Gesundheit

Depression – die nicht ausgelebte Trauer oder Aggression

Depression – die nicht ausgelebte Trauer oder Aggression

Die Zahl der Depressiven in der Schweiz nimmt rasch zu. Über Ursachen, Symptome und Therapiemöglichkeiten spricht Christian Buschan am 19. März 2009 im Michaelsaal der Pfarrkirche Eschenbach SG.

Einleitung

Die Zahl der in der Schweiz an einer Depression Erkrankten nimmt stetig zu, in den letzten 15 Jahren um das Vierfache. Die langfristige Prognose zu Verlauf und Heilung bei Depressionen wird heute weltweit ungünstiger als früher beurteilt – auch wenn sich die kurzfristigen Prognosen verbessert haben.

Die psychosozialen Ursachen von Depressionen liegen unter anderem in der Tatsache begründet, dass wir Menschen heute nicht mehr so leben (können), wie wir ursprünglich biologisch angelegt und geschaffen sind. Die hohe Dynamik eines tatsächlich „wilden Lebens“ fehlt uns heute völlig, sie wird nutzlos „ersetzt“ durch zum Teil höchst zweifelhafte Aktivitäten (Sucht, Raserei, „Fun and Sun“, „Erlebniswelten“, Risikosportarten, etc.). Ein Teil unserer primären Antriebe wird gar nicht mehr in gesundem Wechsel gespannt und entspannt, weil sie bei vielen Menschen ständig auf hohem Niveau befriedigt werden, z.B. durch Konsum- oder Sicherheitsbedürfnisse. Durch Gewöh­nung nimmt der Gewinn an Lustenergie ab, Routine, Überdruss, Sinnlosigkeitsgefühle und Lange­weile stellen sich ein, Neues muss her. Davon leben ganze Industrien, sogar ganze Länder…

Vielen Menschen fehlen die natürlichen Auslöser zum Aufbau positiver Lebensenergien, sie schrumpfen innerlich und blockieren sich reflexartig, wenn es um intensive, echte, tief gehende menschliche Beziehun­gen geht. Dadurch greifen soziale Isolierung und Vereinsamung in der anonymen Großgesellschaft um sich. Wachsender Konkurrenzdruck verführt zum ständigen Blick durch die Ego-Brille: Bin ich gut und schön genug? Mögen mich denn auch wirklich alle? Bin ich besser als der oder die andere? So wird der Schein wichtiger als das Sein, man verschließt sich, um sich keine vermeintliche Blöße zu geben. Beziehungen wer­den immer oberflächlicher, Ziele immer banaler. Wer sich für sogenannt traditionelle Werte, Ideale und Normen engagiert, wird oft mitlei­dig belächelt oder fertiggemacht. Zustimmung erntet, wer schnellen Lust­gewinn sucht oder ver­spricht. Viele Menschen sind ihrer eigenen Natur und der Natur um sie her völlig ent­fremdet, ihr Leben plätschert sinnentleert dahin.

Wer glaubt, nutzlos und ohnmächtig zu sein, kann nicht mehr persönlich reifen und wachsen, kann keine sekundären, inneren Antriebe mehr aufbauen, das persönliche Wachstum kommt zum Erlie­gen. Durch Ein­engung der Gedanken fahren sich viele in diesen Themen fest, steigern sich in Wut, Ärger, Angst oder Trau­rigkeit hinein, was den Stress nur weiter verstärkt. Doch wir können trotz dieser Bedingungen gesund bleiben oder wieder werden: Durch das Trotzen gegen diese (uns nicht selten von uns selbst auferlegten) Bedingun­gen. Logotherapeuten sprechen hier von der „Trotz­macht des Geistes über Leib und Seele“ (Viktor E. Frankl). Langfristig hilft Psychotherapie wirksamer als Medikamente. Medikamente können Depressionen – geschweige denn deren Ursachen – nicht wirklich heilen, sondern am Anfang der Behandlung nur erträgli­cher machen.

Die Kriterien der aktuell depressiven Persönlichkeit:

  • still, introvertiert, passiv, zurückhaltend, alles schwer nehmend, Gefühle von Leere;
  • grüblerisch, sorgenvoll, trübsinnig, pessimistisch, ohne Humor, lustlos;
    perfektionistisch, selbstkritisch, Selbstvorwürfe/-abwertung, ohne Selbstvertrauen;
  • skeptisch, kritisch gegen andere, schwer zufrieden zu stellen, unentschlossen;
    gewissenhaft, verantwortungsbewusst, selbstdiszipliniert, streng bis rigide;
  • mit negativen Ereignissen beschäftigt, Insuffizienz-/Versagensgefühle, freudlos;
    verminderter Antrieb, verlangsamte Motorik, maskenhaft versteinerte Gesichtszüge;
  • sich wiederholende Veränderungen wie z.B. "Morgentief", "Winterdepression", Schlafstörungen.

