Wir haben bislang personell eher ein qualitatives als ein quantitatives Problem in den
Pflegeheimen. Aus Erfahrung kann ich sagen, dass die jüngsten Vorfälle, wobei demente
Patientinnen in ihrer Würde massiv verletzt und körperlich angegriffen wurden, eher nicht
eine Folge der Überarbeitung von Pflegenden waren. Wie können solche inakzeptablen
Übergriffe, nicht einer einzelnen Pflegenden, sondern von einer ganzen Gruppe überhaupt
entstehen? Da stellen sich grundsätzliche Fragen auch an die oberste Betriebsführung. Wie
werden neue Mitarbeitende ausgesucht und in ihre Aufgabe eingeschult? Gibt es eine
formulierte Wertekultur mit entsprechenden Qualitätsstandards? Wenn ja, werden diese
auch mittels Fort- und Weiterbildung vertieft und permanent geschult und wird der Erfolg auch kontrolliert? Wie funktioniert die innerbetriebliche Kommunikation und existiert eine offene und aktive Konfliktkultur?
Leider erfährt die Altersarbeit im Sozial- und Gesundheitsbereich nicht die Wertschätzung in
der Gesellschaft, die sie verdient. Es lässt sich auch nachweisen, dass, wenn es in der
Wirtschaft gut läuft, sie aus diesen Berufsgruppen gute Fachkräfte abzieht. Die Gründe
liegen meist im weit höheren Berufsstatus, in Arbeitszeiten, die dem privaten sozialen
Umfeld besser entsprechen und letztlich auch im Finanziellen. Das zu geringe Ansehen aller
Berufe, die mit Geriatrie und Gerontologie zu tun haben in unserer Gesellschaft, macht uns
Sorgen insbesondere für die Zukunft. Das gilt auch für die ärztlichen Berufe: Ein Chirurg,
Orthopäde oder Augenarzt geniesst ein sehr viel höheres Ansehen als ein Geriater.
Dass die würdevolle und kompetente Begleitung demenziell erkrankter Menschen grosse
Anforderungen an die Pflegenden stellt, steht ausser Frage, und es ist sehr
anerkennenswert, wie die überwiegende Mehrzahl der Pflegenden die täglichen
Herausforderungen bravourös meistert. Nur wenn die Pflegenden gut auf diese Aufgabe
vorbereitet sind und in einem Umfeld arbeiten können, wo offen kommuniziert wird und
Konflikte thematisiert und bereinigt werden, dann sind die Voraussetzungen gegeben, die
den Patienten eine möglichst hohe Lebensqualität gewährleisten.
Die terzStiftung weist darauf hin, dass selbst in die Altersforschung nur spärlich investiert
wird, obwohl die verantwortlichen Politiker und Entscheidungsträger den demographischen
Wandel mit seinen Auswirkungen bestens kennen und schon lange handeln müssten.
Gleiches gilt auch für zukunftsweisende Massnahmen, die den Mitarbeitenden in der
Altersarbeit bessere Voraussetzungen für ihre wertvolle Berufstätigkeit schaffen. Es geht dort
aus unserer Sicht primär mehr um Anerkennung, darunter verstehen wir die Investition in
Fort- und Weiterbildung, ganz besonders auch für Teilzeitbeschäftigte und ältere
Mitarbeitende, ohne die heute schon einige Häuser nicht mehr voll betrieben werden
könnten.
Es ist eine grosse gesellschaftspolitische Herausforderung, in welcher Wertekultur wir den
demographische Wandel generationengerecht und generationenverträglich gestalten. Wir
hoffen und setzen uns voll dafür ein, dass die Würde ganz besonders von demenziell
erkrankten alten Menschen nicht verletzt wird. Wenn die Pflegenden nicht unumstössliche
Werte verinnerlicht haben, steigt die Gefahr, dass sie ihre Patienten menschenunwürdig
behandeln, wie jene drei ehemaligen Mitarbeitenden aus dem Pflegeheim Entlisberg. Wer –
aus welchen Gründen auch immer – wehrlose Menschen demütigt, hat in der Altenpflege
keinen Platz. Was passiert ist, ist sehr bedauerlich. Einerseits mit Blick auf die betroffene
Patientin, aber auch mit Blick auf einen ganzen Berufsstand, der im täglichen Geschehen
ausgezeichnete Arbeit verrichtet. Ihnen sei herzlich gedankt.
René Künzli
Präsident der terzStiftung
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Alterspflege - quo vadis?