Vorsorge

„Ruhestand“ – ein Unwort

„Ruhestand“ – ein Unwort

Wer regulär mit 65 Jahren oder auch schon früher pensioniert wird, der hat noch eine durchschnittliche Lebenser­wartung von mehr als 18 Jahren als Mann und fast 22 Jahren als Frau. Soll sie oder er so viele Jahre Ruhe geben und im Stillstand verharren?

Der Ausdruck Ruhestand suggeriert dies. Begriffe prägen Vorstellungen. Wer von Ruhestand spricht, zeich­net ein Bild des Alters vor, das keine Tätigkeit mehr einschliesst. Damit ist jede/r, sobald die 65 überschritten sind, ausgeschlossen von gesellschaftlich bedeutsamen Aufgaben, gleich­gültig ob bezahlt oder ehrenamtlich.

Wo es dem Wortsinn nach keine Bewegung mehr gibt, wo nichts mehr vorwärts geht, dort ist die Zukunft abgeschnitten. Der Ruheständler soll sich an Vergangenes erinnern, gemächlich dem Weltgeschehen zuschauen und Ruhe geben. Wenn so jemand endgültig seinen Arbeitsplatz verlässt, riecht es fast schon nach der letzten Ruhestätte, ein bisschen angestorben. In einer Gesellschaft, die noch von Jugendlichen geprägt ist, mag das bloss grau­sam und kurzsichtig, aber praktikabel sein. Wo allerdings die Angehörigen der älteren Generationen die Mehrheit stellen, wäre es gesellschaftspolitischer Irrsinn, auf die beruf­liche und menschliche Erfahrung und Reife zu verzichten und alle unterschiedslos zum Ruhestand zu verdammen.

Generationenwechsel ohne Ruhigstellung

Wer in den Ru­hestand geschickt wird, darf nicht mehr gestaltend am Berufsleben teilnehmen. Wer ruhig stehen soll, darf keine neuen Ansichten mehr entwickeln. Er hat endgültig festgelegt zu sein. Flexibilität ist der ge­naue Gegensatz zum Ruhestand. Von einem Ruheständler erwartet nie­mand mehr wegweisende Anregungen. Es ist ihm geradezu verboten, frischen Wind in ein Unternehmen zu bringen. Ist es verwunderlich, wenn jemand, der jahrelang Chef einer Institution war, deren Gebäude gar nicht mehr betreten will, wenn er einmal in den Ruhestand geschickt wurde? Niemand möchte dort nur noch geduldeter Besucher sein, wo er kurz zuvor noch alle wichtigen Entscheidungen fällte. Generationen­wechsel müssen sein. Es muss den Jüngeren erlaubt sein, die Verantwortung zu über­nehmen. Aber der Stabwechsel darf nicht zwingend mit Ruhigstellung des Älteren gleichgesetzt werden.

Auch Untätigkeit kann tödlich sein

Der Altbauer hat den Hof übergeben, also soll er gefälligst vor dem Altenteil auf der Bank sitzen und warten, ob die Enkelkinder zum Spielen vorbei­kommen. Diese Vorstellung vom Lebensabschnitt nach der Erwerbsarbeit klingt im Ausdruck Ruhestand durch. Und diese Art von Untätigkeit muss Lee Iacocca wohl gemeint haben, als er formulierte: „Arbeit kann einen umbringen. Aber die Untätigkeit kann es ebenso.“ Darum arbeitet die terzStiftung an einer neuen Wertekultur des Alters, in der ältere Menschen die Chance haben, ihre Erfahrungen und Kompetenzen zum Nutzen und Wohl der Nachkommen weiter­zugeben.

Weil Begriffe unsere Vorstellungen und unser Verhalten prägen, lehnen wir den Ausdruck „Ruhestand“ aus den aufgeführten Gründen entschieden ab. Ihre Meinung dazu interessiert uns sehr. Bitte schreiben Sie uns an terzStiftung, Seestrasse 112, CH-8267 Berlingen, oder per E-Mail an terzstiftung@terzstiftung.ch

René Künzli
Präsident der terzStiftung
Berlingen TG

Sind Sie pensioniert? (Renate Gerlach)

 

Kommentare

Bild des Benutzers Maischa

Der Begriff Ruhestand

In meinem Bekanntenkreis höre ich durchwegs ein total andrer Begriff,
nach dem arbeitsreich Lebensabschnitt!


Nämlich ich bin im "Unruhezustand!"
Alle Bekannten die mir diese Formulierung angeben, sind
sehr aktiv, jedoch aktiv indem was ihr Herz begehrt, was
sie im vergangenen Lebensabschnitt, nicht einbauen konnten,
zu zeitaufwändig war ihr Berufsleben, die Familie und andere Verpflichtungen.