Ein häufiges, Depressionen förderndes Reaktionsmuster

Perfektionismus - hohe Anforderungen an sich selbst - Angst, zu versagen - wahrgenommenes Versagen - Selbstkritik -  Schuldgefühle -  Selbsthass -  Gedanken an Tod und Suizid (jede/r 9. Depressive bringt sich um; Angst 1996)

Depression ist nicht gleich Depression

Fachleute unterscheiden zahlreiche Ursachen, Formen und Ausprägungen von Depressionen. Die noogene Depression (vom „Sinn-Vakuum“ ausgehend) zeichnet sich aus durch Verdrießlichkeit, Langeweile, innere Leere, Sinnlosigkeitsgefühl, Orientierungslosigkeit.

Die vier psychogenen Depressionsformen (vom Seelischen ausgehend) sind die reaktive und die neurotische Depression, die Erschöpfungsdepression und die larvierte Depression. Die Ursachen psychogener Depres­sionen liegen in den "3V": Verlust, Vergötzung, Vakuum. Die Therapie­schritte sind: Durchleben von Gefühlen; Durcharbeiten der Konflikte; Urvertrauen zurückgewinnen; Ermuti­gung; Blick auf das noch Heile, auf die Ressourcen; Wandlung und Neu­orientierung mit schrittweiser gezielter Aktivierung; Unterstützung durch körperliche Betätigung, praktische Hilfe in Alltag und Beruf, evtl. unterstützende Medikamente.

Weiter unterscheidet man somatogene Formen (vom Körperlichen ausgehende Depressionen): Erstens die hirnorganische Depression (z.B. in der Folge von Hirnkrankheiten. Zweitens die Altersdepression, z.B. wegen Nachlassen der Körperfunktionen oder durch Partnerver­lust, Kinder aus dem Haus, Pensionierung, etc. Und schließlich drittens die so genannten organischen, "endogenen" Depressionen: depressive Episoden leichten bis schweren Grades mit Unterbrechungen, in denen normale Stimmung vorherrscht; oder manisch-depressive Episoden, das heißt Wechsel von depressiven und manischen (euphorisch erregten) Phasen.

Es wird hiermit auch jedem Laien deutlich, wie wichtig es ist, Ursachen und Wirkungen auseinanderhalten zu können. Auch hierzu vermittelt der Vortrag einige nützliche Hinweise für den Alltag.

Grundsymptome der Depression

Depressive Verstimmung: Tiefe "vitale" Traurigkeit; Unfähigkeit, sich zu freuen; Gefühlsverlust, innere Leere, Unruhe, Angst (die Melancholie ist keine Depression, sie zählt zu den Psychosen)

Denkhemmung: Depressive Gedankeninhalte, Konzentrationsstörung, Grübeln, Interesselosigkeit, Entschlussunfähigkeit, in schweren Fällen depressive Wahnideen (Verarmung, Versündigung, Versagen), Suizidgedanken

Psychomotorische Hemmung oder Erregung (Antriebsstörung): Bewegungsarmut, Maskengesicht, allgemeine Verlangsamung, Initiativelosigkeit, oder aber: äußere Unruhe, Getriebenheit, leerer Beschäftigungsdrang

Somatische / vegetative Störungen (können, aber müssen nicht immer vorhanden sein):

  • Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Schwindelgefühl
  • Mundtrockenheit, Druck- und Engegefühl im Hals und über der Brust
  • Schweißausbrüche, Herzklopfen, Herzbeklemmung, inneres Beben
  • Gewichtsabnahme, (chronische) Magen- und/oder Verdauungsprobleme
  • Harndrang, Unterleibsschmerzen, gestörte Sexualfunktion
  • Rheuma oder ähnliche chronische Schmerzzustände
  • allgemein: Kraftlosigkeit und fehlende Frische, rasche Erschöpfbarkeit

Schlüsselfragen bei Depressionen

In der Therapie helfen bei Depressionen folgende Fragen weiter: Können Sie sich noch freuen? Wie steht es mit Ihrem Interesse, ist es noch wie früher? Sind Sie weniger initiativ als noch vor Wochen? Fühlen Sie sich tagsüber erschöpft, ohne Schwung? Fühlen Sie sich nervös, innerlich angespannt, ängstlich? Haben Sie Mühe, Entscheidungen zu treffen? Wie können Sie schlafen? Haben Sie Schmerzen, haben Sie einen Druck auf der Brust? Wie ist Ihr Appetit, hat sich Ihr Gewicht in der letzten Zeit verändert? Haben Sie Schwierig­keiten in sexueller Hinsicht? Neigen Sie in letzter Zeit vermehrt zum Grübeln? Plagt Sie das Gefühl, Ihr Leben sei sinnlos geworden? Haben Sie schon einmal daran gedacht, sich selbst das Leben zu nehmen?

