René Künzli, Präsident der terzStiftung, Mitglied im Stiftungsrat Pro Seniorweb und Präsident des Verwaltungsrates. Das Wort Pflegeheim weckt vermutlich wenig positive Assoziationen. Viele denken an endlose Flure, an anonyme Massenabfertigung oder an Siechtum und Tod. Erwartungsgemäss steigt mit höherem Lebensalter der Anteil von Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen Hilfe erhalten. In der gesamten Schweiz werden derzeit rund 40% der pflegebedürftigen Personen in einer Pflegeeinrichtung (Pflegeheim) und 60% zu Hause gepflegt. Die familiäre Unterstützung für ältere Menschen erhalten diese von durchschnittlich 1.7 bis 1.8 Personen. In mehr als einem Drittel der Fälle ist der Partner bzw. die Partnerin die hauptsächliche Hilfs- und Pflegeperson. An zweiter Stelle der nicht-institutionellen Pflege stehen die eigenen Kinder.
Versorgung und Betreuung rund um die Uhr
Heute leben 60% der pflegebedürftigen älteren Menschen in ihrer eigenen Wohnung oder bei Verwandten. In Zeiten sinkender Geburtenraten, steigender Ehescheidungen und in der Arbeitswelt geforderter Flexibilität und Mobilität werden jedoch im Pflegefall immer weniger Menschen von Angehörigen versorgt werden können. Zudem werden die pflegenden Angehörigen (meist Töchter oder Schwiegertöchter) immer älter und sind als über Sechzigjährige der Last, eine Neunzigjährige zu versorgen, kaum noch gewachsen. Auch der Wohnungseinrichtung ist in vielen Fällen auf die Erfordernisse älterer Menschen nicht mehr ausgerichtet. Viel zu lange wurde für junge Familien gebaut. Die meisten Menschen möchten so lange wie möglich zu Hause leben, auch unter Bedingungen von schwerer Hilfe- und Pflegebedürftigkeit. Freilich gibt es Situationen, in denen die Pflege in einem Heim vorzuziehen ist. Schliesslich gewährleisten Pflegeheime eine professionelle Versorgung und Betreuung rund um die Uhr. Doch die Pflegebedürftigen möchten auch im Alter zumindest in der Nähe von Verwandten, Freunden und Bekannten leben.
Daher ist es sinnvoll, sich frühzeitig nach einem passenden Heim in der näheren Umgebung umzusehen. In der Regel verfügen die Kantone über entsprechende Verzeichnisse. In der Schweiz gibt es annähernd 1'600 Alters- und Pflegeheime. Die Grösse einer Einrichtung kann über die Qualität per se kaum etwas aussagen, vielmehr ist der Gesamteindruck entscheidend. Ein grosses Haus kann mehr kulturelle Veranstaltungen anbieten, ein kleines mag familiärer sein. Das durchschnittliche Eintrittsalter in ein Pflegeheim liegt zwischen 83 und 85 Jahren, bei einer Verweildauer von rund 17 Monaten. Doch lohnt es sich in jedem Fall, für den Bewohner und die Angehörigen, das passende Haus herauszufinden.
Keine Marktübersicht mit Standards
Mit der steigenden Zahl von Pflegebedürftigen wächst auch der Wettbewerb unter den Betrieben. Leider fehlt es heute immer noch an einer Marktübersicht mit Standards wie den Sternenkategorien in der Hotelbranche. Deshalb sollte der Interessent sich mit Freunden oder Bekannten mehrere Heime ansehen. Ideal wäre ein Ferienaufenthalt (Schnupperwoche) um selber zu spüren, ob die Heimkultur und der Service den jeweiligen Vorstellungen entsprechen. Oft kann schon die Auswahl der Speisen auf der Menükarte eine Entscheidungshilfe sein. Gibt es Menüwahl und zusätzliche diätische Mahlzeit?
Welcher Geist herrscht im Haus?
Auch das Informationsbrett ist ein aussagekräftiger Informant. Es gibt Auskunft darüber, welcher Geist im Haus herrscht, welche kulturellen, sozialen und religiösen Aktivitäten organisiert werden. Eine jahreszeitliche Dekoration im Eingangbereich und auf den Fluren vermittelt ebenfalls den Eindruck einer liebevollen Führung des Hauses. Ebenso wichtig ist die Erreichbarkeit. Das Gebäude sollte im Ganzen einen guten Eindruck machen. Die Wohnetagen und die Möbel sollten keine klinische Atmosphäre vermitteln. Vorsicht ist geboten, wenn ein Haus einen ungepflegten Eindruck hinterlässt, z.B. abgefahrene Ecken an den Flurwänden, kaputte Bodenbeläge, Tapeten oder Vorhänge Wartung vermissen lassen. Um sich im eigenen Zimmer heimisch zu fühlen, kann entscheidend sein, ob eigene Möbel mitgenommen werden dürfen und wie viele eigene Möbel, Bilder und Bücher Platz finden. Anschlüsse für Medien wie Fernsehen, Computer und ein Notrufknopf am Bett und im Bad gelten als Standard.
Ambiente eines Pflegebads
Wie im normalen Wohnungsbau fristet häufig das Bad ein Schattendasein als kalter Funktionsraum. Oft hapert es auch an notwendigen Ablageflächen. Im Fall hoher körperlicher Einschränkung ist Rollstuhlgängigkeit von Bedeutung: Die ideale Bewegungsfläche sollte mindestens 4,5 Quadratmeter betragen. Darüber hinaus ist eine gute Ausleuchtung aller Räume entscheidend, um sich sicher zu fühlen. Auch das Ambiente eines Pflegebades gibt Aufschluss über die Philosophie des Hauses: Ist es klinisch und kalt, oder hat es die Atmosphäre einer kleinen Wellness-Oase mit Holzregalen, bunten Handtüchern, Pflanzen, Musikanlagen und Lichtspiel? Auch das Angebot eines im Haus ansässigen Friseursalons sowie einer medizinischen Fusspflege kann das körperliche und letztlich auch seelische Wohlbefinden steigern.
Auf Bewohner zugehen
Doch: Wie gehen die Pflegenden mit den Bewohnern um? Wer dem Verdacht der Unterversorgung von Angehörigen nachgehen will, sollte die hierarchische Reihenfolge der Verantwortlichkeiten einhalten: Ein Gespräch mit der Pflegedienstleitung und danach mit der Heimleitung kann viel bewirken. Wenn diese nicht fruchten, sollte man in letzter Instanz das zuständige Amt im Kanton einschalten. Wer sich solch ein Prozedere ersparen und bei der Wahl des Heims einer Fehlentscheidung vorbeugen möchte, sollte einfach auf Bewohner zugehen und sie zu ihrem Lebensgefühl in diesem Haus befragen. Bei Interesse sollte man sich in jedem Fall einen Musterheimvertrag geben und sich unklare Positionen erläutern lassen.
Weitere Informationen:terzService-Center, Tel. 0800 123 333 oder im Internet: www.terzstiftung.ch