Lembert Dome
Wir waren ein paar Tage im Yosemite National Park, auf einem wunderschönen Campground am Fluss in den Tuolumne Meadows in der High Sierra auf über 2000m Höhe. Und, wie üblich, gab es tagsüber und abends Rangerprogramme – an jenem Abend um halb sieben war ein Sonnenuntergangsprogramm angekündigt: „Music and mountains“. Treffpunkt in der Nähe am Fusse des imposanten Lemberg Dome, eines der Granitriesen, die aus der Landschaft in den Himmel ragen. Wir radelten dorthin – was offenbar nur Schweizer machen, trafen dort auf Margaret Eissler, die Rangerin, und etwa zwanzig Leute. Zunächst begannen wir den Aufstieg in Richtung Lembert Dome, bald hielt die Gruppe an. Wie fühlt ihr euch, wenn ihr oben auf einem Berg steht? Diese Frage interessiere sie schon lange, sagte Margaret, und sofort kommen Antworten wie „erhaben“, „klein“, „stolz auf die vollbrachte Leistung“, „dem Himmel näher“. Ja – diese Distanz zum Alltäglichen, welche die Dinge anders beleuchtet, neu gewichtet, diese stand in den nun folgenden Lesungen im Zentrum.
Die Rangerin
Es wurden von uns Teilnehmenden von Margaret ausgewählte Texte vorgelesen, dazwischen spielte sie Weisen aus allen Ländern auf ihrer Flöte. Die Texte stammten allesamt von Menschen, die die Welt wirklich aus Distanz betrachtet haben: Von Astronauten aus aller Welt. Sie alle erlebten beim Blick zurück auf unsere Erde die Schönheit und die Einheit, die über alle Grenzen geht und die es zu bewundern, zu ehren und zu bewahren gilt. „Ich habe den Himmel geliebt seit meiner Geburt. Und wenn ich fliegen konnte, wollte ich höher hinaus, in den Raum eindringen und ein Mann der Höhen werden. Während der acht Tage, die ich im Weltraum verbrachte, realisierte ich, dass wir Menschen die Höhe vor allem nötig haben, um unsere lang-leidende Welt besser zu kennen, um zu sehen, was wir aus der Nähe nicht sehen können. Nicht nur um ihre Schönheit zu lieben, sondern auch, um sicher zu gehen, dass wir auch nicht den geringsten Schaden anrichten in unserer Welt“ (Pham Tuan, Vietnam). Eine andächtige Stimmung, eine Stille entstand zwischen den Texten, der Musik, dem Aufstieg dazwischen, im Blick auf die sinkende Sonne über den hohen Bergen. Viele der Teilnehmenden waren offensichtlich nicht das erste Mal dabei – kein Wunder, war doch dieser Abend ein sehr intensives Erlebnis!
Zwei Tage später waren wir in Lee Vining, dem Städtchen am Ostausgang des Nationalparks am Mono Lake. Während einer unserer Wanderungen im Park war uns von einem Paar ein Restaurant mit Meisterkoch empfohlen worden bei der „Mobil gasstation“ an diesem Ort. So machten wir uns denn von unserem Zeltplatz aus zu Fuss auf den Weg ins kleine Städtchen, fanden mehrere Tankstellen, aber nicht die Mobiltankstelle mit dem Restaurant. Beim Einkauf einer Dichtung für den Wasseranschluss unseres Campers in einem übervollen Werkzeugladen fragten wir den jungen Verkäufer also danach.... worauf er sofort begeistert reagierte. Auf unsere Frage, ob wir denn dahin zu Fuss gelangen könnten, meinte er, ja, er gehe auch zu Fuss, es sei etwa eine halbe Stunde. Er beschrieb den Weg – und eine Viertelstunde später waren wir da – neben der Tankstelle ein grosses Gebäude, davor unzählige Tische mit Bänken, viele Leute, life-Musik von zwei Gitarristen mit Gesang. Drinnen wie in einem Fast-food-Restaurant: anstehen an der Kasse, bestellen, bezahlen, warten, bis die Nummer aufgerufen wird, dazwischen plaudern mit dem Mexikaner, der nur fürs Nummerausrufen zuständig ist – dann kam unsere Nummer, und die Fischtacos und das Fleisch mit Preiselbeerensauce waren wirklich wunderbar. Dazu die Feststimmung draussen, die mitreissende Musik, die hinter den Bergen untergehende Sonne, der Blick auf den riesigen See. Während wir zurück ins Städtchen wanderten, sinnierten wir darüber, dass wir wohl nebst dem Verkäufer aus dem Werkzeugladen die einzigen waren, die dorthin zu Fuss gehen. Als wir am Laden vorbeikamen, war er immer noch da und freute sich, dass es uns gefallen hatte.
Weitere Folgen
1. Aufbruch zur grossen Reise: USA und Kanada
2. Mit Fragen die Reise beginnen
4. Sequoia Nationalpark: Zwischen Zeit und Ewigkeit
6. Orte zum Verweilen und Orte fürs Abenteuer
7. Waldsterben – ein Wort wird Wirklichkeit
8. Switzerland of America und Little America
9. Im Land der Shoshone-Bannock
10. Horizonte
11. Strandgut
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