Abgrenzung zwischen Traurigkeit und Depression: An eine Depression ist zu denken, wenn der Zustand ununterbrochen über Wochen oder Monate besteht, wenn das Beschwerdebild als quälend, als nicht abschüttelbar oder gar als „fremd“ empfunden wird, wenn das Leid nicht durch liebevolle Zuwendung von Angehörigen oder Freunden zu mildern ist. Weiter wenn Interesselosigkeit oder die Unfähigkeit, sich über etwas zu freuen, oder sich entscheiden zu können, Grübelzwang und Tendenz zur Selbstisolation bestehen.

Ressourcenorientierung statt Pathologisierung

Das Mobilisieren positiver Gefühlsenergien (und das Beginnen dementsprechender Aktivitäten) kann durch ehrliches Beantworten zum Beispiel folgender Fragen eingeleitet werden: Welche geistig-kulturellen Tätig­keiten haben mich früher mit Freude erfüllt? Was verschaffte mir Gefühle von völliger Hingabe und Erfül­lung? Welche kulturellen Themen, gesellschaftlichen Werte, oder das Anstreben welcher Ideale, haben Hochgefühle in mir ausgelöst? Welche „Sinn-Inseln“ ragen aus dem Meer meiner Möglichkeiten und Erfah­rungen? Wann, wo und wie bin ich hilfsbedürftigen Menschen beigestanden? Dort und darin war Sinn! Habe ich für mich und für andere immer das Beste aus mir herausgeholt? Kann ich positive Rückmeldungen als Kraftquelle für Neues sehen und nutzen? Habe ich verstanden, dass der Wert meiner Person nicht von meinen Handlungen und Leistungen abhängt – und schon gar nicht vom Urteil anderer? usw.

„Was Moralapostel, Spießer und Kleingeister reden, ist mir egal!“ Wenn wir so etwas aus tiefstem Herzen – und nicht etwa nur aus einfacher Freude am kindgemäßen Widerstand – sagen können, ist unsere Trotzmacht des Geistes bereits mobilisiert. Bis zum letzten Atemzug haben wir die unbe­dingte Freiheit, uns selbst zu unabänderlichem Schicksal so oder anders einzustellen. Wir Menschen sind in der Lage, unser Leiden in eine humane Leistung zu verwandeln! Selbst unsere Ungeduld – wir möchten so rasch als möglich wieder gesund werden – können wir mit der Trotzmacht des Geistes zähmen.

Alltagserfahrungen zeigen, dass regelmäßige und intensiv ausreichende körperliche Bewegung einen sehr günstigen Einfluss auch auf das seelische Wohlbefinden hat. Intensive Naturreize haben zusätzliche bele­bende und „aufladende“ Wirkungen, Spannungen werden abgebaut. Das lustvolle Funktionieren des Körpers schafft tiefe Freude. Die guten Heilwirkungen von Bewegung und Sport sind auch bei Depression wissen­schaftlich untersucht und nachgewiesen worden.

Zwischenmenschliche Blockaden können und sollen gelöst werden, denn sie belasten unsere innere und äußere Zukunft. Sich versöhnen können ist etwas vom Schönsten, was uns geschenkt werden kann – doch es ist eine zielgerichtete humane Vorleistung von uns verlangt. Wenn wir diese zu lei­sten willig und im Stande sind, ist der Weg frei in eine unbeschwertere, sanftere und liebevollere Zukunft.

Autor dieses Beitrags:

Christian Buschan, MSc phil. nat., dipl. Logotherapeut und Existenzanalytiker SGLE
Obere Allee 3, CH-8734 Ermenswil / SG, Tel. 055 282 51 00, christian.buschan@bluewin.ch , www.buschan.ch

Vortrag vom 19. März 2009 in der Gemeinde Eschenbach SG (Details siehe Flyer)


Informationen, Anlaufstellen und Literatur

Dachverband zur Suizidprävention in der Schweiz: www.ipsilon.ch
Die Dargebotene Hand, Tel. 143, oder: www.143.ch
Beratungstelefon für Kinder und Jugendliche: Tel. 147, oder: www.147.ch 
Hansch Dietmar: „Erste Hilfe für die Psyche“, Verlag Springer (2003)
Hautzinger Martin: „Kognitive Verhaltenstherapie bei Depressionen“, Verlag BELTZ (2000)
Hell Daniel: „Welchen Sinn macht Depression? Ein integrativer Ansatz“, rororo-Sachbuch (2006)
Hell Daniel: „Die Sprache der Seele verstehen – Die Wüstenväter als Therapeuten“, Verlag Herder (2006)


Bild: veith mali, visipix.ch