Gesellschaft

Die Bünzlis

Die Bünzlis

Bünzli könnten alle geheissen haben; sie wohnten im Dorf, das noch eines war. Jeder wusste was der andere tat; wusste er es nicht, fragte er nach, entweder direkt, oder über einen Dritten. Das waren noch Zeiten: alle wussten Alles!

 

Auskunftstellen waren die Käserei, wo Milch abgeliefert, oder, mittels Kesseli, abgeholt wurde – und am Anschlagbrett zu erfahren war, ob die Kuh von Dem und Dem „ausgewogen“  das heisst: per Pfunde im Notschlachtlokal verkauft wird. Dass es eine Notschlachtung war, wusste man ja bereits. Jetzt ist Bankwürdigkeit attestiert und damit Kaufpflicht für Mitglieder der Viehversicherung verordnet. Das fanden alle gut, sonst wäre der Schaden grösser, die eigene Versicherungskasse ärmer.  

Auch der „Konsum“ war gut für – heute würde man sagen: „News“. Von dort wussten die Bauern, dass es ein ganz neues „Brämenoel“ gibt, das mit einer ebenso neuen Handspritze über die Zugtiere versprüht werden kann und deshalb keine Verbrennungen, weder bei Pferden, noch auf der empfindlichen Euterpartie der Kühe, verursacht. Beides, Oel und Sprayer, standen nun vorne bei den Heuerhüten, den Carborundum-Wetzsteinen, den Znüni-Körben und den Erikabesen, direkt unter den Knorr-Suppenwürsten, den Rössli-Stumpen; grad neben dem Eingang, der gleichzeitig Ausgang war.

Sommerzeit. Alle wollten schönes Wetter haben; der Heuet stand an. Es war an der Zeit, höchste Zeit – nur das Wetter: ist es das richtige Heuwetter, oder wird das Erstgemähte schon verregnet werden? Einer mäht – der ist verrückt! Am Abend sind alle verrückt: alle mähen. Man weiss auch wer mit Vereinzeln der Runkeln noch nicht fertig ist – und wer geholfen hat. Sonst wäre der ja nie fertig geworden! Es wird ihm eine Lehre sein. Mach nicht dass dir das nochmals passiert, sonst bist du – ja also wirklich, das ganze Dorf würde…, pass auf! Und die Heufuder: du meine Güte. Kannst du es nicht besser? Das Halbe liegt ja auf der Strasse, eine solche Lumpenfuhre! Heufuder sind wie Ackerränder und Hufbeschlag deiner Pferde: sie zeigen wer du bist! Dein Gesicht wird nicht abgedeckt, man erkennt dich, man weiss, man sagt es dir und anderen, deine Kinder können es hören.

Waren unsere Altvorderen „Bünzlis“, weil sie dem Daten- und Persönlichkeitsschutz eine andere Interpretation gaben? Sie schauten hin, kritisierten, rechteten. Ihnen war nicht gleichgültig was einer tat, weil sie sagten: Du bist einer von uns, was du machst betrifft uns, mach es gut, respektiere Mein und Dein. Allgemeingut ist auch unser Gut, erwarte nicht Nachsicht über mangelnde Rücksicht und fehlende Einsicht. Dich hinter schlechten Einflüssen verstecken zu wollen akzeptieren wir nicht; es gibt genug gute, auch wenn du uns deshalb als die „Bünzlis“ mit den fein geschnürten Schuhen und dem Pünktchen auf dem I auslachst.

Kommentare

Ich bin ein diskreter Mensch und lege grossen Wert auf Distanz. Wieso aber überkommt mich beim Lesen dieses Textes so etwas wie Sehnsucht oder Heimweh nach dieser Welt???
Bild des Benutzers Ruth Suter

Die Bünzlis

Ich finde, du hast die früheren Zeiten, das Verhalten der Menschen, das sich gegenseitig Helfen, sehr nuanciert beschrieben. Heute besteht oft Hektik, teilweise Kälte, Egoismus und man findet ausserhalb der Verwandtschaft wenige Leute, die einem freiwillig helfen. Tröstlich ist, dass wir uns als Rentner aus vielem heraushalten können. Wenn wir gesundheitlich noch in der Lage und familiär nicht allzu stark beansprucht sind, gibt es genug Möglichkeiten sich freiwillig zu betätigen.