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Von der Unfreiheit des freien Willens

Von der Unfreiheit des freien Willens

Ist Willensfreiheit eine subjektive Illusion? Unterliegen wir ohnmächtig der Unfreiheit unseres Willens? Bedeutet Willensunfreiheit auch Freiheit von Schuld? Prof. Dr. Eugen Drewermann in einem tiefgründigen Vortrag über Freiheit, Determination und die Folgen.

Im voll besetzten Kunsthaussaal, veranstaltet vom Institut für Philosophie und Ethik Zürich (IPE), konfrontierte der renommierte, streitbare Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann seine Zuhörer mit diesen Fragen und lenkte sogleich mit einem Zitat von Spinoza die Aufmerksamkeit auf den wichtigsten Punkt, das Bewusstsein: „Wenn die Steine ein Bewusstsein hätten, würden sie meinen, selbst entscheiden zu können, wann sie fallen." 

drewermann_signiert_ii.jpgDrewermann versuchte an diesem Abend eine Synthese der Grundwahrheiten des Christentums mit Einsichten aus Psychoanalyse und modernen Naturwissenschaften zu verbinden. Freier Willen und Schuldfähigkeit sind als erstes zu prüfen. Das Christentum postuliert die Freiheit des Menschen im Unterschied zum Tier und leitet davon seine Schuldfähigkeit ab. Aus der Pflicht, das Gute tun zu müssen, resultiert die Konsequenz der Strafe, wenn man die Gesetze übertritt. - Schuld, Strafe, Sünde, Sühne, darüber denken die Theologen seit den Anfängen des Christentums nach!

"Wenn du gute Werke tun willst, musst du schauen auf die Person"

Martin Luther fordert, aus der Perspektive der Person, nicht von der Tat her zu urteilen. (in: "Von der Freiheit eines Christenmenschen"). - Die handelnde Person, der Täter steht im Blickpunkt, nicht die Tat, anders als in unserem Justizsystem, wo von Gesetzes wegen ein Mensch für eine Tat beurteilt wird. Für Drewermann muss aber der Mensch im Mittelpunkt stehen, denn "das Gesetz sagt dir nur, was du tun sollst; es gibt dir nicht die Kraft dazu" (Martin Luther). Entsprechend der Güte, die ein Mensch erfahren und selbst entwickelt hat, kann er gut handeln. Darin zeigt sich auch, dass er seine eigene Persönlichkeit erkannt, seine Identität gefunden hat.

Das Revolutionäre an Jesus, erklärt Drewermann, liegt darin, dem Schuldbeladenen die Möglichkeit zu bieten umzukehren und sich einzuordnen (Gleichnis vom guten Hirten, Lukas Kap. 15). Jesus lehrt, dass vor Gott keiner verloren ist und niemand das Recht hat, über den anderen den Stab zu brechen. Indem Jesus gekreuzigt wird, nimmt er unser aller Schuld auf sich und verursacht damit ein "Karfreitags-Erdbeben in der Menschheitsgeschichte", wie Drewermann sich ausdrückt. In Jesu Augen sehen wir den Verlorenen, den Hilflosen gespiegelt.

Was ist Schuld bei Verfehlungen, Verirrungen? Je näher ein Mensch uns steht, desto eher sind wir geneigt, uns zu fragen, was diesen Menschen bewegt und was in uns selbst vorgeht. Echte christliche Einstellung zeigt sich im Umgang mit Menschen darin, ob unsere Absicht Helfen oder Richten ist.

Das führt uns zur Psychoanalyse. Drewermann drückt es pointiert aus: In seiner Intention, den Menschen verstehen zu wollen, um ihm zu helfen, lehrt der Jude Sigmund Freud den echten Grundgedanken des Christentums.

Die Beweggründe von Verhalten und Handeln durch die Analyse der Seele  zu finden, impliziert, dass der Mensch nicht völlig frei ist! - Den "freien" Menschen kann man nicht verstehen. - Nur wenn Kausalität und Determinismus den Willen lenken, kann Psychoanalyse Ursachen von Handlungen ergründen, kann Psychotherapie aus alten Verstrickungen heraushelfen.

Psychoanalyse und neurologische Forschungen

Verneint also Freud jegliche Freiheit beim Menschen? Nein, Freiheit muss erworben werden. Erst wenn sich aus dem Unbewussten ein Bewusstsein bildet, wird echte Entscheidung möglich. "Wo ES ist, soll ICH werden." Freiheit ist eine Kulturleistung.

