Doch dann tauchen wir ein ins Reich der Sequoias, und unvermittelt umgibt uns ein Hauch von Ewigkeit. Unglaublich, vor Bäumen zu stehen, die mehr als 2500 Jahre alt sind. Rot leuchtende Stämme mit Strünken, die wahre Kunstwerke sind. Hoch ragen sie in den tief blauen Himmel mit ihren dichten Nadelgipfeln. Da gibt es Gebilde, wo zwei oder drei der Giganten zusammen verwachsen sind, Dreieinigkeit in der Natur. Und gleich daneben ragen verkohlte Stümpfe empor, gezeichnet von Blitzschlag oder sonstigen Feuersbrünsten. Ausgebrannt und hohl, einem Kamin gleich.
Leicht lässt sich nachvollziehen, was den Schotten John Muir im 19. Jahrhundert bewogen hat, aus seinem andächtigen Staunen vor dieser Natur heraus meditative Texte zu verfassen, in denen er diese Orte mit Kapellen und Kathedralen vergleicht, die zum Lobe Gottes einladen. Unsere Wanderung zu der nach ihm benannten Muir Grove wird denn auch zu einem eindrücklichen Höhepunkt. Sie führt direkt von unserem Campground am Dorst Creek durch unscheinbares Gehölz über zwei Bachtobel hinweg und über eine aussichtsreiche Höhe unvermittelt an einen Platz, wo eine ganze Anzahl schönster Sequoias im Kreise stehen. Die Wipfel fügen sich im Morgenlicht zusammen, die hell leuchtenden Stämme sind die Pfeiler, kaum ein gotischer Dom kann es mit diesem heiligen Ort aufnehmen. Wir verharren in Stille und Staunen. Fast zwei Stunden dürfen wir hier in Zweisamkeit verbringen, während am Tage zuvor am berühmtem General Sherman Tree, einem der mächtigsten Bäume der Welt, für ein Foto vor dem Baum angestanden werden musste.
Ehrwürdige Zeitlosigkeit ist das eine, feiern historischer Ereignisse das andere. 4. Juli, Unabhängigkeitstag, in den USA einer der grossen Feiertage. Wo und wie sollen wir dabei sein? Ein Flugblatt lädt zum Fest auf dem Buck Rock . Der Ort lässt sich auf der Karte finden und scheint lohnend. Nach einigen Meilen mit unserem Wohnmobil machen die Wegverhältnisse aber die Weiterfahrt wenig ratsam. So laden wir unsere Fahrräder ab und setzen den Weg auf staubiger Strasse aus eigener Kraft fort. Bald geht's steil bergauf. Schieben ist angesagt. 2 1/2 Meilen können weit sein. Doch dann ragt endlich der erwartete Fels vor uns empor, dessen Spitze ein kleines Häuschen ziert. Treppen führen frei durch die Luft hinauf. Kein Naturwunder diesmal, eine eindrückliche Leistung von Menschen Hand. Am Fusse des Rocks sind Stände aufgestellt, an denen zur Feier des Tages verschiedene Freiwilligengruppen auf ihre Anliegen zum Schutze der Umwelt aufmerksam machen. Auch zu Essen und zu Trinken gibt es und Spiele für die Kinder. Wir steigen jedoch zuerst über die schwindelerregenden Treppen hinauf zum Feuerwachthäuschen, in dem bis heute bei Tag und Nacht jemand Ausschau hält, wo in den unendlichen Wäldern ein Brand ausbrechen könnte. Ein Ranger des National Forest, Geologe von Beruf, tut hier freiwillig Dienst und erläutert uns mit Begeisterung den Rundblick und die Geschichte dieses einmaligen Punktes. Ein herausragenderer Ort liesse sich wohl schwer finden, um den 4th of July würdigen zu begehen.
Vor der Ausreise nach einer Woche Sequoia National Park noch ein kurzer Gang zum Aussichtspunkt „Buena Vista". Den grossartigen Weitblick verheisst schon der Name. Zur Überraschung finden wir aber nochmals einen Platz, der zu andächtigem Staunen einlädt. Diesmal ruhen riesige rundgeschliffene Felsbrocken in kreisförmigen Anordnung auf der Kuppe eines Hügels: Die unerwartete Entsprechung zum Baumkreis der Sequoias in der Muir Grove. So verlassen wir der Sequoia Park tief beeindruckt von diesem Blick in ewige Zeiten.
Weitere Folgen
1. Aufbruch zur grossen Reise: USA und Kanada
2. Mit Fragen die Reise beginnen
4. Sequoia Nationalpark: Zwischen Zeit und Ewigkeit
6. Orte zum Verweilen und Orte fürs Abenteuer
7. Waldsterben – ein Wort wird Wirklichkeit
8. Switzerland of America und Little America
9. Im Land der Shoshone-Bannock
10. Horizonte
11. Strandgut
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