.

Gesellschaftliche Faktoren beeinflussen unsere Entscheidungen ebenfalls ganz wesentlich: Die Bevölkerungszahlen sprechen eine deutliche Sprache: Die Geburtenrate nimmt ab - eine demographische Zeitbombe. Die Lebenserwartung dagegen ist zwischen 1900 und 2000 um 30 Jahre gestiegen. Als Bismarck 1889 in Deutschland das Pensionsalter von 65 Jahren eingeführte, lag die durchschnittliche Lebenserwartung bei 48 Jahren!

Wenn nun die Lebenserwartung um 30 Jahre zugenommen hat, müssten wir alle 15 Jahre länger arbeiten, um die folgenden 15 Jahre zu finanzieren. - Dem Argument, dass die Älteren den Jüngeren die Arbeit wegnehmen, muss man entgegenhalten, dass immer weniger Jugendliche in den Arbeitsprozess gelangen. Als die AHV 1948 gegründet wurde, blieben einem Rentner / einer Rentnerin statistisch gesehen noch 3 Jahre, um die AHV zu geniessen. Heute sind es 20 Jahre. 1948 betrug das Verhältnis Rentner/Erwerbstätige 9 zu 1; heute ist es ein Verhältnis von 4 zu 1. Für 2040 lautet die Prognose 2 zu 1. Solche Faktoren können nur im Rahmen der ganzen Gesellschaft bewertet und beeinflusst werden.

Es gibt andere Entscheidungen, auf die wir sehr wohl persönlich Einfluss nehmen können. Ein wichtiger Faktor, der Entscheidungen erleichtert, ist Vertrauen. Eine demokratische Gesellschaft wird ja nicht nur von der Gewaltenteilung geprägt, von der Rechtsgleichheit, sondern auch durch Vertrauen. Je arbeitsteiliger eine Wirtschaft ist, desto notwendiger ist Vertrauen. Unser Auto muss der Mechaniker in der Garage funktionstüchtig halten. Ohne Vertrauen in seine gewissenhafte Arbeit sind wir aufgeschmissen. Je differenzierter unsere Welt wird, desto unabdingbarer ist Vertrauen.

Zeit als Entscheidungsfaktor

Für die Kunst der Entscheidung brauchen wir auch ein sinnvolles Zeitkonzept, erklärt Prof. Bachmaier. Ein wichtiges Konzept ist das der Eigen-Zeit, ein Begriff aus der Relativitätstheorie, der ein subjektives Zeitmanagement meint. Die praktische Anwendung beginnt bei der Selbstbeobachtung. Finden Sie heraus, wann Sie was am besten machen. Wenn Sie für Ihre Tätigkeiten den richtigen Zeitpunkt herausfinden, sparen Sie viel Zeit. Entscheiden Sie auch, was Sie noch tun müssen und was nicht! Sie wissen ja, je älter man wird, um so schneller vergeht die Zeit.

Eine der berühmtesten Untersuchungen in der Gerontologie, eine Studie der Yale Universität, fragte nach den Voraussetzungen für ein gutes langes Leben. Nur zwei Dinge sind dafür notwendig:
•·  Ein positives Altersbild und
•·  Man muss sich im Alter eine Aufgabe geben. - "Wer sich im Alter keine Aufgabe gibt, gibt sich selbst auf", sagt Prof. Bachmaier eindringlich. Heute ist bekannt, dass man grundsätzlich bis ins hohe Alter alles erlernen kann. Das alte Sprichwort vom "Hänschen" heisst heute: "Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans immer noch."

Zufriedenheit im Alter

Ein "Newsweek"-Journalist befragte Hochbetagte in aller Welt, was ihrer Meinung nach dazu beigetragen hat, dass sie sich im hohen Alter wohl und zufrieden fühlen. Er stellte fest, dass diese Menschen schon längst gestorben sein müssten, wenn man ihr Leben an den Normen und Kriterien der Wissenschaft messen würde. Diese Menschen leben jedoch mit einem Glauben an etwas, haben eine Aufgabe, sehen einen Sinn im Leben. Sie haben nie aufgehört, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen, und das erhält sie lebendig und gesund.

Einen letzten Aspekt legte Prof. Bachmaier seinem Publikums ans Herz: das Vergessen. Wie oft seufzen wir, dass dies und jenes nicht mehr geht, weil wir so vergesslich geworden sind. Im Alter, betont er, hat man nicht nur eine Pflicht, sich zu erinnern, sondern auch das Recht zu vergessen. - Prof. Bachmaier plädiert für die Kunst des Vergessens: "Sie können eine ganz wichtige Entscheidung im Leben treffen: vergessen zu dürfen."

"Die Kunst der Entscheidung" ist Teil der Lebenskunst. Die Entscheidung macht uns als Person selbständig. Mit unseren Entscheidungen können wir unsere Lebensentwürfe steuern. - Wer die Wahl hat, hat aber auch die Qual. - Zum Abschluss wandelt Prof. Bachmaier ein Zitat von Hugo von Hofmannsthal ab: Die Süsse der Freiheit mischt sich mit der Bitternis der Entscheidungsqual, aber ohne Entscheidung taumelten wir im Ozean unendlicher Möglichkeiten.

"Späte Freiheiten? Wahl- und Handlungsfreiheiten im Alter" Vorlesungsreihe des Zentrums für Gerontologie, 14-täglich am Mittwoch, 18.15 - 19.45 Uhr, Universität Zürich, Eintritt frei, keine Anmeldung erforderlich.