Es ist dämmrig im Zirkuszelt. In der Manege macht ein Seiltänzer auf einem Schlappseil seine Dehnübungen. Eine Artistin sitzt auf der Treppenstufe und flickt mit Ledernadel und Zwirn das Schwungseil. Auf dem Podium für die Musikkapelle übt eine Violinistin ihre Melodie, immer wieder die gleichen Töne auf und ab. «Grand Hotel Monti» steht auf der Kulisse über dem Artisteneingang. Wie meist am Vormittag geht es ruhig zu und her im «Chapiteau», dem Zirkuszelt. Erst in der Nachmittagsvorstellung werden die meisten der 800 Sitzplätze besetzt sein.
Draussen blendet die Sonne. Nach einem genauen Plan sind die weissen Zirkuswagen mit dem gelb-roten Monti-Schriftzug angeordnet; auch die Wagen für die Technik, die Toilette oder der Stall für die acht Ziegen und die beiden Esel. Die Wohnwagen der Artistinnen und Mitarbeiter haben rote Fensterläden, weisse Vorhänge und Blumentöpfe auf den Treppen zu ihrer Tür. Auf dem Parkplatz stehen die Zugfahrzeuge: schwere Traktoren und starke Lastwagen, welche die Holzwagen von einem Standplatz zum nächsten ziehen.
«Dieses Herumreisen von einer Stadt zur anderen, von einem Ort zum nächsten gefällt mir immer noch sehr gut.» Zwischen zwei Gastspielorten gönnt sich die Monti-Mitbegründerin Hildegard Muntwyler die Zeit, allein in ihrem Auto gemütlich über Land zu fahren und dabei ihren Gedanken nachzuhängen. Sie geniesst die Ruhe, bevor am nächsten Ort der Aufbau der Zirkusstadt wieder beginnt, geplant bis ins kleinste Detail: Sohn und Zirkusdirektor Johannes Muntwyler platziert die Wagen. Alle sechzig Mitarbeitenden, von den Artistinnen bis zu den Beleuchtern, der Lehrerin bis zum Kapellmeister, legen Hand an. Einige Tausend Mal hat Hildegard Muntwyler in den letzten 25 Jahren den Ab- und Aufbau der Zirkusstadt schon miterlebt. An rund fünfzig Orten von Aarau bis Zürich stellt der Circus Monti von Mitte März bis Ende Oktober sein Zelt auf – in grossen Städten gastiert er während zwei bis vier Wochen, in einigen wenigen kleinen Orten bleibt er nur für eine Nachmittags- und eine Abendvorstellung. Tausende von kleinen und grossen Monti-Fans sehen jedes Jahr das Programm, in dem die Nummern nicht einfach aneinandergereiht, sondern zu einer Geschichte verwoben werden. Bereits zweimal wurde ein Programm mit dem Prix Walo ausgezeichnet.
Hildegard Muntwyler war knapp fünfzig Jahre alt, als ihr Mann Guido den Zirkus gründete. Ohnehin habe sie damals vor der Frage gestanden, wie sie ihr weiteres Leben gestalten wollte. Die Kinder waren gross, als Lehrerin in die Schulstube zurückzukehren, konnte sie sich nicht vorstellen. Eine neue Herausforderung stand an. Dass es die Zirkuswelt werden würde, hätte sie nie gedacht: «Im Gegensatz zu meinem Mann, der schon als Kind von der Figur des Clowns fasziniert war, konnte ich nie viel damit anfangen», gesteht Hildegard Muntwyler.
Sprung in eine unsichere Zukunft
Im Freizeitverein Wohlen organisierte Guido Muntwyler bereits in den Siebzigerjahren im Rahmen der Ferienangebote Zirkuswochen für Schülerinnen und Schüler, zusammen mit dem Basler Clown Pello. Guido Muntwyler spielte aber auch mit den eigenen Kindern Zirkus. Unterstützt und ermutigt von Pello, ging die Familie schliesslich während dreier Saisons mit dem Zirkus Olympia auf Tournee. Das Leben im Wohnwagen habe ihr behagt, sagt Hildegard Muntwyler: «Und wenns nicht geklappt hätte, hätte mein Mann jederzeit als Lehrer in die Schule zurückkehren können.»
