Gesundheit

Im Lande des Vergessens

Im Lande des Vergessens

Unter dem Titel „Spirituelle Bedürfnisse von Menschen mit Demenz“ vermittelte die Tagung der Tertianum-Gruppe teilweise brisante Ein- und Ausblicke auf ein Thema, das leider allzu gerne verdrängt wird. Wie wird Spiritualität von demenzkranken Menschen empfunden, ja, überhaupt wahrgenommen? Welche Bedürfnisse entstehen daraus?

(Bild oben: Tagungsleiter Carsten Niebergall)

Erstaunlich breites Interesse

Im vollen Saal eines der schönsten Zürcher Tagungsorte, dem „Lake Side“ am Zürichhorn, gab Tagungsleiter Carsten Niebergall seiner Überraschung Ausdruck, dass ein derart heikles Thema auf so breite Resonanz gestossen sei. Uns von Seniorweb als Medienpartner der Tagung interessierte vor allem, auf welcher Basis und in welchen Bereichen das Thema diskutiert werden sollte. Denn selbstverständlich belegen vor allem die Kirchen diesen Bereich sofort mit Beschlag, obwohl – wie sich in den einzelnen Vorträgen herausstellen sollte – Spiritualität ja eigentlich den geistigen Überbegriff darstellt. Religion ist dann „nur“ ein Ausschnitt davon.

Wir, die Demenzkranken von morgen

Erschreckende Zahlen präsentierte gleich zu Anfang die Direktorin der Schweizer Alzheimervereinigung, Birgitta Martensson. In der Schweiz leben derzeit 102'000 Menschen mit Demenz. Davon werden rund 60'000 Kranke zu Hause betreut. Dazu kommen je 300'000 betroffene Personen (Angehörige etc.) und weitere Betroffene (Ärzte, Pflegepersonal etc.). Pro Jahr erkranken weitere 25'000 Menschen an Demenz, Tendenz kontinuierlich steigend. Ab dem 75. Lebensjahr ist der Frauenanteil höher als jener der Männer – zum Teil vielleicht demoskopisch mit der höheren Lebenserwartung erklärbar.

Birgitta Martensson(Bild: Birgitta Martensson)

Martensson stellte mit Nachdruck fest, dass es sich um ein gesellschaftliches Problem handle, das uns alle angehe: „Die Demenzkranken von morgen – das sind wir!“ Denn die Kosten sind hoch und werden in allen Bereichen unterschiedlich aufgeschlüsselt, was zu einer Verzettelung der Gelder und zu Ungerechtigkeiten bei der Verteilung führt. Martensson rief dazu auf, Einfluss auf die eidgenössische Politik zu nehmen, denn: „Eine koordinierte Demenzpolitik tut Not“. Derzeit läuft eine Unterschriftensammlung, um schweizweit die nötigen Rahmenbedingungen zu schaffen, damit Menschen mit Demenz länger zu Hause leben können: www.alz.ch/20jahre Unterschrift ist auch per Internet möglich.

Das Ringen um Ausdruck

Gabriele Kreutzner vom „Demenz-Support“ Stuttgart steuerte dann sofort auf das Tagungsthema los. Dieses Thema habe ebenso viel mit den sich damit Befassenden zu tun wie mit denjenigen, um die es im Kern hier gehe. Zur Auseinandersetzung mit Spiritualität zog sie sowohl religionswissenschaftliche wie pflege- und naturwissenschaftliche Erkenntnisse zu Rate. Literatur zum Thema gibt es inzwischen ja zu Hauf (vgl. die Hinweise am Schluss dieses Berichts). Kreutzner zitierte vier Grundkomponenten von Spiritualität: Glauben und Werte / Suche nach Sinn und Zweck des Lebens / (Selbst-)Transzendenz / Verbundensein. Erfreulich war ihre Feststellung, dass die Unterscheidung von Religion und Spiritualität inzwischen allgemein anerkannt sei.

