Partnerschaft

Buddhistisch gelassen

Buddhistisch gelassen

Ernst Ostertag und Robert Rapp lieben sich. Im Christentum stiess das homosexuelle Paar auf Ablehnung.

Auf einem Regal in Robert Rapps Schlafzimmer sitzt die Göttin Tara. Und eine dämonische Gottheit schickt blitzende Blicke in den Raum. In der Wohnung von Robert Rapp und Ernst Ostertag im Zürcher Seefeld-Quartier stehen viele buddhistische Figuren, die meisten aus der tibetischen Tradition. Ernst Ostertag sagt: »Im tibetischen Buddhismus haben wir eine Heimat gefunden.« Eine Heimat, die ihm und Robert Rapp im Christentum verwehrt blieb. Die beiden 79-jährigen Männer leben in einer homosexuellen Beziehung. »Von der Kirche und ihrer traditionellen Lehre haben wir uns deswegen immer abgelehnt gefühlt«, sagen sie.

Ernst Ostertag und Robert RappBild: Ernst Ostertag (l.) und Robert Rapp haben im tibetischen Buddhismus eine Heimat gefunden.

Bereits seit 53 Jahren sind Ernst Ostertag und Robert Rapp ein Paar. Erst 1986 zog der Lehrer Ernst Ostertag zu seinem Freund. Zuvor sei Homosexualität ein »absolutes Tabu« gewesen, ein schwuler Lehrer hätte Stelle und oft auch die Wohnung verloren, erzählt Robert Rapp.

So führten die beiden, die sich im legendären Zürcher Schwulen-Netzwerk »Der Kreis« kennengelernt hatten, 30 Jahre lang ein striktes Doppelleben: Offiziell Junggesellen, inoffiziell in einer guten Beziehung mit einem geliebten Menschen. Man kann nur ahnen, was das für ein Liebespaar bedeutet. Und welch ein Traum in Erfüllung ging, als Ernst Ostertag und Robert Rapp am 1. Juni 2003 als erstes gleichgeschlechtliches Paar im Zürcher Stadthaus ihre Partnerschaft registrieren liessen, wie es durch eine Volksabstimmung möglich geworden war.

Doch die beiden Männer sind nicht verbittert. Humorvoll und charmant erzählen sie von ihrem Lebensweg: der redegewandte und belesene Ernst Ostertag und der stillere Robert Rapp, der eine verschmitzte Güte ausstrahlt. Wirkt hier buddhistische Gelassenheit? Ernst Ostertag: »Wir sind wohl schon geprägt vom Buddhismus, jedenfalls haben wir keine Ressentiments gegen irgend jemanden.«

Keine Ressentiments: Das gilt auch für die Kirche. Obwohl, wie Ernst Ostertag es formuliert: »Schon als Jugendlicher wurde mir klar, dass der christliche Gott Sexualität, Frauen und Schwule nicht mag.« Ernst Ostertag wuchs in Zürich-Höngg »dezidiert christlich« auf und leitete die Jugendgruppe »Junge Kirche«. Mit seinen vielen Fragen zur Religion stiess er allerdings auf Widerstand: Er müsse halt glauben, hiess es. Doch das Glauben war dem philosophisch Interessierten, der eine »tiefe Verbindung« zur christlichen Mystik spürte, »nicht gegeben«, wie er sagt. In seiner späteren Arbeit als Lehrer für heilpädagogische Sonderklassen setzte er zwar oft biblische Geschichten im Unterricht ein und ist noch heute überzeugt von deren »grosser Kraft«. Doch immer wieder stiess er in seiner intensiven Beschäftigung mit der christlichen Religion auf den Punkt, der ihm Mühe macht: »Alles, was mit Sexualität zu tun hat, und insbesondere mit homosexueller Sexualität, wird als Sünde taxiert.«

Anders in der buddhistischen Philosophie. Hier gebe es den Begriff Sünde nicht, erklärt Ernst Ostertag. »Es heisst lediglich: Was heilsam ist für deine Umgebung, ist auch heilsam für dich.« Dies war für ihn als ethische Maxime so überzeugend, dass er sich dem Buddhismus zuwandte. Seither hat er sich vier Jahrzehnte lang darin vertieft, hat bei tibetisch-buddhistischen Lehrern studiert und praktiziert die entsprechenden Meditationen.

Robert Rapp kam durch seinen Partner zum tibetischen Buddhismus. Auch er war in Zürich in einem »tief christlichen« reformierten Elternhaus aufgewachsen. Als Jugendlicher engagierte er sich in der Chrischona-Gemeinde. Der innere Bruch geschah, als ein Chrischona-Prediger ihm nahelegte, den Gemeinde-Anlässen künftig fernzubleiben. »Er hat gemerkt, dass ich andersrum bin, und hat es nicht toleriert«, erzählt Robert Rapp. Buddhistische Lehrer dagegen hätten auf seine homosexuelle Beziehung stets mit Verstehen reagiert. »Sie spürten, dass Ernst und ich eine tiefe innere Ver-bindung leben, die alles Vordergründige aufhebt.« Von gewissen Christen dagegen würden Schwule nur auf Sexualität reduziert.

Genau dies geschieht im Vorfeld der Schwulen- und Lesben-Veranstaltung »EuroPride 09«, die vorn 2. Mai bis zum 7. Juni in Zürich stattfindet. Eine Gruppe freikirchlicher homosexuellenfeindlicher Christen versuchte die Veranstaltung vergeblich zu verhindern und betet jetzt für das Heil der Teilnehmenden. Robert Rapp und Ernst Ostertag nehmen’s mit schwarzem Humor. Ernst Ostertag: »Früher hätten uns solche Leute auf dem Scheiterhaufen verbrannt, heute beten sie für uns - das ist doch ein Fortschritt! « Anlässlich der EuroPride wird das Paar sein Online-Werk »schwulengeschichte. ch« veröffentlichen. Acht Jahre lang hat es daran gearbeitet: »Es geht um Liebe - Schwule in der Schweiz und ihre Geschichte.«

Sabine Schüpbach, Redaktorin
"aufbruch" Zeitung für Religion und Gesellschaft
Artikel erschienen in der Ausgabe No. 165 • 2009.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung der Redaktion.

Die Geschichte der gleichgeschlechtlichen Paare in der Schweiz
ab 3. Juni online unter "Es geht um Liebe".

EuroPride09 

 

 

Kommentare

Bild des Benutzers Brigitte Poltera

Die langjährigen Partnerschaft von Ernst Ostertag und Röbi Rapp, die sie trotz der vielen gesellschaftlichen Widerstände über 50 Jahre lang gelebt haben, ist sehr eindrücklich und bewunderswert. Es scheint, dass die mangelnde Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Paare vor allem ein Problem unserer älteren Generation ist, der Generation, der auch Ernst Ostertag und Röbi Rapp angehören. Unsere Söhne und Töchter haben damit kaum mehr Mühe. So ist wohl der Rückblick auf 170 Jahre Geschichte der homosexuellen Paare in der Schweiz, die ab 3. Juni online geschaltet wird, vor allem für uns wertvoll und wichtig.