Gesundheit

«Älterwerden gehört zum Leben»

«Älterwerden gehört zum Leben»

Karin Zahner im Interview mit Prof. Dr. theol. Alberto Bondolfi, 63, Professor für Ethik an der Universität Lausanne.  

 

Was halten Sie von der These, dass Altern eine Krankheit ist, die der Mensch überwinden wird?
Nichts. Älter zu werden, ist keine Krankheit, sondern ein Prozess, der mit dem Leben wesentlich verbunden ist. Wir können und dürfen einen solchen Prozess gestalten, indem wir versuchen, die Lebensqualität zu erhalten und zu fördern. Die grundsätzliche Endlichkeit unseres Lebens bleibt aber bestehen und sollte uns ständig vor Augen bleiben.

Dann sollte man das Altern also nicht mit allen Mitteln zu bekämpfen versuchen?
Ein solcher Kampf ist grundsätzlich zwar genauso legitim wie der Versuch, Krankheiten und Schwächen mit den Mitteln der Medizin zu überwinden. Dabei ist es aber wichtig, unsere Allmachtsträume kritisch zu hinterfragen und uns keinen Illusionen über die grundsätzliche Sterblichkeit unserer Existenz hinzugeben.

Soll die Medizin künftig alles machen dürfen, was sie machen könnte?
Sicher nicht. Die Wahl der sinnvollen und die Vermeidung der sinnlosen Möglichkeiten sollte sich aber nicht nur an moralischen Massstäben orientieren, sondern auch an Kriterien der gesellschaftlichen Rationalität, also auch an der Gerechtigkeit. Medizinische Errungenschaften sollten gerecht verteilt werden. Somit stehen ethische Überlegungen im Mittelpunkt der Reflexion und der Praxis.

Was halten Sie von der Anti-Aging-Medizin?
Das Stichwort Anti-Aging-Medizin kann vielerlei bedeuten. Einige Errungenschaften sind sinnvoll, andere wiederum sind eine raffinierte Form von Kommerz. Als Nicht-Mediziner liegt es nicht in meiner Kompetenz, darüber zu urteilen. Von den Gesundheitsbehörden zusammengestellte interdisziplinäre Gremien sollten hier Spreu und Weizen unterscheiden.

Muss Anti-Aging-Medizin von der Krankenkasse bezahlt werden?
Meines Erachtens ist es – wie gesagt – Aufgabe des Staates, wirksame Errungenschaften festzulegen. Diese sollten dann allen Versicherten zur Verfügung stehen, wenn sie ihnen vom Arzt verschrieben werden. Grundsätzlich haben alle Menschen einen Anspruch auf wirksame Medikamente, welche die Lebensqualität im Alter wesentlich verbessern. Eine Zweiklassenmedizin ist ethisch nicht zu legitimieren. Mittel, die nicht unbedingt notwendig sind, werden denjenigen Menschen zur Verfügung stehen, die sie selbst bezahlen wollen. Luxus war schon immer ein Privileg von wenigen – das kann man auch im Alter nicht ändern. Ein starker Staat sollte aber in der Lage sein, dass alle in den Genuss des Notwendigen kommen. Die Definition dieses Notwendigen ist natürlich keine leichte Sache.

Ist es heute schwieriger, alt zu sein, als früher?
Ich glaube eher, es ist leichter geworden. Wir sind im Vergleich zu früher weniger von der Natur und ihren Zerfallserscheinungen abhängig. Dank der heutigen Medizin können wir Krankheitsprozesse hinausschieben, lindern und zum Teil auch überwinden. Frühere Generationen konnten solche Errungenschaften kaum geniessen.

Wie ging man denn früher mit dem Älterwerden um?
Früher waren Resignation und Passivität vorherrschend. Man konnte sich jedoch mit religiösen oder philosophischen Argumenten und Visionen trösten. Die leibliche Existenz war schwer ertragbar, dafür war das gesellschaftliche Ansehen alter Menschen höher, als es heute der Fall ist. Der Abschied aus der Arbeitswelt war auch eher sanft. Heute ist dieser Abschied für viele – vor allem für nicht privilegierte Menschen – eher hart.

Wir werden zwar älter, stehen dem Alter aber auch ambivalenter gegenüber. Warum ist das so? Die Angst vor der Vereinsamung und der Verlust an gesellschaftlicher Anerkennung verursachen eine gewisse Ambivalenz. Älter zu werden, beinhaltet zugleich ein schärferes Bewusstsein, dass der Tod bald kommen wird. Je nachdem, wie das bisherige Leben gelaufen ist, zieht man verschiedene Bilanzen der eigenen Biografie. Je nachdem, ob man die eigenen Erwartungen realisieren konnte oder nicht, sind Enttäuschungen manchmal unvermeidbar. 

Ein Fachmann für Ethik und Medizin
Alberto Bondolfi wurde 1946 im Tessin geboren. Er studierte Philosophie und Theologie und ist heute in unterschiedlichen Funktionen an mehreren Universitäten tätig. Er ist Mitglied der Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin, der Akademie Ethik in der Medizin, im Verband italienischer Moraltheologen, in der Gruppe «Stammzellen und Embryonenforschung» bei Science et Cité. Sein Schwerpunkt in Forschung und Lehre liegt auf Medizinethik, Recht und Ethik, Ethik und Politik, Sterbehilfe, Transplantationsmedizin sowie Telemedizin. Prof. Dr. theol. Alberto Bondolfi, 63, Professor für Ethik, Universität Lausanne.


Bild: redaktion zeitlupe