War die Psychoanalyse zur Wende zwischen 19. und 20. Jahrhundert eine revolutionäre Lehre, so sind es in den letzten Jahrzehnten die verschiedenen Zweige der Neurologie, der Hirnforschung, der Biochemie usw. Neurophysiologische Forschungen bestätigen heute Erkenntnisse, die zu beweisen für Freud vor 100 Jahren ein unerfüllbarer Wunsch bleiben musste: zum Beispiel, dass das Kind im Mutterbauch die Gefühle der Mutter wahrnimmt. An verschiedenen Beispielen erklärt Drewermann, dass die Entwicklung des Kindes von 8 Monaten vor der Geburt bis zu 8 Monaten nach der Geburt darüber entscheidet, ob der werdende neue Mensch später seine Gefühle ungehindert ausdrücken kann oder gefühlsmässig "behindert" sein wird. In dieser Zeit verfügt das Kind nicht über einen freien Willen, es hat keine Freiheit, postuliert Drewermann. Aber ob es sich später in seiner Entwicklung zu einem Menschen entwickeln kann, der seinen freien Willen verantwortungsvoll einsetzt, das entscheidet sich in diesen 16 Monaten.

Noch einmal zurück zum psychotherapeutischen Ansatz: Wenn Sie helfen wollen, führt Drewermann aus, dann kommen Sie mit "Freiheit" nicht weit. Sie müssen eine empathische, therapeutische Haltung einnehmen, um den Täter zu verstehen. Um den Alltag leichter zu bewältigen, verweigern wir uns dieser Empathie häufig, denn sich in andere, anfällige Personen zu versetzen, fordert unsere Persönlichkeit heraus.

Die neurologischen Forschungen sind zu Erkenntnissen vorgestossen, die noch schwerer zu begreifen sind: Benjamin Libet hat herausgefunden, dass gewisse Bewegungen der Hand, neurologisch gesehen, nicht als freie Entscheidung deklariert werden können. Hirnströme in bestimmten motorischen Zentren zeigen, dass das Gehirn die Bewegung schon vorausgesehen hat, bevor sie ins Bewusstsein gelangt ist.

Wo bleibt hier der freie Wille? Er ordnet sich dem instinktiven Schutz des Körpers in der Gefahrensituation unter. Aus Unfällen ist uns bekannt, dass der rettende Sprung aus der Gefahr geschieht, bevor wir uns bewusst werden, was geschieht. Unsere Motorik funktioniert besser, wenn wir nicht an die aktuelle Situation denken. Auch andere Methoden, z.B. die Hypnose, die durchaus therapeutisch eingesetzt werden kann, bedient sich dieser Umgehung des Bewusstseins.

Ist der Mensch doch nicht frei in seinen Entscheidungen?

Unser Bewusstsein strebt eine Verbindung von Erfahrung und Erleben an. Bewusstsein gehört zu den integrierenden Voraussetzungen, die ihn zum Menschen machen, ebenso wie Sprache und die Fähigkeit, fürsorglich zu handeln. Aus der Kontinuität des Erlebens und der Möglichkeit, vergleichen zu können, bildet sich das Ich, das sich als Schöpfer des eigenen Handelns versteht. Hier hält sich Drewermann an die kantischen Definitionen. Freiheit kann nicht mit naturwissenschaftlichen Methoden definiert werden, die Einheit des Bewusstseins ist auch mit modernsten Forschungsmethoden nicht erkennbar.

Drewermann stellt die These auf: Freiheit kann nur in einem Raum des Vertrauens erworben werden. Der Mensch muss sich in Beziehung setzen zu seinen Mitmenschen und sich ihnen freiwillig öffnen. Dies kann als Geschenk empfunden werden, als Erlösung aus den Ängsten, die sich nur auflösen, wenn Vertrauen besteht.

atem_des_lebens_band_2_die_seele.jpgInteressierte, die sich in dieses Thema vertiefen möchten, verweist Eugen Drewermann auf sein Buch Atem des Lebens, Band 2: Die Seele, 2007, Patmos Verlag.

Quasi als Zugabe erzählte Drewermann eine chassidische Geschichte:

Der Rabbi möchte seine Schüler prüfen und stellt ihnen folgende Frage: "Stellt Euch vor, ihr geht in der Stadt am Laden eines Goldschmieds vorbei. Ihr seht die Tür offenstehen, der Goldschmied ist abwesend und der Laden voller Gold. Wie handelt ihr?" Der erste Schüler antwortet: "Ich mache die Augen fest zu, nehme mich zusammen und gehe schnurstracks vorbei." - "Nichtsnutz", ist die Reaktion des Rabbi. Der zweite Schüler: "Ich mache mir diese Situation zunutze, schleiche mich rein und packe so viel Gold in meine Taschen, wie ich kann." - "Schuft", antwortet der Rabbi und fragt seinen dritten Schüler. Dieser antwortet: "Wie weiss ich jetzt, wer ich in jenem Moment bin - Gott helfe mir - und wie ich dann handeln werde?"

Weitere Informationen über Eugen Drewermann

 

 

Kommentare

O. K., O.K. Doch diese Gedanken haben auch ohne "Christentum" ihre Richtigkeit.