Umwelt

Die hohe Kunst, einen Baum zu fällen

Die hohe Kunst, einen Baum zu fällen

Holz zu schlagen, macht Spass und bringt den Körper in Schwung. Souverän und gefahrlos mit der Motorsäge zu hantieren, kann man auch in späteren Jahren noch lernen. Dafür gibt’s lehrreiche Kurse.  

 

An einem Tag wie heute, wo es nieselt, weiss man es besonders zu schätzen: Das Schulzimmer fährt auf vier Rädern direkt im Wald vor! Motorsägenhandhabung – so heisst der dreitägige Kurs, für den sich die sechs wartenden Männer angemeldet haben. Durchgeführt wird er in einem Waldstück im aargauischen Siglistorf. Im Mobi, der mobilen Ausbildungseinheit, sitzen die Kursteilnehmer eng beisammen, witzeln ein wenig, sind aber ganz bei der Sache. Auf den winzigen Klapptischchen hat knapp ihr Ordner mit den Kursunterlagen Platz, sonst ist der Mini-Schulungsraum mit allen Schikanen ausgerüstet, von der Videoanlage bis zum Hellraumprojektor.

Kursleiter Markus Ottiger zeigt eben an einem übergrossen Modell, wie der Zahn einer Motorsägenkette aussieht, wie er sich ins Holz frisst, wie man ihn mit der Rundfeile schleift und schärft. Ottiger ist Förster im nahen Forstbetrieb Region Kaiserstuhl, doch diese Woche wirkt er als Lehrbeauftragter für Waldwirtschaft Schweiz WVS, die nationale Dachorganisation der Waldeigentümer. Eine der vielen Aufgaben von Waldwirtschaft Schweiz ist die praxisbezogene Aus- und Weiterbildung für Profis wie auch, so wie heute hier, für Laien.

Im Wald lauern beträchtliche Gefahren

Markus Ottiger simuliert gerade eindrücklich, wie es die laufende Motorsäge aus der Hand wuchten kann, wenn man sie falsch führt. Alle hier sind Waldmänner aus voller Begeisterung, doch keiner ist ein heldenhafter Motorsäge-Haudegen. Gestern erlebten sie in einem eindrücklichen Dokufilm, wie schnell und unerwartet es im Wald zu schrecklichen Unfällen kommen kann.

Doch die Waldarbeit hat vor allem helle Seiten. Kursteilnehmer Bernd Schulze – eben in Pension gegangen – schwärmt von seiner Leidenschaft in höchsten Tönen. «Hier in Siglistorf kennt sich natürlich jeder, und so fragte mich der Förster vor Jahren, ob ich nicht ein bisschen im Wald aufräumen wolle. Das gebe mir jede Menge Holz für mein Cheminée.» Schulze kam kräftig ins Holzen, von Jahr zu Jahr mehr. «Es hat mich völlig gepackt. Nicht nur des Holzes wegen», fügt der 65-Jährige an, «sondern auch, weil es schön ist, wenn wir durch einen sauberen Wald spazieren dürfen.»

Letztes Jahr brachte es Schulze im Alleingang auf eine Holzernte von 80 Ster. Diese Menge übersteigt den Hunger seines Cheminées um ein Vielfaches. Schon frühmorgens zieht es den ehemaligen Aussendienstmitarbeiter in den Wald, wo er Dachs und Fuchs, Reh und Wildschwein begegnet und sich die Drohkonzerte der Vögel anhören muss: «Komme ich im Wald an, trillern sie mir ein freundliches Ständchen, sie pfeifen dann aber ziemlich aggressiv, wenn ich mit der Motorsäge zu lärmen beginne. Als wollten sie mich auffordern, aus ihrem Wald zu verschwinden.»

Holzen wie Bernd Schulze darf im Prinzip jedermann. Weil die beruflichen Waldarbeiter vor allem das Grobe und Rentable aus unseren Wäldern holen, bleibt viel Mittelgrosses und Kleinholz liegen. «Wer daran interessiert ist, fragt auf der Gemeinde am besten nach dem Forstzuständigen», empfiehlt Kursleiter Ottiger. «In der Regel teilt er einem gerne einen Schlag zu, wo man aufräumen darf.» Hat der Förster einmal Vertrauen gewonnen, erlaubt er dem Hobby-Waldarbeiter auch schon mal das Fällen einzelner bezeichneter Bäume.

Sowohl der 63-jährige Kursteilnehmer Jakob Vonlanthen als auch sein jüngerer Kollege Heiri Tischhauser, die beide zu Hause Kachelöfen haben, beschaffen sich ihr Brennholz schon seit Jahren auf diesem Weg. Es macht Spass, man hält sich fit, und man spart erst noch Geld. Bei der Forstverwaltung im nahen Bad Zurzach heissen diese registrierten guten Geister offiziell Waldgeister. «Wir sind bestimmt drei Dutzend Waldgeister», schätzt Tischhauser. Dann und wann treffen sich diese Einzelkämpfer auch für Gemeinsames, nicht zuletzt zum «Wurschtbrötle».

