Freizeit

Familie Blondschopf

Familie Blondschopf

Michos - ein griechischer Kellner erzählt. Jahr für Jahr kommen sie auf meine Insel. Ich erfülle ihre Wünsche Ich sehe in ihre Augen. Und manchmal auch ein Stück weit in ihr Leben.

 

Ich sah ihn zum ersten Mal an einem Samstagabend. Natürlich war Samstag, gerade war wieder ein Bus mit neuen Gästen angekommen. Die Halle war voller Koffer, Reisetaschen und Bleichgesichtern, letztere nervös von der Reise, müde und verschwitzt von der langen Busfahrt vom Flughafen bis zum Hotel, eine Fahrt von mehr als einer Stunde über eine heisse Bergstrasse. Was sie jetzt brauchten, war ein schönes Zim­mer, eine erfrischende Dusche und dann ein kühler Drink, genau in die­ser Reihenfolge.

Er war also bei Nummer 3 angelangt, kam mit langen Schritten durch die Halle an die Bar. Gut sah er aus, mindestens 1.85 Meter gross, blond, mit sehr schönen blauen Augen. Er bestellte sich ein Bier und besah sich belustigt und offensichtlich sehr zufrieden das Treiben rundherum.

Dann kam die verkleinerte Ausgabe von ihm durch die Halle. Vielleicht vier oder fünf Jahre alt, ebenfalls blond mit blauen Augen. Ich wusste sofort, dass es sein Sohn war, noch bevor er ihn Papa nannte. „Hallo!," sagte ich. „Ich hab Durst!" sagte er. „Das ist kein Problem" sagte ich und machte ihm einen Drink. Frucht­saft, Eis, Orangenscheibe, Cocktailkirsche. Mein kleiner Gast sollte zu­frieden sein. Als ich das Glas vor ihn stellte, sah ich doppelt. Auf dem Hocker sassen zwei Blondschöpfe, absolut identisch. Ich war verwirrt, denn das Doppeltsehen ist ausschliesslich meinen Gästen vorbehalten. Da ertönte ein doppeltes, schadenfreudiges Gelächter.

„Dich haben wir aber drangekriegt!“, sagte einer der beiden. „Aber mach dir nix draus, das geht allen Leuten so wenn sie uns zum ersten Mal se­hen."

Ich bedankte mich für den Trost und machte einen zweiten Drink, eben­falls identisch. Ich nahm es schon ruhiger, als ich ein drittes blondes Et­was durch die Halle hüpfen sah, diesmal weiblich, mit einem rosaroten Kleidchen. Sie setzte sich auf Papas Schoss und ich machte ohne zu fragen einen weiteren Drink. Der Papa sass schweigend da und gab sich grosse Mühe, vor Stolz nicht zu platzen. Und dann kam die Schöpferin des Ganzen, und sie war nicht blond sondern sehr dunkel mit einem Stich ins Rötliche, was aber bei Frauen absolut nichts heissen muss. Sie hatte grosse Ähnlichkeit mit dem kleinen Mädchen, ebenfalls schmale, zarte Gesichtszüge und wunderschöne blaue Augen. Einen Drink wollte sie, der nach Sonne schmeckt, nach Ferien, guter Laune und Griechen­land. Sie war ein Fall für Shirokko.

Als sie zum Essen gingen, sah ich ihnen nach. Das war eine Familie, die auch den überzeugtesten Junggesellen zum Standesamt bringen konnte. Danach sah ich sie wieder beim Frühstück, der Vater trug immer eines seiner Kinder auf den Schultern in den Speisesaal, abwechselnd in einem genauen Turnus, und nach einigen Tagen wusste ich genau, wer heute wieder von sehr hoch oben auf mich herabsehen würde.

Die Zwillinge hatten mir inzwischen ihr grosses Geheimnis anvertraut, wie man sie auseinander halten konnte.

„Guck mal, Michos, was siehst du hier?“ „Eine kleine Warze.“ „Also, wenn du den mit der Warze siehst, dann ist das immer der Martin, der Frank hat nämlich keine.“

„Wie können Sie die beiden denn auseinander halten?“ fragte mich ei­nes Abends ein Gast, als ich sie mit Namen begrüsste. „Ach, das ist ganz einfach, wenn man ein bisschen Menschenkenntnis hat," antwortete ich und erntete dafür einen sehr verschmitzten Blick aus vier blauen Augen.

Sie bauten Sandburgen, Schlösser, Hochhäuser, wahre Kunstwerke im Sand und der Vater schien über eine unglaubliche Geduld und Energie zu verfügen.

Nur das kleine Mädchen weinte oft, vielleicht vertrug es die Sonne nicht so gut, dachte ich mir. Dann war es immer der Vater, der sie trösten musste.

Ja, und dann kam wieder der besagte Freitag, der immer irgendwann und für jeden kommt. Wo man zum letzten Mal den Sand aus den Schu­hen schüttelt, die Koffer wieder hervor nimmt und Abschied nehmen muss.

Frank sass an der Bar und machte ein furchtbares Gesicht. „Traurig?“, fragte ich. „Hm.“ „Wenn ich dir verspreche, dass das Meer im nächsten Jahr auch noch hier ist, an der genau gleichen Stelle, bist du dann wieder lustig?“ „Ach du mit deinem blöden Meer.“

Das fand ich eine Frechheit und wandte mich wieder meinen Gästen zu. „Michos, das ist doch nicht wegen dem Meer, nur wegen meinem Papa, jetzt kann ich nicht mehr mit ihm spielen.“

„Das ist aber ganz normal, alle Väter müssen mal wieder arbeiten, oder wer sollte denn sonst das Geld für die Familie verdienen. Und ausser­dem hast du doch so eine nette Mama.“ „Die kennst du doch gar nicht!“ „Wieso, ich habe sie doch jeden Tag hier gesehen“, sagte ich nun leicht irritiert.

„Ach, du kapierst aber auch gar nichts. Das ist doch nur die Gerti. Meine Mama ist an der Ostsee mit dem Klaus, und das ist ein ganz fieser Mops. Weisst du was der gesagt hat? Der hat gesagt, wenn er mit uns auch noch in die Ferien müsste, dann würde er sich in der ersten Welle ersäufen. Jetzt müssen wir wieder zu Mama und dem Klaus und der Papa kann zur Gerti, aber die ist nett. Da wärst du doch auch traurig?“

Ja, was macht ein Barmann mit einem solch sorgenvollen Gast? Er mixt ihm einen Drink, so richtig was für Männer. Aber nicht einmal das konnte ich für ihn tun, dafür war er halt noch zu klein.