Von weit her sind Kuhglocken zu hören. Braunvieh weidet zwischen Alphütten oben am Berghang. Insekten summen, Dohlen kreischen. Hin und wieder ertönt der schrille Pfiff eines Murmeltiers. Dann sieht man den pelzigen Nager auf einem Felsbrocken aufrecht stehen, den Kopf in die Luft gestreckt, bevor er mit einem nächsten Pfiff zwischen den Steinen verschwindet. Bäche rauschen. Darüber führen Holzstege. Der Wanderweg zieht sich in einer grossen Schlaufe durch die Bergmatte oberhalb von Cresta im Averstal.
Anemonen, Männertreu, Vergissmeinnicht, Enziane, Veilchen, Eisenhut, Hahnenfuss, Lichtnelken und Feuerlilien blühen. An den Bächen entlang leuchten die Sumpfdotterblumen in ihrem kräftigen Gelb. Weiter oben liegt letzter Schnee in Felsnischen; hinunter ins Tal fällt der Blick auf kleine Siedlungen und Höfe. Wie ein dunkelgrünes Band ziehen sich am gegenüberliegenden Berghang der Letzi- und Capettawald entlang. Rundum bilden Dreitausender eine natürliche Kulisse.
Auf den Bergfrühling mit seinen blühenden Matten folgt mit dem Heuetbeginn Anfang Juli ein kurzer Sommer. Atemberaubend sei der Herbst, sagen Einheimische. Dann würden sich die Lärchen golden verfärben, jeden Tag ein bisschen mehr. Der Himmel ist blau, während im Tal unten der Nebel liegt. Der erste Schnee fällt oft schon im September. Ende Oktober beginnt ein langer Winter. Der Lauf der Jahreszeiten im bündnerischen Averstal verläuft anders als im Unterland.
Die Abzweigung ins Avers erfolgt auf der San-Bernardino-Route in der Nähe von Andeer in der Rofflaschlucht. Das Gemeindegebiet beginnt hinter Innerferrera, wo auch die Strasse ins italienische Valle di Lei abbiegt. Dieses gilt mit seinem Stausee als Paradies für Fischer. Das Wasser des acht Kilometer langen Lago di Lei ist zudem das einzige Gewässer Italiens, das nicht ins Mittelmeer, sondern über den Rhein in die Nordsee fliesst. Die 141 Meter hohe Staumauer und der 950 Meter lange Zufahrtstunnel befinden sich seit einem Landabtausch 1962 auf Schweizer Boden.
Ein Paradies für Ruhesuchende
Acht sogenannte Fraktionen gehören zur politischen Gemeinde Avers. Campsut auf rund 1600 Metern ist der am tiefsten gelegene Ort. Juf – ausgesprochen «Jof» – liegt auf über 2100 Metern und gilt als die höchstgelegene, ganzjährig bewohnte Siedlung Europas. Die gut ausgebaute Kantonsstrasse verbindet die einzelnen Fraktionen und ermöglicht den Zugang ins Tal auch im Winter: Ein übersichtliches Skigebiet mit einer Langlaufloipe, drei Skiliften und einer Tageskarte für nur dreissig Franken macht das Avers zu einem Geheimtipp für Wintersportlerinnen und Wintersportler, die es gerne etwas gemütlicher haben.
Nur gerade 180 Einwohnerinnen und Einwohner zählt die Gemeinde. Diese sprechen deutsch: Das Avers ist ein altes Walsertal. Die meisten verdienen ihren Lebensunterhalt im Tourismus oder in der Landwirtschaft. Im Hauptort Cresta stehen die Kirche mit ihrem Friedhof, das Gemeindehaus, eine Tankstelle, das Hotel Capetta, ein kleiner Einkaufsladen und das Schulhaus: Rund zwanzig Kinder aus den verschiedenen Fraktionen besuchen dort mit dem Postauto den Unterricht von der ersten bis zur sechsten Klasse. Die Älteren fahren hinunter nach Andeer.
