Sicher war auch ins Gewicht gefallen, dass der junge Mitarbeiter sich zu einem sehr ernst zu nehmenden Schachpartner entwickelt hatte. Und so kommt der Zauberlehrling an seinem ersten Morgen an Bord des grossartigen Schiffes vom Frühstück zurück. Er ist überwältigt von der Vielzahl von Speisen und Getränken, die man ihm angeboten hat. Er hat diese Köstlichkeiten noch nie gesehen, ja nicht einmal gewusst, dass es sie gibt. In seine Kabine zurückgekehrt sieht er das Reinigungspersonal in Aktion. Ein junger Angestellter nimmt gerade die Frottiertücher weg und wirft sie in einen Container.
„Halt, die dürfen Sie mir nicht wegnehmen, ich brauche sie noch, denn ich werde mich heute Abend wieder waschen.“
Der junge Mann sieht ihn erstaunt und leicht amüsiert an. „Aber, mein Herr, Sie bekommen selbstverständlich neue Tücher, auf diesem Schiff wird die Wäsche dreimal täglich gewechselt.“
„Das ist aber nicht nötig, sie ist ja nicht schmutzig, höchstens etwas nass“, erwidert der Lehrling.
„Aber das ist nun einmal so, das ist unser Service“, sagt der Angestellte, inzwischen etwas ungeduldig.
„Meister, das ist doch ein Unsinn, stell dir doch einmal die Berge von Waschmitteln vor, bei 600 Passagieren, die Tonnen von Waschalkalien, Neutralsalzen, Seifen, Enzymen, Faserschutzmitteln und Weichspülern. Ich versteh das nicht.“
„Das ist eben so auf Schiffen in dieser Klasse. Sie nennen es Luxus.“
„Aber dann würde es ja Armut bedeuten, wenn man das gleiche Frottiertuch mehrmals benutzt. Würdest du das als Armut bezeichnen?“
„Nein, das würde ich nicht. Aber komm, lass uns einen Rundgang machen auf diesem herrlichen Schiff.“
Der Lehrling ist sehr begeistert von diesem Vorschlag, er nimmt einen Schreibblock und einen Bleistift und begleitet den Meister. Ständig macht er sich Notizen, nimmt dankbar alles Anschauungsmaterial über das Schiff an, und besonders in der Wäscherei nehmen seine Fragen kein Ende. Der Meister ist alarmiert. In den nächsten Tagen sieht man den Zauberlehrling nur noch schreibend, rechnend, über seinen Unterlagen brütend. Nicht einmal das Schachspiel scheint ihn noch sonderlich zu interessieren. Am vierten Tag hält er den Notizblock vor den Meister und sagt mit fester Stimme: „In siebzehn Jahren ist es so weit!“
„Was ist in siebzehn Jahren so weit?“, fragt der Meister.
„In siebzehn Jahren wird dieses Meer kein Meer sein, vielleicht ein Sumpfgebiet, eine Kloake. Sieh meine Aufzeichnungen, ich habe alles zweimal gerechnet. Dabei bin ich nur von der Anzahl Schiffe ausgegangen, die im Moment auf diesem Meer kreuzen, eine Zunahme der Kreuzfahrten würde die Zeitspanne noch verkürzen. Die Rechnung stimmt, du kannst dich überzeugen!“
„Das glaube ich dir, aber was soll ich damit anfangen?“
„Aber Meister, wir müssen die Menschen warnen, wir müssen ihnen die Augen öffnen!“
„Hast du jemals erlebt, dass sich die Menschen hätten warnen lassen, dass man ihre Augen hätte öffnen können, wenn sie sie verschlossen halten wollten? Hast du das jemals gehört?“
„Dann müssen wir sie erschrecken, ganz fürchterlich erschrecken“, sagt der Lehrling mit aufgeregter Stimme. „Ich hätte auch schon eine Idee... wir hatten doch diesen roten Farbstoff mit der unheimlich starken Konzentration.“
„Und wie willst du ihn herstellen?“
„Ich habe zufällig etwas in meinem Gepäck, ganz zufällig natürlich.“
„Natürlich“, sagt der Meister, „aber davon will ich nichts mehr hören.“ Nichts mehr hören wollte der Meister, aber er hat nicht gesagt, dass er auch nichts zu sehen wünscht.
„Seht nur, seht doch, das Wasser...dieses Blut überall!“ Die Passagierin zeigt mit zitternder Hand auf das Meer, das sich blutrot gefärbt hat. Es sieht aus als ob sich aus dem Heck des Schiffes immer neues Blut ergiesst. Die Aufregung ist gross. Ob es denn möglich sei, dass das Schiff einen grossen Fisch verletzt habe, vielleicht einen Wal, fragt ein Passagier den Kapitän. Möglich sei alles, aber er habe so etwas noch nie erlebt. Das sagen auch die anderen, die zur Aufklärung und Lösung des Problems hinzu gezogen werden. Der Schiffsingenieur, der Abgeordnete des Amtes für Umweltschutz, der Abgeordnete des Schifffahrtsministeriums, der Generaldirektor der Reederei. Alle hatten so etwas noch nie erlebt. Immerhin ist man sich darüber einig, dass das Phänomen mit der Wäscherei zu tun haben müsse, denn es tritt jeweils dann auf, wenn die Waschlauge abgelassen wird. Einmal passiert es während des Dinners. An diesem Abend schläft der Küchenchef sehr fest --- nach einer Beruhigungsspritze des Schiffsarztes. Er konnte es nicht verkraften, die unberührten Platten voll Langusten und Hummerschwänzen zurückkommen zu sehen.
„Dann hört doch auf, euren Dreck ins Meer zu giessen!“, sagt er am nächsten Morgen zum Chef der Wäscherei. Und wo sollen wir hin mit der Lauge? Kannst du dir überhaupt vorstellen, welcher Berg Wäsche auf einem Schiff dieser Grösse täglich anfällt?“ Der Zauberlehrling hat wie schon einige Male vorher unberechtigterweise das Gespräch mit angehört.
„Vielleicht könnte man weniger Wäsche anfallen lassen, das heisst nicht mehr so oft wechseln. Man könnte damit eine Menge einsparen an ...“. Er will gerade seine genauen Berechnungen erläutern, unterlässt es aber um sich nicht verdächtig zu machen. Doch es hat ihn ohnehin keiner wahr genommen.
„Dann kippt dieses Zeug um Himmelswillen nicht mehr während der Essenszeiten ins Meer.“ Dieser Bitte des Küchenchefs kann entsprochen werden. Von nun an wird die Waschlauge abgelassen wenn die meisten Passagiere schlafen. Sie können sich nun weiterhin an den herrlichsten Delikatessen erfreuen. Es werden keine unberührten Platten mehr in die Küche zurückgebracht. Die Katastrophe findet im Geheimen statt und nur die wenigen Menschen, die sehen wollen, sehen auch weiterhin voller Entsetzen das blutrote Wasser.
„Es war ein wunderbares Schiff“, sagt die Passagierin aus Kabine 419 zu ihren diskret gähnenden Freunden und Verwandten beim Betrachten der Videoaufnahmen. „Und ein grossartiger Service. Dreimal täglich wurden die Frottiertücher gewechselt, dreimal täglich! Stellt euch das einmal vor!“ Und ein glückliches Lächeln erscheint auf ihrem dümmlichen Gesicht.
Renate Gerlach, G wie Geschichten. Heiteres und Ernstes zum Schmunzeln und Nachdenken. edition litera. R.G Fischer Verlag 2007.
|
|
Twittern |
Kommentare