Gesellschaft

Unser Tor des Monats: Christophe Darbellay

Unser Tor des Monats: Christophe Darbellay

CVP-Präsident und Nationalrat Darbellay hat die Gesundheitsdiskussion neu aufgemischt mit der Forderung, lebensverlängernde Massnahmen um jeden Preis müssen endlich tabulos infrage gestellt werden. Volltreffer!

Er stand zwar immer noch, der riesige Basar. Aber in den letzten Monaten war der Publikumsstrom stark zurückgegangen. Allenthalben hiess es, es handle sich um den grössten Meinungsbasar seit Jahrzehnten, und tatsächlich waren Meinungsverfechter jeder erdenklichen Schattierung aus aller Welt angereist, um ihre Ansichten und Rezepte zur grossen Krise feilzubieten.

 

Vor allem linke und alternative Meinungsführer, die sich jahrelang kaum mehr an die Öffentlichkeit gewagt hatten, waren in Scharen angereist. Ihre Standpunkte reihten sich dicht aneinander und wucherten in kaum überblickbaren, engen Gassen bis weit über den Horizont hinaus.

 

Anfangs waren auch die Besucher noch zahlreich und mit grossem Interesse durch den Basar gepilgert, obwohl die meisten von der Krise erst indirekt gehört hatten. Aber es handelte sich für viele um etwas Neues, und das war immer spannend. Bald hatte sich jedoch unter den Besuchern Ernüchterung breit gemacht. Das meiste, was der Meinungsbasar zu bieten hatte, war sehr vage oder abstrakt, und viele Besucher begannen sich zu langweilen. Ältere unter ihnen erinnerten sich wehmütig an ähnliche Basare im letzten Jahrhundert, wo offenbar noch einfache, einleuchtende Rezepte – so genannte Ismen – und mitreissende Meinungsführer den Massen die Welt erklärt hätten – einen habe man deshalb sogar schlichtweg den Führer genannt.

 

Irgendwann begannen sich nicht nur viele Besucher, sondern auch zahlreiche Marktschreier nach Neuem umzusehen, und einige erinnerten sich an einen anderen, uralten Markt, der traditionell im Herbst am meisten Zulauf erhielt, und der im Schatten des Krise ein wenig in Vergessenheit geraten war.

 

Im Grunde war der Gesundheitsmarkt weit grösser als der Krisenbasar, allerdings wurden dort nur in einem kleinen Bereich Meinungen angeboten. Es dominierten Medikamente, Eingriffe und Therapien. Der Gesundheitsmarkt war in den vergangenen Jahrzehnten förmlich explodiert und garantierte einem wachsenden Teil der Bevölkerung das Auskommen. Vor rund einem Dutzend Jahren war ein wichtiger Teil des Marktes abgeriegelt worden. Die Angebote und Dienstleistungen innerhalb dieses Bereichs waren kostenlos, allerding musste man bei einem der rund 200 zugelassenen Verkäufer eine teure Jahreskarte dafür erstehen. Schon bald kam Unmut auf, denn jeder dieser Verkäufer verlangte andere Preise und jedes Jahr schlugen alle Verkäufer zehn bis zwanzig Prozent auf. Der abgeriegelte Markt funktionierte überhaupt nicht.

 

Just vor den Toren des abgeriegelten Teils hatten sich schon seit langem die Meinungsträger festgesetzt und trugen ihre Ideen zu Markte, wie es mit der ganzen Sache weiterzugehen habe. Am Fazit der meisten Besucher hatte sich aber auch jetzt, wo wie erwähnt ein wahrer Aufmarsch von neuen Marktschreiern zu verzeichnen war, nicht viel geändert: Alle versprachen das perfekte Patentrezept, doch jeder bot letztlich nur seine Äpfel oder seine Birnen an.

 

 Hörmen SchmutzAlle, bis auf eine Ausnahme. Ein aus dem Unterwallis angereister Marktschreier, der immer zu allem eine Meinung hatte, aber dennoch oft nur belächelt wurde, Christophe mit Namen, hatte sich mitten unter die laut vertretenen Standpunkte gestellt, einmal tief durchgeatmet und dann laut in die Menge gerufen: «Praxisgebühr, Parallelimport, Ärztezwang, Spitalschliessungen, Einheitskasse, Franchisenerhöhung, Wiederaufhebung des Versicherungsobligatoriums: All eure Ideen in Ehren – aber hat sich jemand von euch schon einmal ernsthaft gefragt, ob eigentlich Leben um jeden Preis erhalten werden soll?» Um den wackeren Christophe herum, nein, auf dem ganzen Gesundheitsmarkt war es für einen Moment mucksmäuschenstill geworden.

Schluss 1

Da trat einer aus den Reihen der Kirche hervor und höhnte: «Christdoof, deine Frage ist unerhört, und besonders eines Menschen unwürdig, der Christus im Namen trägt. Deshalb sollst du ab jetzt nur noch Doof heissen.» Alle verfielen in lautes, schadenfrohes Gelächter, vor allem auch die anderen Marktschreier, die schon um ihre Äpfel und Birnen gebangt hatten. Man lachte so lange, bis sich die ersten erneut langweilten und weiterzogen, denn schon versprachen die nächsten Weltklima-, Jugendgewalt- und Überfremdungs-Basare zu Publikumsmagneten zu werden.

 

Schluss 2

Schlagartig war vielen klar geworden, dass ihre Moral dem medizinischen Fortschritt und den gesellschaftlichen Umwälzungen der letzten Jahrzehnte weit hinterherhinkte. Die Maxime der Lebenserhaltung um jeden Preis – mit dem noch weiter zunehmenden medizinischen Fortschritt – würde allein schon an der Finanzierbarkeit scheitern. Als gescheitert betrachten musste man allerdings auch eine Ethik, die sich aus Feigheit und Angst, sich der heiklen, schmerzhaften Diskussion rund um Lebensqualität, Krankheit und Tod zu stellen, einfach immer am jeweils medizinisch Machbaren orientiert hat.

Schluss 3

Doch schon bald gingen alle ihrem gewohnten Treiben nach, denn sie ahnten still, dass sie Christophe im nächsten ‹Nebi› als Tor des Monats begegnen würden, uns sie freuten sich jetzt schon auf die Muster-Patientenverfügung zum Ausschneiden mit den lustigen Rechenbeispielen, die man zur Frage, wie viel das Leben kosten darf, machen konnte: «Ich verzichte auf lebensverlängernde Massnahmen, wenn die Kosten: a) die 30 Franken Praxisgebühr, b) den Aufwand einer Beerdigung inklusive Rollschinkli für alle im ‹Sternen›, c) die Höhe der Spende der Pharmalobby für meinen Nationalrats-Wiederwahlkampf übersteigen.»