Warum besuchen die Männer diesen Kurs, obschon ihnen die Motorsäge nicht unvertraut ist? Weil man nie auslernt! Weil Sicherheit immer wieder eingeübt werden muss. «Du vergisst immer wieder viel, Repetition tut gut», findet Tischhauser. «Und für meinen Förster, der eine gewisse Verantwortung hat, wen er in seinen Wald lässt, ist es eine Beruhigung, wenn er weiss, dass ich gut ausgebildet bin und die Sicherheitsmassnahmen einhalte. Also zum Beispiel eine Schnittschutzhose trage.»

Die Sicherheitsaspekte stehen bei diesem Motorsägehandhabungskurs ganz zuvorderst. Wenn die Männer einzeln an einem Baum arbeiten, ihn fällen, «entasten» und Stamm und Äste «ablängen», dann ruft sie Markus Ottiger immer wieder zusammen: «Ich habe vorhin, egal, wer es war, einen ziemlich groben Fehler gesehen, an dem wir wieder alle etwas lernen können.» Allzu leicht wird unterschätzt, wie kraftvoll sich gerade die elastischen Laubbäume gebärden können, wenn sie gefällt werden. Gespanntes Holz kann beim Trennschnitt blitzschnell den ganzen Stamm aufreissen.

Physikkenntnis ist hier überlebenswichtig

Wer den Baum vor dem Fällen nicht richtig studiert, geht Risiken ein und wundert sich dann, wie ganz anders als erhofft dieser auf den Waldboden donnert. Bernd Schulze hat früher einmal hautnah erlebt, wie es sich anfühlt, wenn ein dreissig Zentimeter dicker Baumstamm einen halben Meter am Kopf vorbeirast: «Ich spürte im Gesicht die Druckluft. Meine Frau, die zuschaute, hatte Augen, die ich so weit aufgerissen noch nie zuvor gesehen hatte. Doch», sagt er nachdenklich, «ein solcher Kurs macht ganz bestimmt Sinn.»

Die Fachausdrücke, die beim Fällen eine Rolle spielen, dürfen keine leeren Worthülsen bleiben: Hängerichtung, Fallrichtung, Wurzelanlauf, Zugzone, Fallkerbhöhe, Fallkerbdach, Fallkerbgrund, Stammachse … Es geht um angewandte Physik und um ein geschicktes Spiel mit enormen Kräften und Gewalten. Wie schnell doch, selbst bei einem bereits am Boden liegenden Stamm, verklemmt sich das Schwert der Motorsäge, wenn man nicht kühl überlegt, wo die Zug- und Druckkräfte wirken. Beim Znüni in der nahen Waldhütte gibt sich auch Jakob Vonlanthen überzeugt von diesem Kurs. «Ich werde mich jetzt auch ans Fällen von dickeren Bäumen wagen», sagt der 63- Jährige und beisst herzhaft in das dampfend heisse Schweinswürstchen.

Kurse für alle

Waldwirtschaft Schweiz WVS bietet in der ganzen Schweiz eine breite Palette von Ausbildungen und Kursen rund um den Wald an. Einige sind auch für Laien geeignet. Der Dachverband ist auch bereit, auf Anfrage hin Kurse abzuhalten und sie in der Nähe der Interessenten durchzuführen. Mehr unter www.wvs.ch  Dort können sowohl das Kursprogramm als auch der Katalog mit forstlicher Bekleidung, mit Werkzeugen und vielen Qualitätsprodukten bestellt werden.

Ein Ladengeschäft gibt es in Solothurn am Rosenweg 14, wo sich auch der Hauptsitz von Waldwirtschaft Schweiz WVS befindet, Telefon 032 625 88 00. Die Zeitschrift des Verbandes heisst «Wald und Holz» und erscheint zwölf Mal pro Jahr.  

Bild: redaktion zeitlupe

 

 

Kommentare

Bild des Benutzers Bernhard Schindler

Appenzeller in Australien

Bäume fällen ist eine Sache des Willens, der Ausbildung und der Erfahrung. Eines Tages meldete sich ein kleiner Appenzeller bei einem Sägereibesitzer in Australien und bot seine Dienste als Baumfäller an. Der Chef beauftragte ihn, einen Mammutbaum mit drei Metern Stammdurchmesser zu fällen. Der Appenzeller zog aus seinem Rucksack eine silberne Axt, schlug mehrmals zu und dann fiel der Baum korrekt dorthin, wo er fallen musste. Verblüfft sagte der Sägereibesitzer: "Wo haben Sie denn Holzfällen gelernt?" "In der Sahara!" "Aber dort gibt es doch gar keine Bäume!" "Keine mehr!" sagte der Appenzeller.