Gabriele Kreutzner(Bild: Gabriele Kreutzner)

„Ich denke, also bin ich“

Der in uns allen verankerte Begriff des rationalen Descart’schen Leitsatzes „Ich denke, also bin ich“ liess die Mehrheit bislang zweifeln, ob demenzkranke Menschen spirituelle Bedürfnisse haben respektive sie noch erfassen können. „Demenz ist für uns alle eine Provokation“, sagt Kreutzner.  Neuere Untersuchungen haben jedoch ergeben, dass sich ein unantastbares Selbst hinter der Krankheit verberge, dass also Demenz als neue Seinsweise verstanden werden muss. Umdenken ist angesagt.

Die theologische Sicht

Drei Vorträge befassten sich mit dem Thema aus theologisch christlicher Sicht. „Wohin reicht Religion? In welche Schichten dringt sie, wenn die konventionellen Kanäle verschlossen sind?“ fragte der Theologe Ralph Kurz von der Universität Zürich in seinem hoch spannenden Vortrag. Kurz, der zwar manchmal etwas in den Predigerton verfiel, dabei aber durch seine lebhafte Rhetorik begeisterte, umrundete den ganzen Themenkomplex von Religion als kulturellem Symbolsystem, das an sich hohe Anforderungen an die Beteiligten stelle. Viele Menschen seien „nicht gottesdiensttauglich“, seien es Säuglinge, geistig Behinderte oder Kranke.  Menschen mit Demenz aber  würden regelrecht für „religionsuntauglich“ erklärt.“

 

Ghettoisierung verhindern

Kurz plädierte dafür, Gegenstrategien zu diesen Ausschlussmechanismen, die einer „Ghettoisierung“ gleichkomme, zu entwickeln, und zwar sowohl für die Kranken als auch deren Angehörige bzw. Pflegenden. Er berief sich dabei auf Jesus von Nazareth selbst:  „Selig sind die Bettler im Geist, denn sie werden das Himmelreich erben.“ Es würde zu weit führen, hier die komplexen Ausführungen des Dozenten detailliert vorzustellen. Wir verweisen auf das Internet, wo alle Manuskripte nachzulesen sind www.zfp.tertianum.ch . Nur noch ein Kernsatz des Vortrages: „Spiritualität spielt auch dann, wenn der Empfänger sich nicht mehr entwickeln und bewusst reagieren kann.“

Anemone Eglin(Bild: Anemone Eglin)

Hoffnung wider alle Hoffnung

Pfarrerin Anemone Eglin von der Stiftung Institut Neumünster in Zollikerberg, Verfasserin einer Studie über die Miteinbeziehung der Pflegenden, ging mehr auf die praktische Seite ein, was sicher im Sinne der vielen anwesenden Zuhörenden aus dem Pflegebereich war. Sie entwarf ein Modell spiritueller Bedürfnisse, die sich aus Sehnsucht nach Zugehörigkeit sowie Trost im Leiden und dem Bedürfnis nach Lebenssinn zusammensetzt: Woher / Wohin / Warum bilden die grossen Fragen des Lebens. In der gerontologischen Forschung ist Spiritualität eine Dimension menschlicher Erfahrung und ist nicht religiös-konfessionell gebunden. Eglin ging gezielt auf die Aufgaben spiritueller Begleitung durch die Pflegenden ein und rief dazu auf, Demenzkranke grundsätzlich als gleichwertiges Gegenüber zu betrachten, „Hoffnung wider alle Hoffnung“ zu bewahren.

Glauben an eine transzendente Kraft

Das Dialogzentrum Demenz an der deutschen Universität Witten/Herdecke macht sich verdient, indem es internationale Untersuchungen zum Thema Demenz zusammenträgt. Der Theologe und Altenpfleger Christian Müller-Hergl verwies auf die immer noch magere deutsche Basisforschung zum Thema. Die meisten Aussagen beruhen auf angloamerikanischen Studien, deren Übertragbarkeit auf den deutschen Sprachraum fraglich sei. „In den Pflegesettings Europas werden religiöse Bedürfnisse wenig beachtet.“ Doch „Menschen bleiben in allen Stadien spirituelle Wesen“. Er ermunterte die Pflegenden, sich nicht zu scheuen, starke Gefühle zuzulassen, gemeinsames Beten und Singen zu praktizieren, um die Furcht der Demenzkranken vor Selbstverlust  einzudämmen.