1984 wagte die Familie den grossen Sprung: Sie bildete eine AG und gründete den «Circus Monti». Ein Jahr später ging dieser mit seinem ersten Programm auf Tournee. Neben Vater Guido als Clown Monti und verschiedenen Artistengruppen traten die Söhne Johannes als Jongleur und Andreas mit Ziegen auf. Niklaus besuchte die Handelsschule. Hildegard Muntwyler erledigte die Büroarbeiten, führte die Buchhaltung und begrüsste als Zirkusdirektorin jeweils das Publikum. «Der Anfang war aber viel härter, als ich mir das je gedacht hätte», erinnert sie sich.
Ein Zurück habe es für die Familie nicht mehr gegeben. Weder der Kopf noch die Finanzen hätten das zugelassen. «Und so haben wir uns auch nie die Frage gestellt, ob unsere Entscheidung damals richtig gewesen war.» 1991 baute der Zirkus in Wohlen ein Winterquartier. Der grosse Aufschwung kam 1998, als Clown Dimitri zusammen mit Tochter Masha beim Programm «ZirKuss» Regie führte. Guido Muntwyler, Gründer, Herz und Zentrum des Zirkus, erkrankte im gleichen Jahr an Krebs und starb 1999. Er hinterliess eine grosse Lücke.
Der grosse Aufschwung
«Das war eine schwierige Zeit», erinnert sich Hildegard Muntwyler. Schwierig war diese Zeit auch deshalb, weil der Name «Monti» so sehr mit der Person des Clowns verbunden war. «Es gab Kinder, die wollten keine Vorstellung mehr ohne Monti besuchen.» Sohn Johannes führte den Zirkus weiter. Nach einem Jahr wusste die Familie: «Wir haben es geschafft.»
Noch immer erledigt Hildegard Muntwyler die Buchhaltung des Unternehmens. Sie bespricht mit der Familie das Programm. Jedes Jahr reist sie nach Montreal, wo junge Artistinnen und Artisten der dortigen Zirkusschule ihr Können präsentieren. Und wenn möglich begrüsst und verabschiedet sie die Zirkusgäste – nicht mehr im glänzenden Kleid in der Manege, sondern im Eingangszelt an den Tischen oder bei einem Schlummertrunk an der Bar.
In der Manege steht in der Zwischenzeit bereits die dritte Generation Monti im Licht der Scheinwerfer. Der 16-jährige Tobias bestreitet eine eigene Nummer mit den Diabolos, der 13-jährige Mario jongliert. Obwohl die Manege nie ganz ihre Welt geworden sei, werfe sie doch immer gern einen Blick auf das grandiose Finale, sagt Hildegard Muntwyler. Das sei jeweils ein Feuerwerk voller Poesie und Ästhetik, Akrobatik und Humor, perfekt arrangiert mit Musik und besonderen Lichteffekten: «Das Publikum wird mitgerissen und applaudiert im Rhythmus. Beim Hinausgehen sehe ich lauter zufriedene Gesichter. Dann weiss ich: Auch das diesjährige Programm hat die Gäste berührt.»
25 Jahre Circus Monti
Seit Mitte März ist der Circus Monti auf seiner 25. Tournee durchs Schweizer Mittelland. Artistinnen und Artisten aus der Schweiz, aus Skandinavien, Frankreich und Kanada bestreiten das Programm «Grand Hotel Monti» unter der Regie des Theaterschaffenden Didi Sommer. Informationen und Billettreservationen unter der Telefonnummer 056 622 11 22. Der Tourneeplan ist im Internet unter www.circus-monti.ch zu finden. Mitte September 2009 erscheint eine Publikation zum 25-Jahr- Jubiläum. Das Buch enthält zahlreiche Geschichten und Ereignisse aus dem Zirkusalltag und ist mit vielen Bildern aus den vergangenen 25 Jahren illustriert.