Rücken Sie doch ein wenig näher zu mir. Es muss ja nicht jeder hören, was in meinem Kopf so langsam Gestalt annimmt. Noch scheue ich die Konkurrenz, weniger die Hemmungen. Das Experimentierfeld liegt offen vor mir. Was sich auf ihm alles tummelt, wird von Tag zu Tag interessanter. Es ist erstaunlich, wie medienwirksam die Bescheidenheit sich in den Reihen derer ausbreitet, die für eine Wahl keine Ambitionen zeigen. Ich wage mir gar nicht auszumalen, was passiert, wenn nun tatsächlich keiner von ihnen gewählt würde, sondern ich! Zurück bliebe ein Haufen frustrierter Helden, die meine Nackenhaare zum Sträuben bringen. Ich fange an zu ahnen, weshalb im Parlament die Unfähigkeit grassiert.
In solch einer politisch entscheidungsschwachen Phase steigen meine Chancen. Ich betrachte das nicht als verzweifelte letzte Massnahme. Nein, die Zeit ist einfach reif für Söphelis probate Mittel, um die latente Machtlosigkeit unserer Regierung aufzufangen. Im Überraschungseffekt liegt mein Schachzug. Völlig unerwartet tauche ich als Phänomen im Werden auf. Ein einziges grosses Fragezeichen für die so festzementierte politische Landschaft. Glauben Sie mir, ich werde so manchen mit meinem vergnüglichen Reifeprozess aus den Socken hauen und mich bestens gerüstet zeigen, für das, was mich erwartet – vor allem die Kollegen des Bundesrates.
Ich scheue es nicht, mich mit Ecken und Kanten zu zeigen. Einmal so richtig aufzufallen, noch besser, aus der Rolle zu fallen, ist in meinem Alter ein wahrer Jungbrunnen. Mit Genuss werde ich zähe Tretmühlen und überholte Verhaltensmuster brechen. Ab und zu eine Masche fallen lassen, reizt ungemein.
Parteilos dem Volk entstiegen, gehöre ich keiner Interessenverbindung an. Besitze keine Lobby, noch hüte ich Aktienpakete. Positioniere mich weder links noch rechts, bin also fast nicht angreifbar... Glauben Sie aber ja nicht, es fehle mir an Autorität. Ich trage sie nur nicht als riesigen Zinken im Gesicht. Meine Raffinesse liegt in der Harmlosigkeit, die sich völlig unerwartet zu einem reissenden Wolf auswachsen kann.
Natürlich habe ich mir ernsthaft Gedanken über meinen Leistungsausweis gemacht, aber so viel wie ich bis jetzt herausgefunden habe, ist dieser Punkt nicht von Relevanz, und was nicht gefragt ist, muss ich auch nicht beantworten.
Dagegen zeigt sich die Zugehörigkeit zur Sprachregion als recht heikel. Nicht für mich. Als Multitalent bin ich jederzeit in der Lage, meine Schriften irgendwo in der Schweiz zu hinterlegen. Ich wäre nicht die Erste...
Bauchschmerzen bereitet mir einzig der Gedanke übers chaotische EDI. Zurzeit ein Departement, wo sich jede Führung wie ein Dackel im Regen vorkommt. Es schüttelt einem den Pelz...
Was halten Sie davon, wenn ich dem EDI noch ein R und S hinzufüge? So in etwa: EDI, R-S. „Eidgenössisches Departement für das Innere, den Ruheständlern und die Seniorenlobby.“ Das lässt doch aufhorchen!
In den nächsten Tagen werde ich Ihnen einen umfassenden Fragenkatalog zusenden, in dem Sie beherzt Ihre Wünsche äussern dürfen. Mit diesem Wissen nehme ich unsere Macht in die Hände. Die Grenze des Wahnsinns haben wir ja sowieso längst überschritten. Einer mehr fällt überhaupt nicht ins Gewicht... Und genau das ist der Augenblick, wo ich die Schleusen der Goldkammer über unsere AHV regnen lasse. Was dient der Schweiz mehr, als eine glückliche, zufriedene Altersgeneration? Wir sind die Mehrheit! Wählerfreudig stürmen wir an die Urnen. Man buhlt um uns. Spüren Sie, wie unser Selbstbewusstsein steigt? Die Lethargie lassen wir hinter uns wie ein Paar ausgediente Latschen. Altsein wird weltweit zu einem Modetrend. Jawohl, Neid hin oder her, Altsein lässt sich nicht kaufen und schon gar nicht an der Börse handeln. Also auch in stürmischen Zeiten ein sicherer Wert.
Ich merke schon, Sie kommen, wie ich, ins Schwärmen. Also packen wirs an und sponsern das Söpheli mit Elan in die politische Chefetage.
Es ist immer gut, der Zielgruppe anzugehören. Versprechungen wären dann eben auch in meinem Interesse. Das Halten kann ich nicht garantieren. Zwischen mir und meinen Versprechungen steht noch immer das Parlament. Eine frustrierte, frustrierende Menschenansammlung.
Damit Sie wissen, auf was Sie sich bei mir einlassen, versichere ich Ihnen, Freundschaften mit ausländischen Ministern würde ich nie öffentlich bekunden. Das Widerrufen wäre mir zu peinlich.
Warten lassen, in einer demütigen, geknickten Haltung, das wäre mir gegenüber als Bundesrätin eine angenehme, begehbare Variante der politischen Haltung. Ja geradezu ein Privileg.
Sie spüren mich?
Es grüsst Sie mit tiefer Verbundenheit,
Ihr Söpheli
Bundesrätin i.W.
Neid und Bewunderung