Christian Müller-Hergl(Bild: Christian Müller-Hergl)

Erinnerungshilfe und Trösterin Musik

Zum Singen und gemeinsamen Musizieren rief auch der Schweizer Musiker und Musiktherapeut Otto Spirig in seinem mitreissenden, von vielen Musikbeispielen an seinem Akkordeon angereicherten Vortrag auf. „Worüber man nicht sprechen kann, soll man singen“ wandelte er einen bekannten Satz Wittgensteins ab. „Musik öffnet ein Fenster der Erinnerung, auch wenn die anderen Fenster schon verschlossen sind“. Wie die Psychologie feststellte, hat Musik mit Spiritualität und religiösem Erleben charakteristische Gemeinsamkeiten. Sie ist nicht rational erfassbar, spendet Trost und die Erfahrung von Sinn und Orientierung. Im gemeinsamen Singen vermittelt Musik Sicherheit und Geborgenheit und befriedigt die Sehnsucht nach dem Aufgehobensein, generell also nach dem Sinn des Lebens. Spirig erntete für seinen Vortrag begeisterten Beifall.

 

 

 

Otto Spirig(Bild: Otto Spirig)
standing ovation für Otto Spirig(Bild: Standing ovations für Otto Spirig)

 

Mythos Alzheimerkrankheit?

Die neueste Publikation zum Thema kommt aus dem angelsächsischen Raum und dürfte  ziemlichen Staub aufwirbeln - einen Staub, der sich seit 1901 und trotz intensivster wissenschaftlicher Forschung auf Definition und Behandlung der sogenannten Alzheimer-Krankheit, benannt nach dem deutschen Psychiater Alois Alzheimer, angesammelt hat. Der an der Tagung anwesende junge Anthropologe Daniel George von der Oxford University und der Universität von Cleveland/Ohio hat zusammen mit Peter Whitehouse von der Cleveland University ein Buch geschrieben, das die wissenschaftlichen und sozialen Mythen hinterfragt, welche das in der Öffentlichkeit herrschende Verständnis von Gehirnalterung geformt haben. „Mythos Alzheimer“, von Gabriele Kreutzner hervorragend übersetzt, liegt nun auf Deutsch im Hans Huber Verlag vor

www.verlag-hanshuber.com

Daniel George(Bild: Daniel George)

Gesundheitspolitik der Seelenpein

Sehr vereinfacht gesagt, schreiben die Autoren darin an gegen die hochgespielte „Alzheimerisierung der (an sich ganz normalen) Gehirnalterung“. „Unser Gehirn altert vom Zeitpunkt der Geburt an.“ Andere Kulturen, z.B. in Tibet, würden ganz selbstverständlich damit umgehen und Demenz als einen Teil des Lebens und der natürlichen Alterung betrachten. Die Pathologisierung des Phänomens habe hauptsächlich mit dem Fliessen von Forschungsgeldern innerhalb des pharmazeutischen „Alzheimer-Imperiums“ zu tun, was einer „Gesundheitspolitik der Seelenpein“ entspräche. Wenn es sich um eine schwere Form von Gehirnalterung handle, könne niemals eine „Heilung“ erreicht, sondern nur Massnahmen zur Verzögerung des Einsetzens entwickelt werden. Dagegen müsse der Sorge und Pflege höchste Priorität zukommen. „Menschliche Fürsorge und Pflege ist der Ort, an dem die wahre Hoffnung zu finden ist.“

www.zfp.tertianum.ch

www.verlag-hanshuber.com

www.alz.ch/20jahre

Über
bibliothek@pro-senectute.ch
kann die Literaturliste „Demenz – aktuelle Publikationen“ angefordert werden.

 

 

Kommentare

Bild des Benutzers rita amalin surber

Im Lande des Vergessens

Danke für den hervorragenden bericht über ein aussergewöhnliches tagungsthema. Danke auch für den Mut ans tertianum, dieses im wunderbar gelegenen lakeside anzubieten.