U.Vollenwyder, Zeitluperedaktion im Interview mit Ruedi Winkler.
Welche Rolle spielt der Jahrgang bei der Arbeitsuche?
Das Alter ist ein Handicap. Gängige Vorurteile – ältere Mitarbeitende seien stur, unflexibel, weniger leistungs- und aufnahmefähig – sind wissenschaftlich zwar widerlegt. Trotzdem halten sie sich hartnäckig. Für Stellensuchende gibt es nur eins: Mit ihrem Fachwissen, ihrer Kompetenz und einer positiven Ausstrahlung müssen sie dafür sorgen, dass das Alter gar kein besonderes Thema wird.
Also so auftreten, dass der Jahrgang vergessen geht?
Wer es bis zum Bewerbungsgespräch geschafft hat, kann getrost davon ausgehen, dass der Jahrgang vom Tisch ist – diesen hat der mögliche Arbeitgeber im Bewerbungsdossier bereits gesehen. Es geht dann vor allem darum zu zeigen, warum man genau die richtige Person für die ausgeschriebene Stelle ist. Wer dabei mit dem Alter spielt und es ins Zentrum rückt, mindert seine Chance wieder. Die Schwierigkeit kommt vorher: Wie schaffe ich es überhaupt, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden?
Und wie schaffe ich es?
Patentlösungen gibt es keine, weil die Bewerbungsdossiers überall wieder anders gehandhabt werden. Es gibt einige Tricks – zum Beispiel kann man im Bewerbungsschreiben seine Erfahrungen und Kompetenzen an den Anfang stellen und persönliche Daten wie das Geburtsdatum am Schluss anfügen. Eine gute Idee ist es auch, vorgängig mit der zuständigen Kontaktperson zu telefonieren und Fragen zur ausgeschriebenen Stelle zu stellen – selbstverständlich keine Alibifragen! Wenn man sich dabei interessant machen und interessiert zeigen kann, wird man kaum zurückgewiesen, wenn man am Schluss noch eine Bemerkung wegen seines Alters macht.
Was raten Sie Menschen, welche die Kündigung erhalten haben?
Der erste Schock ist meist riesig. Soziale Kontakte, freiwillige Engagements oder Hobbys werden oft total vernachlässigt. Gut wäre, wenn man sich zuerst etwas Zeit nehmen würde, um die Situation zu analysieren: Was ist genau geschehen? Warum ist es passiert? Wo liegen die Gründe? Wichtig ist bei dieser Auslegeordnung die Ehrlichkeit sich selber gegenüber. Danach gilt es, die finanzielle Situation zu regeln – also sich bei der Regionalen Arbeitsvermittlung RAV anzumelden. Dann erst beginnt man mit der Stellensuche.
Wie geht man dabei am besten vor?
Ich würde mir zunächst eine gewisse Zeit zugestehen – zum Beispiel drei Monate –, während der ich versuchen würde, in meinem Beruf wieder Fuss zu fassen. Wenn das nicht gelingt, dann sollte man eine genaue Standortbestimmung machen – die RAV bieten ja solche auch an – und mit einem Berufsberater oder einem kompetenten RAV-Berater weitere Perspektiven besprechen: Welche anderen Möglichkeiten gibt es? Kann man vielleicht an einer früheren Weiterbildung oder einem Engagement anknüpfen? Ist eventuell die Selbstständigkeit eine Option? Geht es auch mit weniger Geld? Könnte der Partner oder die Partnerin die Berufstätigkeit ausbauen?
Gibt es eine Möglichkeit, persönlich Arbeitslosigkeit zu vermeiden?
Wach bleiben, aufmerksam sein, die Augen immer offenhalten, Entwicklungen auch in der eigenen Firma verfolgen, sich für neue Aufgaben interessieren, Weiterbildungen machen … Offenheit ist ein gutes Rezept. Wer offen ist, steht anders im Leben. Er tritt anders auf und hat eine andere Ausstrahlung. Eine Garantie auf den Arbeitsplatz gibt es aber keine. In vielen Firmen funktioniert alles wunderbar – dann folgt plötzlich eine Auslagerung in ein anderes Land, und schon steht man ohne Arbeit da. Auch ein Konkurs kann relativ schnell gehen.
Wie gross ist die Chance, dass man wieder eine Arbeit findet – gerade im Alter?
Sie ist gross. Es dauert vielleicht etwas länger, manchmal sogar sehr lange, bis es so weit ist. Dann ist es wie oft im Leben: Es zeigen sich gleich zwei oder gar drei Möglichkeiten. So sehr man von Arbeitslosigkeit geprägt wird und so lange sie auch dauert – die Wiedereingliederung in den Arbeitsprozess geschieht dann schlagartig. Schon nach einem Monat ist die Arbeitslosigkeit weit weg und die Kontakte aus dieser Zeit sind abgebrochen.
Ruedi Winkler war diplomierter Landwirt, bevor er an der Universität Zürich Ökonomie studierte. Während 17 Jahren war er dann im Arbeitsamt der Stadt Zürich tätig, die letzten acht davon als Direktor. Seit 2001 ist er Inhaber des Büros Ruedi Winkler, Personalund Organisationsentwicklung in Zürich. Eines seiner Schwerpunktthemen ist die Situation älterer Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer.
Weitere Informationen
Internetadressen
www.treffpunkt-arbeit.ch ist die Website des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco, mit vielen Informationen und Links für Stellensuchende:
www.jobs.ch und www.scout24.ch sind Internetportale mit einer grossen Auswahl an Stellen.
Es gibt zahlreiche branchenspezifische Internetseiten. Erkundigen Sie sich bei Ihrem RAV nach den geeigneten www-Adressen. Zwei Beobachter-Ratgeber
Der Ratgeber «Arbeitslos – was tun?» beantwortet Fragen rund ums Thema Arbeitslosigkeit. Menschen ohne Arbeit erfahren alles über ihre Rechte und Pflichten und über die Leistungen der Versicherung. «Arbeitslos – was tun?», Beobachter- Buchverlag, Zürich 2005 (3., aktualisierte Auflage), 240 Seiten, CHF 35.–.
Der Beobachter-Bestseller «Stellensuche mit Erfolg» zeigt Möglichkeiten auf, wie man mit den verschiedensten Be- werbungsformen seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt optimal nutzen kann. «Stellensuche mit Erfolg», Beobachter-Buchverlag, Zürich 2008 (11., erweiterte, aktualisierte Auflage), 204 Seiten, CHF 39.–.
Erste Schritte nach der Kündigung
Vergewissern Sie sich, dass die Kündigung rechtens ist und dass die Kündigungsfrist eingehalten wurde.
Finden Sie die Adresse des zuständigen RAV heraus, entweder auf Ihrer Gemeindeverwaltung oder unter www.treffpunkt-arbeit.ch, und vereinbaren Sie einen ersten Termin.
Verlangen Sie ein Zeugnis oder zumindest eine Arbeitsbestätigung Ihres Arbeitgebers.
Beginnen Sie sofort mit der Stellensuche, und bewahren Sie alle Unterlagen auf.
Sprechen Sie spätestens am ersten Tag der Arbeitslosigkeit persönlich beim RAV oder Ihrer Gemeindeverwaltung vor. Dort werden Ihnen die nächsten Schritte aufgezeigt.
Bild: redaktion zeitlupe.ch
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