Bild oben: Stethoskop (aboutpixel.de)
Arzt: Grosse Verluste wegen unbezahlten Rechnungen
Ein Arzt schreibt mir: „Wir haben jährlich Tausende von Franken Verlust durch nicht bezahlte Rechnungen. Es gibt Patienten, die gehen extra viel zu verschiedenen Ärzten und senden dann deren Rechnungen an die Kassen und stecken die ihnen erstatteten Leistungen in den eigenen Sack." Und auf mündliche Nachfrage ergänzt die Praxis-Assistentin, dass sich Drogensüchtige häufig so das notwendige Geld beschaffen, um ihren Stoff zu kaufen.
Hausärzte: Riesige Ausstände
Bild: Nationalrat Otto Ineichen (www.otto-ineichen.ch)
In einem Interview mit der Gratiszeitung „News" bestätigt der FDP-Nationalrat Otto Ineichen, dass es sich keineswegs um Einzelfälle handelt: „Hausärzte haben riesige Ausstände. Teilweise über 100'000 Franken. Die Schuldner sind Leute, die allgemein versichert sind und die Prämie verbilligt haben. Sie holen sich systematisch das Geld für Arztrechnungen, bezahlen aber nicht. So schaffen sie sich ein Zusatzeinkommen. 2008 hat sich jemand 34'000 Franken erschlichen. Ich kenne den Fall."
Tiers garant
Dass solche Missbräuche überhaupt möglich sind, liegt am seit Jahren in der Schweiz praktizierten System „Tiers garant". Das heisst: Die Rechnungen der Leistungserbringer (Ärzte, Spitäler) gehen an die Patienten, diese sind Schuldner und können das Geld abzüglich Franchise und Selbstbehalt bei der Krankenkasse zurückfordern. Ob sie es dann korrekt für die Zahlung der Rechnung verwenden oder für andere Zwecke missbrauchen, bleibt ihnen überlassen.
Apotheken: Tiers payant
Bei den Apotheken funktioniert es anders: Man geht mit dem Rezept in die Apotheke, weist das Versicherungskärtchen vor, erhält das Medikament, ohne es bezahlen zu müssen. Die Apotheke rechnet direkt mit der Krankenkasse ab, die Krankenkasse schickt dem oder der Versicherten den Leistungsbeleg und einen Einzahlungsschein für Franchise und Selbstbehalt. Ein Missbrauch der Krankenkassenleistungen ist damit ausgeschlossen, die Apotheken erhalten sicher das ihnen zustehende Geld. Das Risiko, dass allenfalls Franchise oder Selbstbehalt nicht bezahlt werden, liegt dann bei der Krankenkasse.
Ungelöstes Rätsel
Es gehört zu einem der grössten ungelösten Rätsel und auch Ärgernisses des heutigen Gesundheitswesens, dass in allen Kantonen vorwiegend nach dem missbrauchanfälligen System Tiers garant abgerechnet wird. Zwar schreibt Claudia Brenn, die Generalsekretärin der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich, nach dem geltenden Tarifvertrag zwischen Ärzten und Versicherungen (TARMED) gelte grundsätzlich Tiers garant, aber „EINZELNE Leistungserbringer können mit EINZELNEN Versicherten ohne Kündigung des geltenden Tarifvertrages den Tiers payant vereinbaren."
In der Praxis absolut untauglich
Bild: Hausarzt gibt Spritze (aboutpixel.de)
Das stimme zwar, teilt mir ein Hausarzt mit, führe aber zu einem gewaltigen administrativen Zusatzaufwand: „Dann muss der Patient bei JEDER Rechnung eine sogenannte Abtretungs-Bestätigung unterschreiben, was im Alltag SEHR mühsam ist, weil wir dann die Rechnungen nicht mehr vom Computer automatisch erledigen lassen können. Ausserdem zahlt uns die Kasse NICHT den vollen Betrag, sondern zieht die Franchise und den 10 %igen Selbstbehalt davon ab." Was den Arzt zwingt, für den ihm abgezogenen Betrag den Patienten wieder Rechnung zu stellen, welche oft nicht bezahlt würden. Also neben dem enormen administrativen Zusatzaufwand noch ein zusätzliches Risiko für den Arzt oder die Ärztin, auf der unbezahlten Rechnung für Franchise und Selbstbehalt sitzen zu bleiben.
Kommentar
Wenn man solche Sachen erfährt, dann wundert es einem nicht im Geringsten, dass das Gesundheitswesen so enorm teuer ist. Und es ist beim besten Willen nicht ersichtlich, weshalb das mit den Apotheken praktizierte Prinzip nicht auch für andere Leistungserbringer (Ärzte, Spitäler) funktionieren sollte. Bei Tiers payant müsste der Patient oder die Patientin nicht mehr Bank spielen, Leistungen der Krankenversicherungen können nicht mehr zweckentfremdet und in den eigenen Sack gesteckt werden, der ganze administrative Ablauf würde wesentlich vereinfacht. Vielleicht wachen angesichts der ungebremsten Kosten im Gesundheitswesen jetzt endlich die Politikerinnen und Politiker auf. Eine von Nationalrat Otto Ineichen gegründete unabhängige Arbeitgruppe zum Gesundheitswesen ist doch immerhin ein kleiner Hoffnungsschimmer. Und auch die Stiftung für Konsumentenschutz (SKS) will jetzt mit einer Online-Petition gegen die ungebremst steigenden Prämien im Gesundheitswesen protestieren.
Links
Petition der Stiftung für Konsumentenschutz gegen die Kostenexplosion im Gesundheitswesen
(die Unterschriftensammlung ist abgeschlossen, die Unterschriften wurden eingereicht. Herzlichen Dank für die Teilnahme. 30.06.09/bpo)
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