Geistig und körperlich sind sie alle gesund und sehr wach für Neues, witzig
und mit einer grossen Zufriedenheit, geniessen sie Ihre Jahre, die Jahre welche
endlich ihnen alleine gehören!

Maischa

 


 


 

Bild des Benutzers Andreas Kühner

Die deutsche Sprache kennt Alternativen

Wer mich fragt, was ich arbeite, erhält die humoristisch gemeinte Antwort, ich sei Edel-Rentner. Also ein Rentner, der wie weiland die Edelleute (welche durchaus nicht immer edel handelten. Sic!!)frei über seine Zeit verfügen kann. Und so komme ich zur Begriffsalternative. Ich bin Rentner, weil ich mir in harter Arbeit während Jahrzehnten eine Rente zusammengespart habe, die mich jetzt erhält. Wem das zu erniedrigend tönt, der kann ja sagen, er sei Privatier, was genau so stimmt. Aber der Sinn des Artikels von René Künzli zielt ja nicht auf den Begriff allein. Er fordert die Anerkennung des enormen Wissens- und Erfahrungsschatzes von uns Rentnern. Er verlangt, dass dieses Potential nicht beiseite geschoben wird. Und zu dieser Forderung kenne auch ich keine Alternative, will auch keine kennen. Die Bestrebungen des Projektes der Terz-Stiftung sind in vollem Umfang berechtigt und zu unterstützen, weil die Demografie über kurz oder lang sowieso auf das bei den Rentnern vorhandene Potential zurückgreifen werden muss. Allerdings betone ich, wie viele Andere, die Freiwilligkeit. Nach 30 - 40 oder mehr Jahren Arbeitsprozess haben wir nicht nur ein grosses Potential angereichert, sondern uns auch die Freiheit, Nein sagen zu dürfen, erworben.

Ohren können das Gute hören, Augen das Schöne sehen, wenn das Hirn dies zulässt

Freiwilligkeit

Dieser Artikel birgt m.E. ein gewisses Gefahrenpotential. Natürlich ist es gut, wenn sich Pensionierte "freiwillig" in die Gesellschaft einbringen. Aber man sollte die Betonung auf "freiwillig" legen und auch akzeptieren, dass manchen Senioren so ausgepowert sind, dass sie ganz froh sind, den "Ruhestand" geniessen zu können. Wir sollten nie vergessen, dass es Politiker gibt, die von den "faulen Alten" sprechen und das Rentenalter noch weiter erhöhen wollen.

Negativ

Mich erstaunt das dermassen negative Bild, das Herr Künzli zeichnet. Zunächst einmal: Endlich kann es uns egal sein, wie uns andere einschätzen - wir brauchen keine Beförderung mehr, keinen Rang, keinen neuen Titel. Ob sie uns Ruheständler nennen oder Pensionierte - mir ist das völlig einerlei. Muss ich unbedingt gesellschaftlich bedeutsame Aufgaben wahrnehmen um meine Lebensqualität zu erhalten? Vielleicht habe ich daran Interesse, vielleicht wende ich mich auch Aufgaben zu, die andere für weniger bedeutend halten. Was schert mich das? Mich stellt niemand ruhig, solange ich am Leben und gesund bin. Ausserdem, soll der alt Lokomotivführer sich nicht darüber freuen, nicht mehr zu Frühschicht ausrücken zu müssen?

Ruhestand?

Binswaro hat Recht! Warum nicht auch "Ruhestand"? Mir tun all jene Leid, die meinen, Sie müssten auch nach der Pensionierung noch geschäftig mit dem Mäppchen herumeilen und die Wert darauf legen, nun noch weniger Zeit als vorher zu haben. Gewiss soll man aktiv bleiben. Aber man darf sich dafür mehr Zeit nehmen, nach dem Lustprinzip gewisse Dinge nicht mehr tun etc. etc. Zu bedauern ist, wer sich darüber nicht freuen kann.
Bild des Benutzers Roberto Binswanger

Bezeichnungen sind eher unwichtig

Mir ist es ziemlich egal, wie man (die Gesellschaft) dem Zustand nach Beendigung der Erwerbstätigkeit sagt, ob Ruhestand oder aktiver Ruhestand oder nicht mehr erwerbstätig oder was auch immer. Wichtig ist, was ich persönlich daraus mache und wie ich die Zeit nach Aufgabe der Erwerbstätigkeit gestalte.

Berufsbezeichnung

Anstatt der Bezeichnung "Ruhestand" (ein grässlicher Ausdruck) könnte mann wirklich doch auch sagen: "freiberuflicher Senior". Wenn man freiberuflich tätigist, kann man nch Belieben tätig oder auch untätig sein.
Bild des Benutzers Fritz Vollenweider

Guter Artikel...

...stimmt nachdenklich, regt an - nicht nur zum Lesen, sondern auch zum Aktiv werden! Dank und Glückwunsch von der Redaktionsleitung!