Von Juf aus geht es nur noch zu Fuss weiter. Passwanderungen führen nach Bivio ins Tal des Oberhalbsteins, nach Maloja ins Oberengadin oder nach Soglio ins Bergell. Die alte Averserstrasse aus dem Jahr 1895 zieht sich als historische Wanderroute von Juf bis hinunter zur Rofflaschlucht. Die Via Alpina, der internationale Fernwanderweg über den ganzen Alpenbogen von Triest bis nach Monaco, führt vom Engadin herkommend über den Septimerpass durchs Hochtal des Avers über den Niemetpass nach Montespluga in Italien.
Eine besondere Attraktion ist der Murmeltierpfad. Das Bergalgatal, ein Seitental des Avers vor Juf, zählt zu den murmeltierreichsten Regionen der Alpen. Eine Wiener Forschungsgruppe studierte dort den Winterschlaf der Murmeltiere. So entstand im Frühjahr 2001 der Murmeltierpfad (www.murmata.ch): Ein mit zwölf Informationstafeln ausgeschilderter Erlebnis- und Lehrpfad führt mitten durch das Gebiet der Winterschläfer und erzählt auf drei Kilometern viel Wissenswertes über sie. Wenn sie im April aus ihrem Winterschlaf erwachen, sind sie auf Schritt und Tritt zu sehen und zu hören. Murmeltiersalbe – wärmend oder kühlend – gibt es im Avers überall zu kaufen.
Auch Wölfe und Luchse seien immer wieder auf der Durchreise, erzählt Fritz Clavadetscher. Der pensionierte Lehrer ist ein grosser Kenner des Avers und seiner Tiere und Pflanzen. Eine besondere Vielfalt biete die Vogelwelt: Adler, Bartgeier, Sperber, Turmfalke, Birkwild, Steinhühner, Dohlen, Tannhäher, Kolkrabe, Nebelkrähe, Rabenkrähe … Der Einheimische ist begeistert vom Tal und der einzigartigen Tier und Pflanzenwelt: «Hier habe ich alles, was ich brauche. Die Natur gibt mir die Möglichkeit zur Auseinandersetzung mit mir selber.»
Auch fürs leibliche Wohl ist gesorgt
Manchmal macht Fritz Clavadetscher mit Gästen aus dem benachbarten Hotel Capetta Exkursionen hinaus in die Bergwelt und versucht, seine Liebe für die Schönheit dieser kargen Landschaft weiterzugeben – gerade auch den Besucherinnen und Besuchern aus den Städten und aus anderen Ländern. In seiner Werkstatt in Cresta stellt er Holzgegenstände aus einheimischem Arvenholz her und bietet sie im Hotel Capetta zum Verkauf an. Dort gibt es neben Alpkäse und Salsiz, Kümmelschnaps und Siedwurst auch luftgetrocknetes Bündner Rindfleisch aus der Region zu kaufen.
Diese Zusammenarbeit mit einheimischen Produzentinnen und Produzenten ist den Gastgebern im Hotel Capetta wichtig. Doloris Karin und Frank Stuhr aus dem Süden von Berlin übernahmen 2007 das neu eröffnete Hotel-Restaurant Capetta. Mit viel Liebe zum Detail richteten sie es ein – ein Familien- und ein rollstuhlgängiges Zimmer kommen besonderen Bedürfnissen entgegen.
Von Anfang an fühlte sich das Paar in Cresta gut aufgehoben und von der einheimischen Bevölkerung angenommen: «Wir könnten uns nicht mehr vorstellen, die ruhige Abgeschiedenheit dieser Umgebung mit unserer heimatlichen Grossstadt zu tauschen.
Weitere Informationen
Viamala Ferien, Bodenplatz 7435 Splügen Telefon 081 650 90 30 Fax 081 650 90 31 Mail info@viamalaferien.ch Internet www.viamala.ch Gästeinformation Avers, 7447 Avers, Tel. 081 667 11 67, Mail avers@viamala.ch
Hotel Capetta, Doloris Karin Stuhr, 7447 Avers-Cresta, Telefon 081 650 88 22, Mail info@hotel-capetta.ch, Internet www.hotel-capetta.ch
Bild: redaktion zeitlupe
|
|
Twittern |